Mit wild klopfendem Herzen schrecke ich auf und brauche einige Minuten, um mich zu orientieren. Wald, Höhle, See. Keine Burg, keine Reiter. Die Realität greift mit ihren Klauen nach mir und mir wird schmerzlich bewusst, warum ich mich hier befinde. Das Shirt, welches ich anhabe, klebt mir am Körper. Ich ziehe es mir über den Kopf, während ich aufstehe und auf den See zu gehe, dessen Wasser noch immer genauso glasklar ist, wie vor 12 Jahren.
Lange brauche ich nicht überlegen, ziehe mir auch meine Shorts aus und sehe mich um.
Soll ich es wagen?
Es ist ja niemand hier, der mich beobachten könnte. Kurzerhand entledige ich mich auch meines BHs und meines Höschens. Mit dem kleinen Zeh voran, teste ich das kühle Nass. Kurz bin ich verunsichert durch die Kälte, die das Wasser trotz der hohen Temperaturen hat, bin dann aber mit einigen, langen Zügen in der Mitte des Sees und tauche vollständig unter. Das kalte, klare Wasser ist wie Balsam auf meiner überhitzten Haut und für meine sich überschlagenden Gedanken. Auf den Rücken gedreht, lasse ich mich treiben. So schaue ich mit offenen Augen in den blauen Himmel. Die Geräusche um mich herum, nehme ich durch meine überreizten Sinne viel deutlicher wahr. Jeder Vogel, jeder knackende Ast im Unterholz, alles höre ich so laut, als würde es neben meinem Ohr geschehen. Als meine Haut schon schrumpelig ist, tauche ich noch einmal tief unter die Oberfläche und schwimme gemächlich zum Rand zurück.
Das Wasser hat mir gutgetan und mich ein wenig geerdet. So bleibe ich, wie Gott mich schuf Zurück in meinem Unterschlupf trinke ich mehrere Schlucke Wasser. Anschließend hole ich mein Buch heraus und versuche mich abzulenken, doch wie nicht anders zu erwarten, kann ich mich nicht konzentrieren.
Vielleicht sollte ich es mit Yoga probieren?
Nachdem ich, durch die aufgeheizte Luft schnell getrocknet bin, schlüpfe ich in meine Unterwäsche und Shorts und versuche mich an einer Meditation. Hoffentlich hilft mir das, einen klaren Kopf zu bekommen.
Im Schneidersitz und mit geschlossenen Augen atme ich tief ein und aus. Unvermittelt beginnt mein Unterbewusstsein, die Szenen aus meinem Traum zu wiederholen.
Wieso träume ich so etwas?
Was will es mir damit sagen?
Ich kann mich nicht daran erinnern, dass ich in letzter Zeit einen Film gesehen habe, in dem es um Ritter ging. Auch in Geschichte sind wir bei einem vollkommenen anderen Thema und der letzte Urlaub, in dem ich Schlösser und Burgen besichtigen musste, ist schon länger her.
Bei meinen Eltern gehört das zum Kulturprogramm, schließlich soll ich auch die Geschichte des Landes, in dem ich bin, kennenlernen.
Der Traum tritt Bild für Bild vor mein inneres Auge und ich erkenne, dass die Frau, von der ich ausgegangen bin, ich zu sein, ein wenig anders aussieht.
Ihre Augen sind eine Spur heller als meine, ihre Nase ein kleines bisschen größer und ihre Lippen auf schöne weiße voller. Würde ich neben ihr stehen, könnte man uns für Zwillinge halten oder Doppelgänger. Im Traum war es so, als wären ihre Gefühle, die meinen, als wäre ich sie.
Es hat sich so echt angefühlt.
Die Sehnsucht, die ich verspürt habe, als ich die Reiter gesehen habe, war wie ein Stich ins Herz. Dasselbe Gefühl hatte ich, als der Junge mit den grauen Augen mich, nach unserem Zusammenstoß losgelassen hat.
Wahrscheinlich versucht mein Herz den Moment mit diesem eigenartigen Traum zu kompensieren, anders kann ich es mir nicht erklären.
Müde von meinem Gedankenkarussell, reibe ich mir über die Augen und fasse den Entschluss herauszubekommen, was Tamara‘s Verhalten und das Gespräch zwischen ihr und den Fremden zu bedeuten hat.
Ich muss wissen, was sie von mir wollen und wer noch alles mit drinsteckt. Um herausfinden, womit ich es zu tun habe, werde ich mitspielen und die ahnungslose, treuherzige und dumme Freundin mimen. Sobald ich weiß, was ich wissen will, werde ich alle zur Rede stellen. Angefangen mit Tamara. Nur muss ich aufpassen mich nicht zu verraten, ich darf mein Wissen nicht zu früh preisgeben.
Die Tamara, die ich als meine beste Freundin kenne, hat sich meistens verplappert, wenn sie ein Geheimnis bewahren sollte. Es wird also kein Problem darstellen, die Wahrheit aus ihr heraus zu kitzeln.
Morgen früh werde ich Tami auf den Zahn fühlen. Mit Sicherheit sucht sie schon nach mir. Diese Typen haben es geschafft meine Schule zu infiltrieren, dass sie mich noch nicht gefunden haben, liegt nur daran, dass Tamara den Ort hier nicht kennt. Sonst wäre sie schon längst hier aufgetaucht.
Durch die neugewonnenen Erkenntnisse und dem Wunsch meinen Plänen Taten folgen zu lassen, fühle ich mich gleich leichter ums Herz und ich schließe zufrieden die Augen. In dieser Nacht werden meine Träume zwar wieder von den grauen Augen begleitet, doch es ist ein erholsamer Schlaf. Die Sonne steht bereits hoch am Himmel, als ich erwache und die Temperaturen kratzen am unerträglichen.
Meinen Rucksack habe ich schnell gepackt und so bin ich in Windeseile bereit für den Weg zurück in die Zivilisation. Auf dem Wald Pfad schalte ich mein Handy wieder ein und wie nicht anders zu erwarten, ist die Mailbox genauso, wie mein WhatsApp Chat gefüllt mit Nachrichten.
Zufrieden stecke ich das Gerät wieder in meine Tasche, beschließe erst mein Gepäck zuhause abzuladen und mich dann bei ihr zu melden.
Zwei Stunden später stehe ich frisch geduscht am Schultor. Ich werde nicht enttäuscht, als sie mit Maxwell im Schlepptau kaum, dass der letzte Gong verhallt ist, auftaucht. Ihr fallen bald die Augen aus dem Kopf, als sie mich sieht. Let´s the Show begin, denke ich und starte das Schauspiel.
>> Tamiiiii. Endlich, mein Akku war leer und ich konnte es erst heute Morgen laden. Sorry, du bist mir aber nicht böse, oder? << frage ich.
Überrascht sieht sie mir entgegen und beschleunigt ihre Schritte, bis sie vor mir steht.
>> Wo warst du? Ich habe mir Sorgen gemacht und dich überall gesucht. Was ist denn bloß passiert? << platzt es aus ihr heraus.
Oook. Ich kann mich ja täuschen, aber ihre Sorge sieht für mich echt aus. Eventuell habe ich mich doch getäuscht und sie ist gar nicht so verlogen.
Stutzend blicke ich sie reumütig unter den Liedern hervor an, was so, wie ich hoffe, einen beschämten Eindruck auf sie macht.
>> Mir war gestern alles zu viel. Du warst so komisch zu mir und dann die Prügelei und das alles. Überhaupt war mein Tag gestern beschissen. Ich konnte einfach nicht hier in der Schule bleiben, das verstehst du doch. <<
Sie macht einen betroffenen Eindruck.
Super mein Talent scheint auszureichen.
>> Ach Süße, das war alles meine Schuld. Ich hätte dich nicht stehen lassen dürfen. <<
Ja genau, dass hättest du früher nie getan.
>> Wieso hast du mir denn nicht wenigstens kurz Bescheid gesagt, oder mir eine Nachricht hinterlassen? Ich habe bei deinen Eltern angerufen und sie sagten, du wärst bei Eva. << sprudelt es aus ihr heraus, sodass sie tief einatmen muss, bevor sie weiterredet.
>> Wo warst du denn nur? <<
Ja, das würdest du wohl gerne wissen. Das kannst du schön vergessen.
>> Wollen wir zu mir? Dann kannst du mir alles erzählen.<<
>> Ja ich denke, das sollten wir machen. << gebe ich so unschuldig, wie möglich zurück. Sie verabschiedet sich von Max, der Gentleman like in einigen Metern Entfernung gewartet hatte und tritt mit mir gemeinsam den Heimweg an.
Nachdem wir es uns auf dem Sofa, mit einer großen Portion Eiscreme und einem Krug Eistee, gemütlich gemacht haben, beginnt sie mit ihrer Inquisition.
>> So, nun erzähl mal. Wo warst du? <<
>> Ach eigentlich überall und nirgends. Hauptsächlich bin ich ziellos durch die Gegend gelaufen. Ich kann mich gar nicht so genau erinnern. << weiche ich ihr aus, als sie mich argwöhnisch ansieht.
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