Die Füchsin legte ihre Hände flach auf das Rad vor sich, starrte nachdenklich darauf, ehe sie hinaussah. Schließlich schien sie sich zu einer Entscheidung durchgerungen zu haben.
„Wenn ihr mir was antun wolltet, dann hättet ihr es längst getan, denke ich.“ Sie sah sich fragend um, „Ich nehme euch ein Stück mit, und wenn ihr irgendwo aussteigen wollt sagt ihr Bescheid.“ Sie sah wieder nach draußen. „Ich weiß ich bin närrisch, ...dennoch.“ Sie schaute Dougal an.
Ich erwiderte ihren Blick, ehe ich Blicke mit den anderen tauschte und stille Zwiesprache mit ihnen hielt.
„Das ist ein großzügiges Angebot.“ Wieder bemerkte ich ihre fragend in die Höhe gezogenen Augenbrauen.
„Ich fahre jetzt los?!“ Sie steckte einen kleinen Metallstab unter das Rad und drehte ihn.
Das Gefährt begann zu beben und ich hörte das seltsame, brummende Geräusch. Ich griff neben mich um irgendwo einen Halt zu finden. Ich blickte ängstlich zu ihr, doch sie schien meine Sorgen gar nicht zu bemerken. Sie sah nach vorne und griff mit der rechten Hand nach unten neben sich, wo sie allerdings nur meine Hand zu fassen bekam. Erschrocken wandte sie sich mir zu.
Flanna bemerkte ihre leichenblassen Gesichter. „Meine Güte, was ist denn los?“ Sie lachte verstört. „Man könnte meinen ihr wärt niemals zuvor mit einem Auto gefahren!“
Ich richtete mich auf steif noch mehr auf. „So ist es. Und wir wollen es auch nicht, bitte, wir steigen wieder aus.“
Sie schüttelte den Kopf. „Ich dachte das hätten wir geklärt! Macht die Augen zu, wenn es so schrecklich ist!“ sie beachtete uns nicht weiter.
Sanft, aber bestimmt nahm sie meine Hand zur Seite und schob einen Stab nach vorn. Das Gefährt setzte sich in Bewegung. Es gab einen leichten Ruck. Die Schneeflocken schienen sich gezielt zu sammeln, um alle gemeinsam auf die durchsichtige Wand vor uns zu zustürmen. Zwei Stäbe bewegten sich hin und her und schoben dadurch den Schnee zur Seite.
Ich wurde das Gefühl nicht los, daß wir zunehmend schneller wurden, denn die Landschaft schien nur so an uns vorbeizurauschen. Hinten begann Calum zu würgen.
Die Füchsin sah fragend in seine Richtung. „Soll ich anhalten?“
Calum brachte ein Nicken zustande.
Sie hielt.
Calum fingerte gehetzt an der Klappe herum.
„Da unten. Der Griff da. Ziehen“, sagte sie und zeigte zur Klappe.
Calum zog und die Klappe sprang auf. Er stürzte nach draußen, wo er sich sofort übergab.
„Seltsam“, sagte die Füchsin leise, mehr zu sich selber. „Als würde er das erste Mal Auto fahren. Sie wandte sich mir zu. „Bitte, und ehrlich, wer seid ihr und woher kommt ihr?“
Ich sah sie eine Weile still an, war versucht wie Calum aus dem Wagen zu stürzen, denn auch in meinem Magen rumorte es. Sie wartete auf eine Antwort, dabei war ich mir nicht im Klaren darüber, was ich ihr sagen sollte. Ich sah Gavin an, während Calum ächzend wieder einstieg und sich mit blassem Gesicht neben Eithne setzte.
Gavin nickte. „Ich werde alles erzählen“, sagte er leise.
Ich war froh, daß ich es nicht tun mußte.
Gavin räusperte sich. Die Füchsin starrte wie gebannt auf den schwarzen Weg hinaus. Ohne sich umzuwenden sagte sie: „Ich höre.“
„Wir sind drei der Söhne von MacDougal. Dougal MacDougal, Calum MacDougal und ich bin Gavin MacDougal und dies ist unsere Schwester, Eithne NicDougal“, er sah zu seiner Linken in den Schnee hinaus, „alles begann gestern Morgen damit, daß die MacBochras...“
„MacBochra?“ warf die Füchsin fragend ein und ihre Lippen wurden schmal.
Gavin ließ sich nicht aus der Ruhe bringen, obwohl ihn ihre Nachfrage verwirrte. „Aye, die MacBochras. Sie überlisteten uns drei, fingen uns ein und schleppten uns zu den heiligen Steinen und zu Gemmán, um uns ein Geheimnis zu entlocken.“
Sie drehte sich zu Gavin um, der sich ihr ebenfalls zuwandte. „Welcher MacBochra und wer ist Gemmán, und zu welchen Steinen?“
Gavin nickte ergeben. Er hatte eine rauhe, trockene Stimme. „Die heiligen Steine der Druiden und Gemmán ist ein mächtiger Druide. Und die MacBochras sind unsere Feinde.“
„Feinde?“
„Aye, seit vielen Jahrzehnten.“
„Und der Druide?“
„Sehr mächtig. Er beschäftigt sich mit Dingen, die er lieber auf sich beruhen lassen sollte.“
„Und was hat das mit den Steinen zu tun?“
Gavin schüttelte den Kopf. „Dort haben sie uns verflucht und entehrt.“
Ich mischte mich ein: „Sie schlugen Gavin bewußtlos und Calum grün und blau. Sogar Eithne wurde von ihnen ins Gesicht geschlagen!“
„Und dir haben sie die Rippen gebrochen, diese Scheißkerle! Sie werden für alles büßen!“ Calum sprach sich in Zorn, doch ich brachte ihn mit einer Geste zum Schweigen.
Unter dem begutachtenden Blick der Füchsin, die sich anscheinend bemühte meine gebrochenen Rippen durch mein Hemd zu erkennen, sprach ich weiter. „Die MacBochras legten uns auf den Altarstein“, ich sah hinaus und konnte nur leise weiter sprechen. „Wir hofften, daß unser Vater uns helfen würde, doch uns wurde schnell klar, daß er und unsere Leute zu spät kommen würden. Gemmán sprach über uns magische Worte, die unsere Körper verschwinden ließen.“ Ich starrte auf meine Hände. „Eithne kam in diesem Augenblick zu uns.“ Ich versuchte Eithne anzusehen, doch sie wich mir aus. „Als wir wieder aus dieser eigenartigen Ohnmacht erwachten, fanden wir uns vor dem großen grauen Gebäude wieder, dort wo das Sonnenlicht eingefangen wurde und durch spitzzulaufende Lichteinwürfe wieder heraus will, mit dem hohen Turm.“ Wenn ich meinen eigenen Worten zuhörte, klang alles verwirrend, wie sollte das jemand glauben, geschweige denn verstehen?
„Die Kirche?“ warf die Füchsin ein.
„Wir haben keinerlei Ahnung wo wir uns befinden, oder wie wir wieder in unsere Heimat zurückkehren können. Hier ist alles so fremd, so seltsam und beängstigend.“
Die Füchsin sagte eine Weile gar nichts, lediglich ihre Finger schlossen sich so stark um das Rad vor ihr, daß ihre Knöchel weiß hervortraten.
Das Schweigen zermürbte mich, ich räusperte mich leise.
Schließlich wandte sie sich uns zu. „Man... Ihr erzählt mir eine Geschichte von einem Druiden der euch hierher zauberte, obwohl ihr zuvor woanders wart?“ sie holte Luft. „Wann seid ihr tatsächlich geboren?“ In ihren Augen loderte etwas lauerndes, daß mir Angst machte.
Ich wußte nicht bestimmt wann wir geboren waren. Das war unwichtig. Trotzdem, ich mußte ihr antworten. „Vor Beltaine bin ich geboren.“
Sie schüttelte den Kopf. „Quatsch Beltaine, ich meine in welchem Jahr?“
Ich zuckte die Schultern. „Unser König ist Coinneach MacAilpin wenn dir das weiterhilft“, antwortete ich tonlos.
Ihre Augen weiteten sich, als sähe sie ein Ungeheuer. „Ihr wollt mir weiß machen, daß ihr aus einer anderen Zeit kommt! Genauer von 843 oder 844 nach Christi Geburt! Ist euch das klar?“ Sie lachte bissig auf. „Glaubt ihr ich bin Plemm-plemm?“ Sie schüttelte wütend den Kopf. „Das haben sich irgendwelche Leute vom Mittelaltermarkt ausgedacht, oder? Mit mir kann man’s ja machen!“ Sie lachte trocken. „Nur weil ich mich für Schottland begeistere, bin ich doch nicht bescheuert!“
Sie suchte in unseren Gesichtern eine Bestätigung ihrer Vermutung, doch offensichtlich erhielt sie nicht die Antwort die sie erwartete, denn sie schlug zornig mit der flachen Hand auf das Rad. Als sie uns ihr Gesicht wieder zuwandte schien sie sich innerlich entschlossen zu haben und ihr Gesichtsausdruck gefiel mir gar nicht.
Gavin mußte es ähnlich gehen, denn mit einem Mal hielt er ihr seinen Sgian Dhub an die Kehle. Er, der sonst keiner Fliege ein Leid antat.
Читать дальше