>> Aber, wo hast du denn geschlafen? Wieso bist du nicht zu mir gekommen? <<
>> Ach eigentlich war der Ort, an dem ich geschlafen habe, gar nicht so weit von dir entfernt. Ich habe Zeit für mich gebraucht und weil du so komisch zu mir warst, wollte ich lieber allein sein. <<
>> Was meinst du mit, nicht weit entfernt? Ich war überall, konnte aber nirgendwo eine Spur von dir entdeckt. <<
>> Na ja, um ehrlich zu sein, habe ich in deinem Garten übernachtet, im Baumhaus. <<
Ich weiß, dass sie seit Jahren nicht mehr da war und sie hat mich garantiert nicht dort gesucht. Um ihr nicht ständig in die Augen sehen zu müssen, starre ich konzentriert auf mein Eis, das bereits beginnt zu schmelzen.
>> Im Baumhaus? Du hättest zu mir kommen sollen. Ich war völlig aufgelöst. Ich weiß, dass ich falsch reagiert habe. Das war nicht in Ordnung << wiederholt sie sich und mein Blick spiegelt anscheinend meine Gedanken, denn sie spricht weiter.
>> Ich, ich wusste ehrlich gesagt nicht, was ich dir sagen sollte. Akira steht auf dich und deswegen hat er Lennox eine reingehauen. Er ist eifersüchtig gewesen. Er hat bestimmt noch nicht mit dir gesprochen und da wollte ich nicht so weit vorweggreifen. <<
Wie vom Donner gerührt sitze ich da. Gerade wollte ich mir den Löffel in den Mund schieben, doch bei ihren Worten hält mein Arm mitten in der Bewegung inne.
>>Was? << frage ich verwirrt.
>> Na, es ist doch offensichtlich, dass er auf dich steht. Er hat dich keine Sekunde aus den Augen gelassen. <<
Von wem spricht sie? Sie meint doch nicht Mister X.
Der Psycho steht ganz bestimmt nicht auf mich, der hat einfach nur ernste Probleme.
Als ich nicht reagiere und sie nur konsterniert ansehe, fühlt sie sich anscheinend genötigt weiterzusprechen.
>> Ich wollte gestern nach dem Unterricht zu dir und dir alles erklären. Dir Akira vorzustellen, damit ihr dieses Missverständnis aus der Welt schaffen könnt, doch dann bist du von der Bildfläche verschwunden. << endet sie.
Wieder bringe ich nur ein äußerst originelles >>Was?<< zustande und habe das Gefühl, meine Augen müssten mir jeden Moment aus dem Kopf fallen.
>> Was, was? Warum siehst du mich denn so an. Jetzt sage mir bitte nicht, dass du das alles so falsch verstanden hast. Akira? Der Typ mit den grauen Augen? Der von dem du deine Augen nicht lassen konntest und in dessen Armen du gelegen hast? Klingelt da gar nichts bei dir? <<
Sie meint ihn wirklich.
Ich kann es nicht glauben.
Wie konnte sie sich so eine Geschichte ausdenken?
Tamara war noch nie besonders kreativ was Lügen angeht, das kann nie und nimmer ihre Idee gewesen sein. Meine Gedanken schlagen Purzelbaum und ich bin noch immer sprachlos.
>> Bist du sicher, dass es dir gut geht? Hast du dir vielleicht irgendwo den Kopf angeschlagen? <<
Akira. Endlich hat dieser Kerl einen Namen und was für einen. Je öfter ich die fünf Buchstaben in meinen Kopf wiederhole, um so richtiger fühlen sie sich an. Wieso nur habe ich das Gefühl, diesen Namen schon einmal gehört zu haben?
Bevor Tami noch auf die Idee kommt einen Arzt zurufen, räuspere ich mich mehrfach und lege meine Stirn in Falten.
>> Nein. << platzt es aus mir heraus, während mein Hirn versucht die ganzen Informationen abzuspeichern.
>> Nein? Was, nein? Nein du hast nicht bemerkt, dass er auf dich steht, oder nein, du hast dir nicht den Kopf gestoßen? <<
Ich schüttle leicht den Kopf. Jetzt bloß nicht die Deckung fallen lassen.
>> Sorry, ich musste das erst einmal verarbeiten und nein mit meinem Kopf ist alles in Ordnung. Wie hätte ich bei dem Kerl darauf kommen können, dass er Interesse an mir hat? Ich jedenfalls habe keines. Ich habe ihn nur deswegen angesehen, weil er Lennox geschlagen und mich penetrant beobachtet hat. Für mich war es eher unheimlich, so intensiv angeschaut zu werden. Ich meine, hallo wir haben, wie du schon gesagt hast, noch kein Wort miteinander gewechselt. Du musst ihn mir auch nicht vorstellen. Je mehr Abstand zwischen ihm und mir existiert, um so besser. <<
>> Du stehst nicht auf ihn? Wirklich nicht? Ich meine, bist du dir sicher? Du hast doch sogar von ihm geträumt. Ich dachte, dass würde etwas bedeuten, als ihr euch dann so angesehen habt. Ich dachte, bei euch hätte es gefunkt.<<
Pff.
Als würde ich so einen arroganten Schönling toll finden. Wozu ist sie eigentlich meine beste Freundin, wenn sie mich so schlecht kennt?
Sollte nicht gerade sie wissen, welchen Typ Mann ich mag? Das Eis habe ich schon längst vertilgt, also muss ich mich mit dem Eistee beschäftigen, damit ich ihrem Blick aus dem Weg gehen kann.
>> Du weißt, dass die Verpackung schön sein kann, aber wenn nichts als Luft im Inneren ist, habe ich kein Interesse. Dieser Freak sieht ja vielleicht ganz nett aus, aber nach seinem Verhalten zu urteilen, scheint er nicht besonders intelligent zu sein. Ach so und um dich aufzuklären, ich habe nicht von ihm geträumt, sondern von grauen Augen und auch nur diese eine Nacht, verstanden. Heute Nacht habe ich von Lennox geträumt, meinst du, ich male mir jetzt eine romantische Zukunft mit dem aus? <<
>> Du? Du hast von Lennox geträumt? << erklingt ihre nun schrille Stimme und ich schaue sie argwöhnisch an.
>> Ja. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass ich was von ihm will. <<
Sie hält sich die Hände vor die Augen und läuft plötzlich panisch von rechts nach links.
>> Nicht gut, das ist gar nicht gut. <<
Holla, was ist denn jetzt passiert?
Habe ich irgendwas verpasst?
>> Tami? Alles klar? Es war nur ein Traum. << als sie begreift, dass sie wie ein Aufziehmännchen auf Speed durch die Gegend rennt, bleibt sie abrupt stehen und sieht mich wortlos an.
>> Tamara? << wiederhole ich und stehe auf, um mich davon zu überzeugen, dass sie nicht gleich umkippt. Deutlich blasser als zuvor, versucht sie zu lächeln, was ihr jedoch gründlich misslingt.
>> Es ist alles in Ordnung. << sie räuspert sich, schließlich ist ihr selbst aufgefallen, dass sie nicht den Eindruck vermittelt, was sie von sich gibt, würde stimmen.
>> Bitte Sophie, du musst mir ganz genau erklären, was du geträumt hast. << drängt sie und ich ziehe fragend eine Augenbraue in die Höhe, als sie sich vor mich setzt.
Wieso ist es so wichtig, was ich träume?
Mir ist nicht wohl dabei ihr von meinem viel zu realen Traum zu erzählen, also denke ich mir eine Geschichte aus, welche ich ihr als Traum verkaufen kann. Sie sieht so aufgelöst und verzweifelt aus, dass ich Angst habe, sie könnte tatsächlich umfallen, sollte ich es nicht tun.
Schnell erzähle ich ihr von einem Einkaufstrip mit Lennox, der voll ausgestattet mit Reizwäsche, im Hunke Möller steht und Herrn Ostenwald, der ihn um Tipps bittet. Sie starrt mich mit offenem Mund an, ohne einen Ton von sich zugeben.
Mist, wahrscheinlich habe ich zu dick aufgetragen. Unvermittelt beginnt sie zu lachen und stürzt beinah vom Sofa. Das Gelächter wird nur von einem bösen Schluckauf unterbrochen, der sich dazwischenschiebt.
Unsicher beobachte ich sie dabei, wie sie sich auf dem Boden kringelt. Als ich mir die Geschichte im Kopf mit Bildern vorstelle, ergibt alles eine äußerst amüsante Story und ich stimme mit ein. Tami beruhigt sich nur sehr langsam und sieht mich immer wieder kopfschüttelnd an.
>> Wie kommt deine Fantasie denn bitte auf so was? <<
Ich zucke mit den Schultern, gebe ihr aber keine Antwort.
Die Anspannung, die zwischen uns geherrscht hat, ist durch diese Alberei von uns gefallen und Tamara hat mittlerweile wieder eine gesunde Gesichtsfarbe. Sie leert den halben Krug Eistee auf Ex, um den Schluckauf wieder loszuwerden.
Читать дальше