Jack grinste, als hätte man ihn gerade zum neuen Mister Schweiz gewählt. Siegessicher streckte er beide Daumen in die Luft.
„Gott, mit dir stimmt echt was nicht, weisst du das?! Du solltest dich mal sehen.“ Rahul schüttelte den Kopf. „Du weisst wirklich nicht, wieso ich hier bin – stimmt's?“ Jack zog als Antwort die Schultern hoch und machte ein dummes Gesicht. „Ich bin hier, weil sie dich hat sitzen lassen, weil ich dachte, dass es dir dreckig geht, dass du am Boden liegst, zerstört, hoffungslos, nur noch ein bedauernswerter Schatten deiner selbst.“ Ein Gedanke schoss ihm durch den Kopf. „Sie hat dich doch nicht etwa wieder zurückgenommen?“
„Oh nein, wo denkst du hin.“ Jack fasste sich ans Kinn, „obwohl … es fällt dem alten Mädchen sicher sehr schwer, diesen Schritt nicht zu tun, schliesslich weiss sie, was sie an mir verloren hat.“
Rahul stöhnte auf.
Jack gab auf: „Okay, Spass beiseite, du hast ja recht. Es hat mich anfangs ganz schön umgehauen, aber die Geschichte mit Eliane hat sich einfach totgelaufen. So gesehen, bietet sich mir jedoch die einmalige Chance, nochmals ganz von vorne zu beginnen. Und zum Auftakt dazu gönnen wir uns jetzt erst mal unseren wohlverdienten Urlaub.“
„Gut, dann lass mal hören: Was sind deine Pläne?“ Rahul zog sich einen Hocker heran, doch Jack hielt ihn zurück.
„Lass uns erst von hier verschwinden und sehen wir zu, dass du deine Sachen verstauen kannst.“
„Gut, aber hast du denn schon eine neue Bleibe?“ Rahul warf einen skeptischen Blick auf Jacks feuchte, zerknitterte Jeans.
Jack registrierte Rahuls Blick. „Oh, schau da einfach nicht hin. Daran ist nur das miese Wetter schuld.“
„Okay, aber dir ist schon klar, dass ich auf keinen Fall mit dir im selben Zimmer hause?“
Jack verdrehte die Augen. „Du bist ein Snob.“ Er wies auf die Reisetasche. „Ist das alles, was du dabeihast?“
„Mehr brauche ich nicht.“ Rahul knetete sich den schmerzenden Nacken - der lange Flug von Delhi nach Zürich hatte strapaziöse Spuren hinterlassen. „Ich bin schliesslich nicht das erste Mal hier. Sogar ich weiss: In der Schweiz gibt es nichts, was man nicht kaufen kann – das stimmt doch? Ausserdem …“, fügte er so beiläufig wie möglich hinzu, „habe ich noch ein paar Sachen in meinem Ferienhaus rumliegen.“
Jack riss vor Verblüffung den Mund auf. „Du hast – was? Ein Ferienhaus? Hier – in meinem Land?“
„Ich dachte, du wüsstest davon? Wir waren oft da, meine Frau und ich.“
„Du bist verheiratet?“ Jack war geschockt.
„War. Sie ist gestorben.“
„Oh, tut mir leid. Wieso hast du mir nie etwas davon erzählt?“
„Ich rede nicht gerne darüber. Ausserdem war das vor unserer Zeit.“ Mehr sagte er nicht.
„Aber das mit dem Ferienhaus, das wenigstens hättest du mir gegenüber erwähnen können“, empörte sich Jack. „Wo …?“
Noch ehe Jack sich inhaltlich näher auf das Haus einschiessen konnte, klemmte Rahul erneut ab. Er hob seine Tasche vom Boden. „Also, was ist? Ich dachte, wir wollten fahren!“
„Nur zu“, brummte Jack und ging den Flur entlang voraus Richtung Parkplatz. Rahul folgte ihm.
Sie standen unter dem Vordach des Hinterausgangs. Ein stetes Rauschen lag in der Luft, vermischt mit dem frischen Geruch des Regens. Der Wagen war hinter dem nassen Vorhang kaum noch auszumachen; wenigstens hatte der Wind etwas nachgelassen.
Jack rannte zum Jeep, Rahul hinterher. Während Rahul sich hastig auf den trockenen Beifahrersitz hievte, versuchte Jack Rahuls Reisetasche irgendwo im Fond in eine Lücke zu quetschen – aber es war hoffnungslos. Obwohl die Tasche nicht sehr gross war, fand sich kein freier Platz. Kurzerhand drückte er sie Rahul in den Schoss. „Hier! Sieht so aus, als müsstest du sie doch bei dir behalten.“
Rahul warf einen Blick über die Schulter auf die überladenen Sitze und den vollgestopften Laderaum dahinter. „Was ist das überhaupt für Zeug. Schläfst du etwa hier drin?“
„Quatsch!“, sagte Jack rasch. „Ich hatte einfach allerhand um die Ohren und noch keine Zeit, die Sachen auszuräumen.“
„Tatsächlich?“ Rahul lehnte sich zurück. Etwas bohrte sich schmerzhaft zwischen seine Schulterblätter. Er griff hinter sich und zog mit spitzen Fingern und indigniert hochgezogener Braue Jacks Trekkingschuhe hervor. Sein Freund hatte sie an den Schnürsenkeln zusammengebunden und um die Nackenstütze gehängt. Er warf sie vor sich in den Fussraum, wo die derben Schuhe neben seinen weichen braunen Lederslippern von Gucci landeten und sich ausnahmen wie arme Verwandte vom Lande.
Rahul Kahn entstammte einer vermögenden Industriellenfamilie. Sein Freund Jack wusste natürlich, dass Rahul gut betucht war, ohne jedoch das wahre Ausmass seines Reichtums zu kennen. Ihre Freundschaft beruhte auf einer gemeinsamen Leidenschaft: Beide waren sie begeisterte Trekking-Fans.
Rahul war nicht der Typ, der mit seinem Geld protzte; im Grunde seines Wesens gehörte er eher der stillen, zurückhaltenden Spezies an. Seinen dunklen Augen haftete eine latente Traurigkeit an, die das dichte schwarze Haar und die eigenwillig gewölbten Augenbrauen verstärkten. Für einen Inder war er sehr hellhäutig, mit klaren, aber leicht unbeweglichen, abweisenden Gesichtszügen. Er hatte markante Lippen, so als wären sie aus Holz geschnitzt, und an den Mundwinkeln sassen kleine zynische Fältchen, die auf einen vielschichtigen Charakter hindeuteten.
„Wieso fährst du nicht über die Seebrücke, wenn du Richtung Basel willst?“, fragte er, als Jack auf die Strasse nach Kriens einbog.
„Keine Chance. Du hast keine Vorstellung davon, was da drüben los ist“, erklärte ihm Jack. „Die halbe Stadt steht unter Wasser. Das Luzern, wie du es kennst, gibt es nicht mehr, wenigstens für die nächste Zeit. Das Reussufer und das gesamte Ufergelände entlang dem Seebecken, die Strassen – alles weg. Da drüben sieht es aus, als ob sich einer an einer Zeitmaschine versucht hätte. Der See hatte sich seine ursprüngliche Form zurückerobert, es ist, als wäre man unvermittelt ins Luzern um das 16. Jahrhundert zurückversetzt worden.“
„Was ist mit den Leuten, die da wohnen, wie kommen die damit klar?“
„Provisorische Holzstege. Das Militär hat sie angelegt. Aber du solltest die Gestalten mal sehen, die wandeln auf den Dingern, als stünden sie unter Drogen. Jedenfalls, der einzige Weg für uns, ist die Umfahrung.“
Jack bog in die Auffahrt zur Autobahn. Der Regen schien kein Ende zu nehmen. Überall war Wasser. Wasser, wohin das Auge reichte. Auf dem erhöhten Strassenbelag der Autobahn sammelte es sich zu gefährlichen, unüberschaubaren Seen und die Sicht betrug gerade mal ein paar Meter. Beide atmeten befreit auf, als sie endlich die Tunneleinfahrt passierten und das laute Trommeln des Wassers auf dem Wagendach abrupt erstarb.
Die doppelspurige Röhre bot mehrfachen Schutz vor dem garstigen Wetter. Aber das Gefühl der Sicherheit war trügerisch. Kaum waren die beiden Männer dem Regen entronnen, beschlugen die Scheiben des Jeeps und die Sicht wurde noch schlechter als zuvor.
Jack wischte mit dem Ärmel seiner Jacke über die Innenseite der Frontscheibe. Ein schmaler, lichter Streifen bot aber nur kurzzeitig etwas mehr Sicht.
„Gütiger Gott. Stell endlich die Lüftung an, man kann ja kaum noch etwas erkennen!“ Rahul warf Jack einen hektischen Blick zu, doch der reagierte nicht einmal, also legte er selbst Hand an. Er drehte und schraubte an den wenigen Armaturen herum, ohne dass etwas geschah. Ein Knopf brach ab.
„Vergiss es!“, meinte Jack. „Deine Anstrengungen sind zwecklos. Die Lüftung hat ihren Geist längst aufgegeben, lange bevor ich dieses Bijou erworben habe. Aber keine Bange, wir kommen schon heil da durch.“
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