Emma hielt den Blick auf ihre Schuhe gerichtet. „Bist du endlich fertig?“, fragte sie müde.
„Ja, bin ich. Aber sag mir bitte, dass du das Geschwätz von eben nicht ernst gemeint hast.“ Er durchforstete ihr Gesicht nach einer Bestätigung, einer Bestätigung dessen, dass sie sich nur einen dummen Spass mit ihm erlaubt hatte, doch ihre Mine blieb ungerührt.
Frank seufzte.
„Ich nehme an, den Rest willst du nicht mehr hören?“
Frank gab auf. „Ist ja gut, also erzähl weiter.“
Emma machte es kurz, sie schloss ihren Bericht mit den folgenden Worten: „1979 gab es tatsächlich einen Flugzeugabsturz in der Gegend und die Unglücksmaschine - ein Learjet - stürzte nur etwa einen Kilometer von der Stelle entfernt ab, wo man mich damals gefunden hat.“
„War's das jetzt?“ Frank veränderte seine Sitzhaltung. Das weiche Leder unter ihm knarzte bedrohlich. „Okay, dann beantworte mir mal eine Frage: Was glaubst du, wieso vor dir niemand diese Verbindung hergestellt hat? Die Polizei, zum Beispiel, oder die Flugsicherheit. Korrigiere mich, wenn ich falschliege, aber war es nicht schon damals üblich, dass Passagierlisten geführt werden mussten?“
„Ich weiss es nicht“, antwortete Emma wahrheitsgetreu, „aber ich weiss, worauf du anspielst. Aber du irrst dich. Ich bin nicht verrückt. Ich weiss genau, was ich tue, und ich werde den Grund für dieses Versäumnis, Missverständnis – nenn es, wie du willst - herausfinden und danach …“
„Was danach?“, hakte Frank nach. „Glaubst du wirklich, dass du, nachdem achtundzwanzig Jahre verstrichen sind, noch herausfinden kannst, was damals geschah. Niemand weiss, wie du auf dieses Feld gelangt bist – nicht einmal du selbst. Und wenn – das, was du zu erfahren hoffst, wird die bösen Träume auch nicht verschwinden lassen, weil sie ganz einfach nichts mit deiner Herkunft zu tun haben.“
„Mach dich nicht lustig über mich.“
„Das tue ich nicht, Emma. Ich mache mir bloss Sorgen. Was du da vorhast, macht mir Angst. Es ist … es ist verrückt.“
„Du wiederholst dich.“
Frank hob abwehrend beide Hände, so als wolle er sich vor weiteren Offenbarungen schützen. „Ich kenne dich jetzt seit nunmehr - wie lange - fünfzehn Jahren? Ich durfte deine großartigen Adoptiveltern kennenlernen, auch ein paar von deinen, ähmm … Herrenbekanntschaften sind mir noch präsent, aber habe ich deswegen jemals meine Nase ungebeten in deine Angelegenheiten gesteckt? Nein, das habe ich nicht. Habe ich jemals eine deiner Entscheidungen infrage gestellt? Auch das habe ich nie getan, im Gegenteil, ich habe immer und in jeder Beziehung hinter dir gestanden – was du auch erwarten durftest. Ich habe dich bewundert, deine Arbeit, aber auch deinen Sachverstand. Du bist die beste, talentierteste und innovativste Architektin, der ich im Laufe meiner Karriere begegnet bin – kein Scheiss –, du bist sogar besser als Paul, Tom und ich zusammen, aber das jetzt, das hört sich rein gar nicht nach der vernünftigen Frau an, die ich bis dato besser zu kennen geglaubt hatte als mich selbst.“
Emma wollte etwas sagen, doch Frank winkte ab.
„Lass mich bitte ausreden. Wenn nun aber …“, fuhr er fort, „und das meine ich so, wie ich es sage, also wenn dich diese Sache“, er betonte das Wort „Sache“ mit Nachdruck, „wirklich derart quält, dass offensichtlich sogar dein gesunder Menschenverstand darunter zu leiden beginnt, ist es wohl tatsächlich das Beste, du findest selbst heraus, wie lächerlich dein Vorhaben ist.“
Emma war enttäuscht über seine Reaktion, hatte bei den letzten Sätzen gehofft, dass Frank – obwohl, wenn sie ehrlich zu sich war, sie nicht viel anderes von Frank erwartet hatte.
Frank war kein ignoranter Idiot. Er musste gespürt haben, dass er zu weit gegangen war, denn unvermittelt lenkte er ein.
„Tut mir leid, wenn ich dich gerade enttäuscht habe, aber du kennst mich. Mit diesem esoterischen Zeug kann ich partout nichts anfangen. Aber es ist mir absolut ernst mit dem, was ich gerade sagte: Wenn dich die Sache wirklich so fertigmacht, musst du es wohl oder übel durchziehen.“
Emma versuchte zu lächeln, etwas verkniffen zwar, dennoch, es war eindeutig ein Lächeln.
Beide schwiegen. Es war alles gesagt. Im Hintergrund klatschten fette Regentropfen gegen die geschlossenen Fensterscheiben. Emma fuhr sich über die Vorderseite ihrer Jeans, die noch immer etwas feucht war und den frischen Geruch nach Weichspüler verströmte. Frank hatte nichts begriffen, aber das spielte keine Rolle, ihr Entschluss hatte schon festgestanden, lange bevor sie beide dieses Gespräch geführt hatten.
Frank fuhr sich durch sein dichtes schwarzes Haar. Auch er schien zu spüren, dass da etwas zwischen ihnen stand, das sie regeln mussten. So konnten sie nicht auseinandergehen. Beherzt griff er sich einen der glänzenden roten Äpfel vom Beistelltisch und streckte ihn Emma entgegen, doch sie schüttelte nur stumm den Kopf, und so biss er selbst gespielt herzhaft hinein.
„Schmeckt gut“, meinte er kauend. „Was für eine Sorte ist das?“
Emma griff nach ihrer Jacke. „Es ist wohl besser, ich gehe jetzt.“
„Warte!“ Mühsam erhob er sich vom Sofa. „Es tut mir leid und es war ziemlich vermessen von mir, deine Entscheidung infrage zu stellen - aber versuchen musste ich es, das verstehst du doch.“
Er bewegte sich langsam auf sie zu.
Emma wusste, was jetzt kam. Sie versuchte nicht, sich zu widersetzen – es wäre zwecklos gewesen. Seinen gewaltigen Armen gingen lange Schatten voraus, und ehe sie sichs versah, presste Frank sie heftig gegen seine breite Brust.
„Ich hoffe, du findest wonach du suchst“, flüsterte er zu nah an ihrem Ohr. Sie versuchte zu nicken, was jedoch unmöglich war. Kurz bevor ihr die Luft ausging, löste Frank seine Umklammerung. Er schob sie auf Armeslänge von sich und schenkte ihr ein versöhnliches Lächeln.
Emma atmete tief ein.
Frank ging zur Tür. Dort drehte er sich nochmals um und zwinkerte ihr zu: „Pass auf dich auf, Kleines!“
Emma nickte stumm.
Als die Tür hinter ihm ins Schloss fiel, schnappte sie sich eilig Jacke und Tasche und nach einem kurzen befreienden Blick in die Runde kehrte sie ihrem bisherigen Leben den Rücken zu.
***
Jack umarmte seinen Freund zur Begrüssung und klopfte ihm kameradschaftlich auf die Schulter. Rahuls gequältes Stöhnen überging er dabei geflissentlich.
Ein paar Köpfe zuckten von ihren Zeitungen hoch. Rahul war die ungewollte Aufmerksamkeit peinlich. Er mochte es nicht besonders, im Mittelpunkt allgemeinen Interesses zu stehen, doch seinem Freund Jack waren solche Gefühlsregungen fremd; er tat seine Meinung laut und offen kund, egal wo und wann das war. Anfangs hatte ihn Jacks lautes Wesen irritiert, aber schon bald fing er an, diese etwas gewöhnungsbedürftige Art zu schätzen. Bei Jack wusste man immer, woran man war. Rahul kannte keinen ehrlicheren Typen als ihn. Das konnte manchmal durchaus unbequem sein, trotzdem war ihm Jacks offene Art lieber als das falsche, oberflächliche Getue so mancher Leute, mit denen er zu tun hatte.
„Weisst du“, sagte Jack gerade, „ich freue mich wirklich, dass du dir für diesen Trip Zeit genommen hast. Du siehst nämlich miserabel aus, wenn ich das mal so sagen darf; müde und ich weiss nicht … griesgrämig? Aber lass mal – was dir fehlt, ist etwas Ruhe und Erholung, also haargenau das, was ich dir zu bieten habe.“
„Ruhe und Erholung – bei dir?“, echote Rahul.
„Jaap. Und danach …“ Jack fügte eine kunstvolle Pause ein, „danach, könntest du es tatsächlich schaffen, mit meinem blendenden Aussehen in Konkurrenz zu treten.“
Rahul grinste. „Im Herzen bleibst du für immer ein hitziges Kind. Du hast dich auch kein bisschen verändert seit unserem letzten Treffen. Wie schaffst du es bloss, dir all diesen Quatsch abzukaufen? Du kannst unmöglich ernst meinen, was du da gerade von dir gibst. Du bist vierzig - weisst du, wie alt sich das anhört? Und du bist angezogen wie Indiana Jones und das mitten in der Stadt. Du erwartest doch nicht ernsthaft, dass ich mich dir angleichen möchte .“ Rahul legte sein Gesicht in mitleidige Falten. „Dein Narzissmus ist wirklich und wahrhaftig nicht zu toppen!“
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