Sie nahm einen letzten Schluck Kaffee und ging unter die Dusche.
Als sie kurze Zeit später den Wagen etwas zu schnell aus der Tiefgarage zurück auf die Strasse steuerte, trug sie eine Bluejeans, eine weisse ärmellose Bluse mit Stehkragen und darüber eine schwarze, schlichte Anzugjacke von Armani. Abgerundet wurde das Outfit durch schwarze italienische Lederstiefeletten, die ihre schlanken Füsse weich umschlossen. Neben Emma auf dem Beifahrersitz lag das lederne Objekt spöttischen Neids.
***
Jack Gold stoppte den Wagen an der roten Ampel. Amüsiert verfolgte er das Treiben auf der Strasse. Fussgänger überquerten mit eingezogenen Schultern, die Regenschirme tief über ihre Köpfe gezogen, den gelben Zebrastreifen. Vom Wind zerzauste Haare und fliegende Kleiderzipfel eiferten tanzend um die Wette; gewaltige Windböen schoben die vermummten Körper vor sich her. Es war August und viel zu kalt für die Jahreszeit. Anhaltende Regenfälle hatten die Temperaturen in den Keller fallen lassen.
Jack gähnte herzhaft und freute sich über die behagliche Wärme in seinem alten Jeep. Er genoss das Schauspiel der Akteure im Kampf gegen die Naturgewalten sozusagen bequem aus der ersten Reihe. Wind und Wetter konnten ihm hier drin nichts anhaben und das bisschen Schadenfreude versüsste ihm das tägliche Einerlei.
Die Ampel schaltete auf Grün. Jack gab Gas, doch der Motor röchelte und stotterte bloss und der Wagen rührte sich nicht von der Stelle.
Oh nein, nur das nicht, flehte er und befürchtete insgeheim, seine Schadenfreude könnte zum Bumerang werden. Wenn jetzt auch noch der Motor absoff – vor all den Leuten …
Ungeduldiges Hupen von hinten.
Ja, ja, nur keine Panik! Er hob beschwichtigend die Hand und wedelte damit in der Luft herum.
Dann endlich, mit einem gewaltigen Satz nach vorne, gefolgt von einem abrupten Stopp, erwachte die alte Karre wieder zum Leben. Zwar noch etwas lahm, aber wenigstens kam er vom Fleck. Einmal in Bewegung, lief der Motor wieder rund und er machte rumpelnd Fahrt. Von hinten, dem fleckigen Rücksitz und vom Laderaum her, drang lautes Geklapper nach vorn. Sein alter Motorradhelm sowie etliche andere Dinge des täglichen Gebrauchs stiessen immer wieder scheppernd gegen die rostzerfressene Innenverkleidung. Das Geräusch malträtierte seine Geduld und er nahm sich fest vor, den Wagen noch heute komplett auszuräumen.
Seit ihn Eliane vor einer Woche aus der gemeinsamen Wohnung geworfen hatte, kutschierte er seine bescheidene Habe im Jeep durch die Gegend. Das war nicht in Ordnung – ganz und gar nicht.
Jahrelang angestaute Wut hatte ihn sintflutartig abgestraft. War über seinen Kopf zusammengeschlagen wie die Zorneswelle eines archaischen Rachegottes.
„Du bist die Liederlichkeit in Person – und du bist nie da, wenn man dich braucht. Also verschwinde aus meinem Leben. Ich ertrage deine Anwesenheit keine Minute länger“, hatte Eliane geschrien, während sie vor Wut weinte. „Überall, wo du gehst und stehst, hinterlässt du eine chaotische Spur aus Unordnung und Schmutz.“
Für Jack hatte es sich angehört, als spräche sie mit ihrem Hund. „Du weisst nicht, wo dein Platz ist!“, hatte sie weiter geschrien und da sie gerade so schön in Fahrt war, „Ich habe die Nase gestrichen voll von dir!“
Das war's dann also. Ihm war gerade noch genug Zeit geblieben, ein paar seiner Sachen vor der endgültigen Zerstörung zu retten, ehe sie den kürzeren Weg aus dem Fenster nahmen.
Jack steuerte den Jeep in den Hinterhof des Hotels Monopol , gegenüber dem Hauptbahnhof. Allem Unbill zum Trotz fand er gleich einen freien Parkplatz – sein sprichwörtliches Glück hatte ihn also doch noch nicht ganz verlassen.
Er griff sich seine Büffellederjacke vom Beifahrersitz und warf einen prüfenden Blick durch das Seitenfenster in den Rückspiegel. Seine eisblauen Augen unter den hellen Brauen standen in starkem Kontrast zum Rest des gebräunten Gesichts und liessen die kantige grosse Nase etwas in den Hintergrund treten. Der ausgeprägt modellierte Mund war zu einem amüsierten, etwas selbstgefälligen Grinsen verzogen. Unterhalb der Unterlippe zierte ein kleines auf dem Kopf stehendes Dreieck blonder Barthaare das markant hervorspringende Kinn. Er sah gut aus, fand er.
Jack sprang in den Regen hinaus. Sofort zog und zerrte der Wind an seinem T-Shirt. Kurz blitzte ein Stück angespannter Bauchmuskulatur hervor. Er zog sich die Jacke über und rannte mit eingezogenem Kopf durch den peitschenden Regen auf den rückseitigen Eingang des Hotels zu.
Als er schliesslich das Café im vorderen Teil des Hotels betrat, fühlte er sich wieder gut.
Das Café war schlecht besucht. An den kleinen runden Tischen sassen nur ein paar vereinzelte Gäste, die in ihre Zeitungen vertieft waren. Niemand sah Jack.
Am Tresen bestellte Jack einen Ristretto ohne alles und griff nach einer der ausliegenden Tageszeitungen. Seine Auswahl hätte beliebiger nicht sein können. Alle Blätter berichteten nur eines: Das Jahrhundertunwetter.
Geräuschvoll blätterte er durch die Seiten. Den Mini-Espresso kippte er mit einem einzigen Schluck die Kehle hinunter und schob dann die winzige Tasse von sich. Er zückte den Geldclip aus der Gesässtasche seiner Jeans, entnahm dem Bündel einen Zehner und liess den Schein auf die Theke flattern. Ohne ein Danke strich der Barkeeper den Schein mit einer einzigen fliessenden Bewegung ein.
Unfreundlicher Genosse , dachte Jack. Trinkgeld für den Kerl war gestrichen.
Jemand tippte ihm auf die Schulter.
„Entschuldigen Sie bitte. Ich bin auf der Suche nach einem langen blonden Typen, der sich selbst für unwiderstehlich hält.“
Jack schwang seine langen Beine vom Hocker und drehte sich um.
Vor ihm stand ein Inder, schlank, gut aussehend. Der Kerl musterte ihn missbilligend mit arrogant hochgezogener Augenbraue. Doch dann zerriss ein breites Grinsen sein bemüht ernstes Gesicht. „Na, wie läuft's, Kumpel?“
„Rahul, altes Haus, du kommst spät!“
Der Tumult hinter der geschlossenen Tür des Sitzungszimmers hallte ihr noch nach, als sie ihre Schritte längst den Flur entlang auf ihr Büro zu lenkte. Emma hatte mit ihrer unerwarteten Ankündigung einen hitzigen Disput ausgelöst, aber komme, was wolle, sie würde keinen Rückzieher machen.
Sie schnappte sich ihre Jacke von der Stuhllehne und wollte gerade das Büro verlassen, als Frank, einer der Partner, die Tür aufriss.
Frank war weit mehr als nur Arbeitskollege und Partner; Frank war ihr engster Freund. Er war ihr schon oft zur Seite gestanden, hatte ihr bei schwierigen Anliegen den Rücken gestärkt, doch jetzt, so wie er da vor ihr stand, gereizt und auf Distanz, liess sie der Anblick seines massigen Körpers zurückweichen. Würde sie ihn nicht besser kennen, wäre dies vermutlich der richtige Zeitpunkt, sich zu fürchten.
„Was ist los mit dir? Was sollte das eben?“ Er versetzte der Tür einen Stoss, sodass sie lautstark ins Schloss fiel.
Emma zuckte zusammen. Sein wilder Auftritt verschlug ihr die Sprache. Was hoffte er zu hören? Offensichtlich nichts, denn er schien gar nicht die Absicht zu haben, ihr zuzuhören – jedenfalls noch nicht. Erst mal liess er Dampf ab. Eine ganze Menge Dampf, fand Emma.
„Du kannst nicht einfach alles hinschmeissen und verschwinden. Ein halbes Jahr – bist du verrückt?“ Mit fahrigen Fingern nestelte er an seinem engen Hemdkragen herum. Das steife Leinen spannte sich wie das Seil eines Henkers um den stiernackigen Hals und drückte ihm die Luft ab.
Emma sah ihm stumm zu. Sie wartete darauf, was noch kommen würde. Versuchte einigermassen locker zu wirken, während sich gleichzeitig ihr Rücken vor innerer Abwehr versteifte.
„Was denkst du dir bloss dabei“, wetterte Frank. „Du weisst, wie wichtig dieser Auftrag ist! Wir verdienen eine Menge Geld damit - auch du, schon vergessen?“ Seine Augenbrauen schossen in die Höhe, sollte wohl Eindruck machen. An einem anderen Tag hätte sie gelacht.
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