Der Jäger liess den Baseballschläger achtlos zu Boden fallen, wo er laut scheppernd gegen die schmutzige Häuserwand rollte. Ohne Zeit zu verlieren, fasste er den Toten unter den Armen und schleifte ihn weg vom schummrig beleuchteten Pflaster in die düsteren Schatten der langen Häuserreihe. Er handelte kalt und schnell. Es hatte ihn keiner allzu grossen Mühe bedurft, dem Biologen zwischen den Häuserzeilen hindurch und über einen Hinterhof zuvorzukommen. Der Mann war alt und schwach gewesen, nur ein bemitleidenswert fettes Schwein, das durch ihn endlich seiner gerechten Strafe zugeführt worden war. Der Forscher war so elend gestorben wie einst die Ratten in seinem Labor; gejagt durch ein Labyrinth der Angst, an dessen Ende statt der erhofften Freiheit nur der Tod auf sie wartete.
Fast hatte es ihm ein wenig leidgetan, zuzuschlagen, als der Alte so ahnungslos auf ihn zugestolpert kam. Kurz hatte er den aufblühenden Hoffnungsschimmer und ein aufatmendes Lächeln wahrgenommen, ehe das Schlagholz den ausgepumpten Körper zu Fall gebracht und das Licht für immer aus den alten Augen gewischt hatte.
Er schleifte die Leiche tiefer in den dunklen Schatten eines Hauseingangs. Zeit für ausschweifende Gedanken fehlte, dieses Vergnügen behielt er sich für später vor, wenn alles andere erledigt war. Er drapierte den Toten auf die oberste der ausgetretenen Steinstufen, die zum Eingang eines verschämten Dessousgeschäfts gehörten.
Der Ort hätte dem Alten gefallen .
Ein zynisches Grinsen erschien auf den blassen Lippen. Mit einem letzten prüfenden Blick zurück auf die eingesunkene Gestalt strich er sich den Schlips glatt, ein Ruck mit den Schultern und sein massgeschneiderter Anzug sass wieder perfekt. Der Alte hatte ihn doch noch ganz schön gefordert, aber nun war er tot. Ratten-tot.
Massvollen Schrittes ging er vorbei an den Menschen, die sich der tote Forscher so sehnlichst herbeigewünscht hatte - als er dazu noch in der Lage gewesen war.
Nebelschwaden zogen über das Tal. Das rhythmische Geräusch der stampfenden Hufe im Sandviereck untermalte die überwältigende Stille der frühen Morgenstunde. Unterbrochen durch den vorbeitrabenden Leib des Pferdes konnte man schemenhaft die schlanke Gestalt im Zentrum des Platzes erkennen, die der Stute mit kaum sichtbaren Gesten, gelegentlichen Schnalzlauten und kurzen Pfiffen Richtung und Tempo vorgab. Das halblange braune Haar fiel ihr glatt auf die sonnengebräunte, gut geformte Schulterpartie. Das schwarze Top betonte eine schmale Taille und wohlgeformte Brüste. Die langen, schlanken Beine steckten in verwaschenen Bluejeans und Cowboystiefeln.
Emma fühlte sich überraschend gut. Trotz der Träume.
Sie beugte ihren Oberkörper etwas vor. Im Schein der allmählich aufgehenden Sonne glitzerten Staubkörner auf ihren schweissbedeckten, sehnigen Armen. Das Pferd spürte den kompromisslosen Blick ihrer grünen Katzenaugen auf seiner Hinterhand, vollführte eine fliessende Wendung und trabte gehorsam auf sie zu. Kleine Wolken aus Dampf entwichen den geblähten Nüstern und ein kräftiges Abschnauben übersprühte Emmas Gesicht mit hauchzarter Nässe. Sachte strich sie dem Tier mit der Hand über die Augen.
Für einen kurzen Moment verharrte sie in dieser Position und gab dem Equiden damit Gelegenheit, zur Ruhe zu kommen. Mit geübter Hand löste sie den kurzen Strick vom Gürtel, schlang ihn dem Tier um den muskulösen Hals und schnalzte leise mit der Zunge. Das Pferd folgte ihr ohne zu zögern. Gehorsam blieb es neben ihr am Eingang zur Koppel stehen. Mit einem prüfenden Blick zum Himmel entliess sie den Schimmel in die Freiheit. Die Koppel erstreckte sich unter dunklen, mächtigen Regenwolken, die die Sonne verdecken würden.
Früher oder später.
Emma versuchte sie zu ignorieren. Sie erinnerten sie an diese Träume. Quälend, Nacht für Nacht.
Ein letzter Blick zurück, es war Zeit zu gehen.
Widerstrebend riss sie sich los. Jeder Meter zwischen ihr und dem Tier hiess, das kostbare Stück neu erworbener Gelassenheit zu verlieren. Einmal mehr.
Sie ging zum Parkplatz. Ihr vormals geschmeidiger Gang wich nun eiligen, steiferen Schritten. Noch im Gehen schob sie sich die dunkle Brille vor die Augen, zeitgleich erlosch das Leuchten auf ihrem Gesicht mit den ebenmässigen Zügen. Der Glanz ihrer Augen aus der normalen Zeit. Vor den Träumen. Die mit dem Tod der Adoptiveltern begannen.
Sie wollte nicht gehen, aber sie hatte keine Wahl. Gerade heute war sie auf das Wohlwollen ihrer Partner angewiesen, sich zu verspäten wäre unverzeihlich.
Sie klemmte sich hinter das Steuer ihres BMWs und startete den Motor. Die kräftigen Finger schlossen sich so eng um das glatte Leder am Lenkrad, dass sie die Schwielen an den Handinnenseiten spürte, letztes, aber immer fühlbares Zeichen ihrer Verbindung zu dem Tier. Ein leises Lächeln kehrte auf ihr Gesicht zurück. Bei dem Gedanken an die verblüfften Gesichter der Menschen, denen sie zur Begrüssung die Hand reichte, grinste sie. Niemand hatte sie je darauf angesprochen.
Sie steuerte den Wagen auf die Strasse hinaus und beschleunigte rasant. Das anschwellende aggressive Fauchen des hochtourigen Motors färbte fast sofort auf sie ab.
Ungeduld.
Statt Besonnenheit.
Emma kannte ihren egozentrischen Fahrstil. Aber der Wagen passte einfach zum Image der innovativen Architektin, die sie war. Etwas „Kleineres“ kam also nicht infrage. Außerdem setzten ihre Kunden eine gewisse Exklusivität in Geschmack und Stil voraus. Was ihr aber einen Touch von Exzentrik verlieh und sie immer wieder ins Gerede brachte, war ihre Handtasche in Mammutgrösse. Sie wusste, dass man sich im Büro den Mund über ihren Spleen für grosse Taschen zerriss.
Aber kümmerte sie das wirklich ernsthaft?
Exzentrik und Ehrgeiz, Workaholic, stets unterwegs auf dem schmalen Grat zwischen Erfolg und Selbstverletzung, das war sie. Oder besser: Das war das, was sie bis jetzt von sich kannte.
Nur diese Träume. Sie frassen Energie.
Emma drehte das Radio lauter. Nach Ansicht der Meteorologen spitzte sich die Wetterlage weiter zu. Es war ernst. Die seit Tagen andauernden Regenfälle hatten rekordverdächtige Ausmasse angenommen. Weite Teile des Landes waren bereits von den schnell ansteigenden Wassermassen überflutet worden und eine Wetterbesserung war auch in absehbarer Zeit nicht zu erwarten.
Mist! Verärgert presste sie die Lippen zu einem schmalen Strich zusammen. Das war's dann wohl mit Reiten am Wochenende. Bevor sie den Wagen in die Tiefgarage ihres Wohnblocks hinabsteuerte, prüfte sie mit eigenen Augen die Wetterlage.
Die Altstadt von Luzern lag unter einer Decke drohenden Unheils.
Sie schloss die Tür auf. Die Zeiger der antiken Standuhr im Entree mahnten zur Eile.
Halb acht. Die Tür fiel krachend hinter ihr ins Schloss. Für Sanfteres war keine Zeit geblieben. Hastig streifte sie sich Stiefel und Reitkleidung vom Leib. Mit einem Fuss schob sie den nach Pferd riechenden Wäschehaufen zur Seite.
Was sie jetzt dringender als alles andere brauchte, war eine Tasse Kaffee.
Das kreischende Mahlwerk liess sie zusammenfahren. Ihre Nackenhaare sträubten sich. An diesem Morgen erschreckte sie die eigene Kaffeemaschine. Das war neu. Verunsichert nahm sie eine Tasse aus dem Küchenschrank.
Nach einem kurzen E-Mail-Check packte sie ihren Laptop in die Tasche und ging ins Bad.
Vor dem grossen Spiegel stoppte Emma. Sie war gertenschlank. Der Körper einer Mittzwanzigerin. Ein Körper, der sich flink bewegte. Ein Körper, der flotten Schritts durchs Leben ging. Ein sportlicher, sehniger Körper.
Ein Körper – entstanden vor 37 Jahren.
Mit den Fingerspitzen berührte sie das Narbengewebe an ihrem rechten Oberschenkel. Die Muskeln unter der zerstörten Haut hatten sich in den Jahren nach dem verhängnisvollen Tag voll regeneriert und verliehen dem Bein seine wohlmodellierte Form – nur die Narben, die würden immer da sein.
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