>> Zurückhaltung, hast ja gerade du richtig drauf. Wer hat denn das kleine Jüngelchen abserviert, als der Angebetete aufgetaucht ist? <<
Was zur Hölle geht hier vor? Ich starre die Tür vor mir an.
Mühevoll kämpfe ich gegen den Drang an einfach die Tür einzutreten und mir meine Erklärungen zu holen.
>> Leute wir müssen uns beeilen und dürfen nicht alle gleichzeitig hier raus. Ich würde sagen …<<
Schnell rücke ich von der Tür ab und sprinte zum Treppenaufgang der Feuertreppe, um in Deckung zu gehen.
Gerade, als ich die Tür lautlos hinter mir geschlossen habe und durch das kleine Fenster spähe, öffnet sich der Bioraum und herauskommen Tami, Maxwell, Lennox, Nummer Sieben, Nummer Acht sowie Mister X und sechs weitere Jungen, deren Namen ich bisher noch nicht in Erfahrung bringen konnte. Das ist die komplette Hälfte, der ausländischen Klasse, welche bei uns untergebracht wurde.
Verstohlen schiele ich durch das kleine Türfenster, bedacht drauf nicht entdeckt zu werden, auf jeden einzelnen der Jungen. Als die Mannschaft vom Flur verschwunden ist, lehne ich mich an die Wand und rutsche an ihr entlang zu Boden, meine Beine hätten mich keine Minute länger getragen.
Was soll ich jetzt nur tun?
Wie unter Schock starre ich ins Leere.
Weg.
Das ist der einzige Gedanke, der in meinem Kopf kreist.
Ich muss hier unbedingt weg.
Tamara hat mich belogen, meine beste Freundin hat mir etwas vorgespielt und diese Typen? Wer sind die?
Was wollen die von mir?
Was zum Teufel, wollen die alle von mir?
Ich fühle mich zutiefst verraten und hintergangen. Keine Minute länger halte ich es hier aus und ich setze mich bestimmt nicht zu diesen verlogenen Menschen, in den Klassenraum.
Vor Wut treten mir die Tränen in die Augen und ich kämpfe mich auf die Füße. Eilig laufe ich die Feuertreppe nach unten und warte bis der zweite Gong, der anzeigt das die Stunde beginnt, ertönt.
Vorsichtig blicke ich in alle Richtungen, versichere mich, dass ich nicht von anderen Schülern oder Lehrern gesehen werde und haste über den Hof. Sobald ich die Grenze des Schulgeländes erreicht habe, beginne ich zu rennen. Ich renne so schnell, dass meine Beine beginnen zu brennen und das Seitenstechen fast unerträglich wird.
Mein Zuhause kommt in Sicht und ich werde langsamer.
Zuhause, Sicherheit.
Glücklich darüber unser Haus zusehen, komme ich keuchend zum Stehen und stütze mich für einen Moment auf meinen Knien ab. Meine Eltern sind noch nicht zuhause, so kann ich, ohne verhört zu werden meine Sachen packen. Auf dem Weg hierher ist mir eingefallen, wohin ich gehen kann und ich so schnell nicht gefunden werde.
Mit großen Schritten fege ich die Treppe nach oben in mein Zimmer, schnappe mir meinen Campingrucksack und stopfe alles rein, um 2 bis 3 Tage über die Runden zu kommen. Zusätzlich mit meinem Schlafsack ausgestattet, mache ich einen Abstecher in die Küche, in der ich alles in den Rucksack werfe, wovon ich denke, dass ich es brauchen kann. Inklusive so viel Schokolade, wie ich in die Hände bekomme.
Damit Mom und Dad sich keine Sorgen machen, pinne ich schnell eine Nachricht an den Kühlschrank. „Schlafe die nächsten Tage bei Eva. Ich melde mich. Kuss Sophie“.
Vor Jahren haben Tamara und ich, uns Eva ausgedacht. Sie war unsere Lösung, um ungestört von unseren Eltern campen zu gehen.
Als wir das erstmal allein unterwegs waren, haben ihre, wie auch meine Eltern so oft angerufen und uns gefragt, ob wir noch am Leben sind, dass das den ganzen Spaß ruiniert hat.
Dem Rucksack füge ich mein Lieblingsbuch, sowie eine Taschenlampe aus der Küche hinzu und verschnüre alles bevor ich ihn schultere.
Wieder auf der Straße, schlage ich den Weg zum Wald ein, in den ich ziellos gehe.
Diese Freaks werden mich garantiert zuerst bei mir zuhause suchen, denke ich mit einem Lächeln auf den Lippen. Da wo ich hingehe, wird mich niemand finden, nicht einmal Tami.
Nach etwa 20 Minuten finde ich den richtigen Weg und brauche noch einmal 1 Stunde Berg auf, bis ein großes, freies Stück Wiese kommt. Von hier aus vergehen weitere 15 Minuten und endlich erstreckt sich vor mir ein kleiner Bergsee. Direkt hinter dem See, liegt versteckt eine kleine Höhle, in der ich, als ich noch sehr klein war, mit Dad verstecken gespielt habe.
Diesen Ort, der für die nächsten Tage meine Zuflucht sein wird, haben meine Eltern öfter besucht. Sie haben sich dorthin einfach zurückgezogen, als wir das alte Bauernhaus mit Garten noch nicht hatten.
Zielstrebig laufe ich auf die Höhle zu und beginne den heutigen Tag zu überdenken. Die Fragen, die sich heute zu denen von gestern gesellt haben, lassen sich jedoch nicht so leicht beantworten. Noch immer bin ich fassungslos darüber, dass meine beste Freundin in alles involviert ist und versucht hat mich zu manipulieren. Ich versuche mich an den genauen Wortlaut zu erinnern, den sie benutzt hat, doch die Worte wollen mir nicht einfallen. Das Einzige, an das ich mich erinnern kann, ist das sie seit Anfang an ein falsches Spiel gespielt hat.
Wie konnte ich so blind sein? Sie hat mich die ganze Zeit für dumm verkauft.
Hat sie mich immer belogen, die ganze Zeit?
Kann sich ein Mensch 17 Jahre verstellen?
Ich weiß einfach gar nichts mehr.
In der Höhle befreie ich mich von meiner Last, breite den Schlafsack davor aus und hole die erste Tafel Schokolade und ein Sandwich, welches ich im Kühlschrank gefunden habe, hervor.
Alles hier sieht so aus, wie ich es in Erinnerung habe. Kurz habe ich das Gefühl, die Zeit wäre stehen geblieben. Leider weiß mein Kopf, das dem nicht so ist und die Harmonie, welche die Natur mir hier vorgaukelt, in meinem Leben nicht mehr existiert.
In den Tagen, die ich mir durch meine Auszeit verschafft habe, muss ich überlegen wie ich weiter machen will und wie ich mit meinem neuen Wissen umgehe.
Als ich nach der Schokolade greife, streifen meine Finger über mein Handy. Ich nehme es in die Hand und schalte es aus. Das hätte ich vorhin schon tun sollen. Diese fremden Jungen werden es wohl kaum anpeilen können, aber sicher ist sicher.
Satt lege ich mich auf mein Lager und versuche tiefatmend auszublenden, was in meinem Leben gerade alles schiefgeht.
Es gelingt mir nicht zu vergessen. Ohne Unterlass, kreisen die nervigen Gedanken, gepaart mit Fragen in meinem Kopf und ich stöhne frustriert auf. Ich kämpfe mit den Tränen, die sich immer schneller in meinen Augen bilden. Den Kampf verliere ich kläglich. Zu groß ist der Schmerz, welchen ich verspüre, wenn ich an meine Freundin denke.
Kaum, dass sich die erste Träne über meine Wange einen Weg in die Freiheit gebahnt hat, ist der Damm gebrochen. Ich weine um den Verrat und um den dämlichen Jungen mit den grauen Augen, obwohl ich nicht einmal seinen Namen kenne.
Das Schlimmste für mich, was mich noch mehr beschäftigt, als die Verschwörung, die sich um mich herum ausgebreitet hat, ist das dieser Fremde, in dessen Armen ich lag und in dessen Blick ich versunken bin, mich einfach nicht loslässt.
Ich kann ihn nicht einmal leiden, er ist viel zu arrogant und siegessicher. Allein bei dem Gedanken, wie er mit Lennox umgesprungen ist, verspüre ich eine nie gekannte Abneigung gegen ihn. Und doch hält er mich in seinem Bann gefangen.
Die Anstrengung der Wanderung macht sich bemerkbar und ich kann kaum noch die Augen offenhalten.
Die ganze Heulerei hat ihr übriges getan und so falle ich erschöpft in einen erschreckend realen Traum.
>> Seit Stunden stehe ich hier. Hoch oben am höchsten Punkt der Festung. Der Wind zerrt an meinem Kleid und meinem offenen Haar. Die Frisur, die mir meine Zofe aufwendig geflochten hat, hat sich längst aufgelöst.
In der Ferne sehe ich sie, gerade aufgerichtet auf ihren prachtvollen Pferden, die sich der Burg nähern. Elf Rösser mit elf Reitern, doch nur auf den einen warte ich. Bald wird er bei mir sein, bald kann ich ihn in meine Arme schließen.<<
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