„400 Krieger bestellen?“ fragte Bodir ungläubig. „Erwartet Ihr ernstlich, dass die Unsterblichen sich um solchen Kleinkram bemühen?“
„Meine Schutzgöttin legt Wert darauf, dass ich meine Lebensmission erfülle. Doch sie verlangt nicht, dass ich es mir extra schwer mache. Ich habe mir für meinen Lebensplan sicher nicht vorgenommen, mich mit einem Haufen minder qualifizierter Kämpfer herumzuärgern. Das gehört nicht zu den zentralen Themen, die sich durch mein Leben ziehen. Darum darf ich hoffen, meine 400 erstklassigen Krieger rechtzeitig zu erhalten.“
Bodir sah Eryndîr erstaunt an. Das tiefe Vertrauen, dass der Halbelfe in die göttliche Vorsehung setzte, beeindruckte ihn. Besser als Eryndîr wusste Bodir, dass dessen Hoffnung erfüllbar war.
Pado arbeitete sich allmählich in die neue Aufgabe ein, führte eine Reihe von Gesprächen und machte sich mit Sprache und Sitten der Kojotim vertraut. Ihm erging es wie Sedh. Je länger er sich damit beschäftigte, je mehr begriff er, dass der Auftrag ihm auf den Leib geschrieben war.
Endlich kam die Delegation der Kojotim. Sie segelten gegen die Strömung den Feuerfluss hinauf. Ihr König ließ sich nicht lumpen. Er brachte reichlich Geschenke. Mauro empfing die Kojotim mit gebührendem Pomp in der Stadt Alicando. Wieder trug er die Krone König Xirons, als er unter großer Anteilnahme der Bevölkerung auf dem Hauptplatz der Stadt den Kniefall des Herrschers der Kojotim entgegen nahm.
Nachdem ihr König den Treueid geleistet hatte, übergab ihm Mauro die gefangen genommenen Kojotim, die nun heimkehren durften. Die Bürger Alicandos geleiteten den bunten Zug zum Hafen, wo stolze Schiffe mit bunten Segeln auf die Reisenden warteten.
Pado machte sich bereit zur Einschiffung ins Land der Kojotim. Er sollte Mauros Statthalter werden. Damit waren neben dem hohen Status auch attraktive Handelsprivilegien verbunden. Als er an der Menschenmenge vorüber zog, sonnte er sich sichtlich in deren Begeisterung.
Knapp vor Pados Abreise war der relativ große Truppenteil in Alicando eingetroffen, der mit ihm vor Ikenar gekämpft hatte. Während ihr Befehlshaber dem König erst nach Qatraz und später nach Knyssar folgte, versah der Rest der Truppe die unergiebige Aufgabe, entlang der Westgrenze zu patrouillieren, wo sie keine Feinde mehr zu Gesicht bekamen.
Befehlsgemäß hatten die Krieger ihre Stützpunkte am rechten Ufer des Feuerflusses geräumt und standen nun mit ihren Familien am Kai. Natürlich hatte es in der letzten Zeit Gerüchte über eine Auflösung der Truppe gegeben, aber die meisten konnten sich nicht vorstellen, dass da etwas Wahres dran wäre. Die beste Einheit des Landes auflösen? Niemals!
Pado hielt vom Schiff aus eine bewegende Ansprache, mit der er allen Kriegern dankte, die ihn über so viele erfolgreiche Jahre begleitet hatten. Er umriss mit wenigen Worten seine neue Aufgabe. Dann sprach er aus, was nur wenige glauben mochten: „Der König hat die Auflösung unserer Truppe angeordnet. Hiermit entbinde ich Euch Eures Treueides. Den ausständigen Wehrsold erhaltet Ihr von Euren neuen Herren. Diejenigen, die mich bei meinem neuen Auftrag unterstützen werden, haben bereits ihren Marschbefehl erhalten. Allen anderen wünsche ich für die Zukunft viel Glück. So lebt denn wohl!“ Er winkte noch, während sich sein Schiff langsam und elegant von der Kaimauer löste und von der Strömung flussabwärts getrieben wurde.
Was sich nach diesen Worten abspielte, war unbeschreiblich. Zunächst senkte sich Totenstille über den Kai. Die Männer stellten fassungslos fest, dass sie im Regen stehen gelassen wurden. Nach Minuten der Erstarrung entwickelte sich ein heilloses Durcheinander. Nun musste jeder selbst sehen, wo er blieb.
Am einfachsten war es für die Leute aus den Provinzen Ikenar und Maikanar. Sie sollten den gleichen Dienst unter neuem Kommando tun. Die Fürsten oder deren Stellvertreter hießen die Heimkehrer willkommen, überstellten Bodir die versprochenen 25 Männer für die königliche Garde und zogen mit den anderen geordnet ab.
Um die Männer, die weiter aus dem Norden stammten, kümmerten sich die Beriahîr. Sie waren an den Kai gekommen, um ihre Schutzbefohlenen zu übernehmen. Shui war da, um die wenigen Männer aus Yian Mah einzusammeln. Auch Tuagh warf sich ins Getümmel, um nach gestrandeten Kethen Ausschau zu halten. Sogar Rüdiger kam auf den Gedanken, dass ein paar Almanen für seinen Schwiegervater Bertram dabei sein könnten. Sie alle waren überrascht, dass es keine geordnete Übergabe gegeben hatte.
Der Beriahîr der Tolegos saß noch in Gralta. Es dauerte eine Weile, bis Vreden begriff, dass er als ranghöchster Vertreter seines Clans sich um die Männer kümmern musste. Die Tolegos hatten den größten Anteil an Pados Truppe gestellt. Vreden tauchte als letzter am Kai auf und sammelte seine Leute um sich.
Die Anzahl der Männer, die nirgendwo hingehen konnten, war kleiner als Bodir angenommen hatte. Den größten Anteil unter ihnen stellten die ehemaligen Alicandos, deren Clan zerschlagen und in alle Winde verstreut worden war. Ahnungslos waren sie an den Feuerfluss gekommen und standen nun vor den Trümmern ihrer Existenz. Männer irrten umher, kopflos, planlos und hoffnungslos. Eine Soldatenfrau hockte resigniert auf ihrem Bündel und hielt ihr weinendes Kind an sich gepresst. Daneben betrachtete ein kleiner Junge interessiert die Schiffe und lutschte hingebungsvoll an seinem Daumen. Ein alter Hauptmann, der viele Jahre lang für Pado gekämpft hatte, stand verlassen an der Kaimauer und sah dem davongleitenden Schiff nach. Dabei liefen ihm Tränen über die Wangen.
Serghey, einer der Alicando-Zauberer, die Pado in der Festung Qatraz übernommen hatte, betrachtete vom Boot aus das Schauspiel. Ihn packte die Wut: „Was hier geschieht ist nicht hinnehmbar! Noch niemals wurden tapfere Krieger in dieser Art im Stich gelassen. Gebt mir das Schwert des Beriahîr. Ich werde mich um diese Leute kümmern!“
„Was wollt Ihr mit dem Schwert?“ fragte derjenige, der es bislang getragen hatte. „Es ist wertlos. Der Alicando-Clan ist ausgetilgt. Kümmert Euch lieber um Eure eigene Zukunft. Ich persönlich setze auf Pado…“
„Gebt ihm das Schwert“, entschied Pado. „Einen Reisenden soll man nicht aufhalten.“ Er hatte den Hass in den Augen des Mannes gesehen. Besser er ließ ihn auf der Stelle ziehen.
Serghey tauschte das Schwert, baute eine energetische Brücke und kehrte an den Kai zurück. Hanoks Togweds hatten bereits begonnen, die besten Leute aus der Truppe abzuwerben. Der Kombat-Zauberer wies sie energisch fort: „Wir brauchen eine Lösung für alle Alicandos, nicht bloß für einige wenige.“
Die Männer versammelten sich um den jungen Zauberer. Serghey bedeutete ihnen, leise zu sein. Er schien einer unhörbaren Stimme zu lauschen. Dann sagte er: „Ich habe einen Tipp bekommen. Der Halbelfe Eryndîr sucht eine größere Zahl von Kriegern. Kommt mit, wir sprechen mit ihm.“
Weiter hinten sagte Bodir zu Eryndîr. „Seht her, hier kommen die bestellten Krieger. Wie klug von Euch, nicht die erstbesten zu nehmen. Die hier sind eine Klasse für sich!“
„So habe ich sie mir vorgestellt!“ Eryndîr musterte sie mit Kennerblick. Dann lächelte er: „Es sind mehr, als ich bestellt hatte. Das wird schon seine Richtigkeit haben. Ich werde unserem Herrn beibringen, dass er sie alle braucht.“
„Wer ist der Beriahîr dieser Truppe?“ fragte Mauro, als die Alicandos ihm gegenüberstanden.
Serghey kniete nieder und zeigte das Schwert vor, das ihn als Beriahîr auswies.
„Ich kenne Euch. Ihr habt in Qatraz gegen die Besatzer gekämpft“, erinnerte sich Mauro.
Sergheys Herz klopfte bis zum Hals. Würde Mauro ihn nun bestrafen, weil er ohne dessen Genehmigung von Pado weggegangen war?
Mauro tat nichts dergleichen. Er fragte nur: „Beriahîr, was ist Euer Begehr? Sprecht, wie es Euer Amt erfordert.“
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