„Herr, wir sind betrogen worden. Um unsere Ehre, um unseren Sold und um unsere Existenz. Pado von Qatraz hat unsere Truppe für aufgelöst erklärt. Er hat uns weder den ausständigen Sold ausgezahlt, noch für unsere Überstellung zu einer anderen Truppe Sorge getragen. Die Männer hier stammen aus der Provinz Alicando. Sie haben keinen Fürsten, der sich um sie kümmert und keinen Ort, wo sie hingehen könnten!“
„Was redet Ihr da, Beriahîr? Fielen mir nicht vor Jahresfrist die Burgen der Alicandos zu? Habe ich nicht den Herzog und dessen fremde Helfer aus dem Lande vertrieben? Trug ich nicht erst vor wenigen Tagen König Xirons Krone auf dem Haupt? Bin ich etwa nicht der König dieses Landes?“
„Selbstverständlich seid Ihr das, Herr!“ rief Serghey verzweifelt aus. Meinte der König etwa, er wolle an dessen Legitimation zweifeln?
„Warum sagt Ihr dann, dass keiner sich um diese Leute kümmert? Ihr seid bereits an der richtigen Stelle.“ Mauro richtete sich hoch auf seinem Ross auf und rief mit weithin vernehmlicher Stimme: „Ich bin der Clanchef der Alicandos!“
Alle Anwesenden sahen Mauro sprachlos an. Die Krieger knieten auf der Stelle vor ihm nieder.
„Willkommen daheim, Söhne Alicandos. Die königliche Burg ist nun Euer Domizil. Erhebt Euch, kommt mit Euren Familien herein und fühlt Euch hier zu Hause. Eryndîr wird sich um alles Weitere kümmern.“
Die neue Alicando-Truppe richtete sich in der Königsburg von Alicando häuslich ein. Die ehemalige Fluchtburg war ausnehmend geräumig. Man hatte sie dafür konzipiert, einer großen Anzahl von Menschen aus der Region im Kriegsfall Schutz und Zuflucht zu bieten. Im Moment waren allerdings alle Unterkünfte besetzt, denn sowohl die Bergkethen als auch die persönlichen Eskorten der Fürsten und Heerführer, die in den letzten Wochen auf der Burg konferierten, hatten hier Quartier genommen. Doch die Enge war das geringste Problem. Gutwillig rückten alle zusammen, um für die Neuankömmlinge Platz zu schaffen.
Knapp vor den Alicandos waren Bodirs königliche Garden eingezogen. Man begrüßte einander herzlich, denn die meisten der frischgebackenen Gardisten stammten wie Sergheys Leute aus Pados Heer. Der Beriahîr der Alicandos ging auf Bodir zu und drückte ihm beide Hände: „Danke für den Hinweis, dass wir mit Eryndîr sprechen müssen. Natürlich hatte ich Gerüchte über die Auflösung unserer Truppe vernommen. Nie hätte ich für möglich gehalten, dass Pado uns so hängen lässt!“
„Ich habe es ehrlich gestanden auch nicht gedacht, sonst hätte ich Euch viel früher eine Warnung geschickt. Erst als ich miterlebte, wie Hanok um jeden einzelnen Mann kämpfte, und wie Pado gar nichts dergleichen tat, begann ich, Übles zu ahnen. Das, was heute geschehen ist, übertraf meine schlimmsten Befürchtungen. So geht man mit nicht mit Kriegern um!“
In diesem Punkt hatte Pado falsch kalkuliert: nicht auf den König, der die Auflösung der Truppe angeordnet hatte, waren die Männer wütend. Ihm, ihrem Anführer, lasteten sie an, nicht für sie vorgesorgt zu haben.
„Die Oberhoheit über den Alicando-Clan für Euch zu reklamieren, war ein genialer Schachzug. Jetzt seid Ihr Eure Personalprobleme los. Die ehemaligen Alicandos werden bald aus ihren Verstecken kriechen und Euch ihre Dienste anbieten“, wusste Hanok. Dieser Umstand machte ihm Sorgen, denn unter den ehemaligen Alicandos waren einige hervorragende Heerführer, die ihm seine Chancen streitig machen konnten. Allerdings wusste Hanok nicht, wie viele von ihnen noch am Leben waren.
„Nun habt Ihr eine solide Basis für Eure Herrschaft. Eine Hausmacht, die sich sehen lassen kann. König der Bergkethen und König von Alicando. Und jetzt auch noch Herr über die letzten Zauberer des ehemaligen Alicando-Clans. Das gibt Euch genügend Rückendeckung für den Einzug in Mandrilar.“ Uluk sah Vorteile für Mauro. Das Widererstarken des ehemals verfeindeten Alicando-Clans beäugten die Xalmeidas allerdings mit gemischten Gefühlen.
„Mit den Mandrilanen habt Ihr es Euch endgültig verscherzt!“ gab Vreden zu bedenken.
„Da war nicht viel zu verscherzen. Die Mandrilanen mochten mich nie.“ Mauro lachte kehlig: „Für die Verhandlungen mit Fürst Torren habe ich nun eine hervorragende Ausgangsposition. Ich bin in diesem Land kein Fremdling mehr, der den Schutz seines Clans benötigt. Ich bin selbst Clanchef!“ Mauro hatte seine Worte gegenüber dem Beriahîr der Alicandos spontan gewählt. Nun erst begann er zu begreifen, welcher Nutzen ihm daraus erwuchs, dass er die Bezeichnung >Clanchef< für sich verwendet hatte. Er dankte seiner Seelenfamilie für die geschickte Führung.
Vreden sah ihn schockiert an: „Fürst Torren ist gewiss nicht Euer Feind!“
„Er ist auch nicht mein Freund“, gab Mauro knapp zurück.
Wenig später konferierte Vreden telepathisch mit Fürst Torren. Pflichtschuldig berichtete er, dass Mauro mittlerweile zum Alicando geworden war.
„Dass der König zum Erbteil seines Großvaters steht, erschüttert mich nicht. Deswegen ist er immer noch ein Tolego. Wenn er mag, kann er alle Alicandos der Welt in unseren Clan einbringen. Wir haben bloß ein paar gute Argumente weniger, um ihn zu überzeugen.“
„Er fürchtet Euch, Vater.“
„So scheint es auf den ersten Blick“, stellte Fürst Torren nachdenklich fest. „Doch da steckt mehr dahinter. Es ist kaum zu glauben. Mauro war ein Fremder, unbelastet von den Zerwürfnissen dieses Landes. Nun treiben ihn die Ereignisse tiefer und tiefer in das düstere Erbe des Feuerkönigs hinein. Das Schicksal nimmt seinen Lauf. Mauro wird mit den Alicandos nach Mandrilar gehen, wie es sein Großvater und andere vor ihm getan haben. Die Mandrilanen werden gegen ihn aufstehen, und er wird die Rebellion blutig niederschlagen. Ein neuer Zyklus des alten Spiels hat begonnen.“
„Was soll ich tun?“ wollte Vreden wissen.
„Gar nichts. Ihr seid ein Tolego, kein Mandrilane, vergesst das nicht. Versichert den König unserer Treue und unserer Unterstützung. Lasst niemals Zweifel daran aufkommen, dass wir an seiner Seite stehen. Um alles andere werde ich mich kümmern. Was gibt es sonst noch?“
„Der König hat zwei Garnisonen an der Nordgrenze genehmigt, am Morgor und an der Schweinefurth. Sein Togwed Hanok hat mich gebeten, ihm ein paar grenzerfahrene Hauptleute zu überstellen.“
„Das ist interessant. Offenbar befürchtet der König dort Ärger. Sagt Hanok die Männer zu. Ich möchte eigene Informanten auf Burg Moringart haben. Die Hauptleute sollen mit ihren Familien übersiedeln. Kinder sind unauffälliger und lernen die kethische Sprache leichter. Ich spreche mit Togwed Nôrden, wo wir geeignete Männer herbekommen.“
„Wir haben gute Leute in Hülle und Fülle. Pados Elitetruppe wurde aufgelöst. Unsere Männer waren ziemlich aufgebracht, denn er hat den ausständigen Wehrsold nicht bezahlt. Ich habe sie beruhigt, dass sie ihr Geld erhalten werden. Soweit ich weiß, hat Pado die Kiste mit dem Wehrsold noch gar nicht bei unserem Kämmerer abgerufen. Ich habe den Männern bestätigt, dass jeder einzelne von ihnen ein Rückkehrrecht nach Tolego besitzt. Sie sollen ins zivile Leben heimkehren. So viele Krieger können wir schließlich nicht brauchen.“
„Was?!“ schrie Torren Vreden an. „Habt Ihr mir soeben gesagt, dass unsere Männer aus Pados Truppe entlassen wurden? Und keiner von Euch Schwachköpfen hat sich gekümmert, was aus ihnen werden soll?“
„Das ist doch wohl Aufgabe des Beriahîr“, gab Vreden patzig zurück.
„Ja. Nur dass unser Beriahîr seit Wochen in Gralta festsitzt. Er kann die Festung nicht verlassen, ehe die Ablösung eintrifft. Seit Tagen nervt mich sein Verbindungsmann mit Gerüchten, auf die wir reagieren sollten. Ich habe alles abgeschmettert. Ihr seid so dicht dran am Geschehen. Ich war überzeugt, Ihr würdet uns informieren, wenn etwas Wahres dran wäre!“
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