Es blieb bei einigen Tropfen, aber die Unterhaltung vertiefte sich, und als Hohnstein und Landgraf Friedrich ebenfalls in die Halle traten, waren Gernot und Ada so ins Gespräch vertieft, dass sie die eintretenden Herren nicht bemerkten.
„Wäre das nicht eine schöne Alternative zum Kloster?“ fragte Hohnstein. Der Landgraf sah ihn erstaunt an und setzte nach:“ Steigerthal ist ein Ehrenmann, das weiß ich, da er Euch und mich noch nie betrogen hat. Ist er unbeweibt? Könnte er eine Familie ernähren? Würde er einen Bastard zur Frau nehmen?“ Hohnstein erwiderte ohne zu zögern: “Er ist völlig vereinsamt auf seiner neuen Burg, er ist einer der reichsten Adligen in Thüringen, weil er nicht Krieger sondern Unternehmer ist, er wird von seinen Nachbarn gemieden, weil erst sein Großvater von Eurem Großvater zum Ritter geschlagen wurde und er damit nicht standesgemäß ist und deshalb würde er nicht im Geringsten zögern, eine Frau zu ehelichen, die ihm entspricht, gleich welchen Standes.“
„Dürfen wir stören?“ wendete sich der Landgraf an Ada und Gernot. „Du, Ada, wirst, glaube ich, in der Küche gebraucht, und Ihr, Gernot, solltet mir eigentlich die Abrechnung vorlegen!“ Beide erröteten, standen auf und gingen in unterschiedliche Richtungen, nicht ohne dass sich kurz ihre linke und seine rechte Hand fast unmerklich berührten.
Die Silberabrechnung war wie immer ohne Fehl und Tadel und Gernot von Steigerthal konnte sich nach der Zustimmung des Landgrafen um einige Hundert Thaler reicher schätzen, denn wie bei allen anderen Erzproduzenten auch bekam er als Gegenwert für die Mühe des Schürfens und Verarbeitens den fünften Teil des Erarbeiteten. Eigentlich gehörte alles, was sich unter der Erde befand, nach Brauch und Sitte dem Kaiser, der es seinen Lehensmännern gegen eine Gebühr überließ. Da die Bergleute meistens ihr silberhaltiges Gestein an den Grubenbesitzer verkauften, der es dann zu Rohsilber schmelzen ließ, war es nur recht und billig, dass die Bergherren einen gerechten Anteil erhielten, der das Niederbringen der Schächte, die Verhüttung, also das Ausschmelzen des Erzes und die Weiterverarbeitung, beinhaltete.
Landgraf Friedrich ließ einen Krug mit rotem Wein bringen und stieß mit Gernot und Cuonrad von Hohnstein auf den Abschluss an. „Damit ist die Landgrafschaft für dieses Jahr gerüstet, und Ihr beide seid die Garanten für Frieden und Ruhe in Thüringen in diesen Jahren der dauernden Kämpfe um Königs- und Kaiserkrone. Mit Euren Thalern können wir uns von aller Parteinahme freihalten und unsere Untertanen können sich dem Vermehren ihrer selbst und ihres Besitzes widmen!“ Er lachte kurz auf und wandte sich dann Steigerthal zu: “Euer Land lässt sich ja kaum vermehren, aber wollt Ihr nicht Eure neue Burg, von der mir Hohnstein erzählt hat, mit ein bisschen mehr Leben füllen?“ „Nichts täte ich lieber als das, denn seit meine Mutter verstarb, ist außer mir nur noch Dienstvolk in Steigerthal, und da meine lieben Nachbarn uns auch nach drei Generationen noch schneiden, bleibt mir nur die Vermehrung meines Reichtums, was auch immer einmal damit geschehen mag.“ „Ihr braucht eben einen Erben!“ „Ha! Welche Frau, die wirklich einen Erben gebären könnte, also eine Frau aus ritterlichem Geschlecht, würde einen wie mich, der zwar Lesen, Schreiben und Rechnen kann, aber kaum Singen und Fechten, als Ehemann akzeptieren? Mein Großvater hatte schon einen Sohn, bevor er zum Ritter geschlagen wurde, aber mein Vater – Gott habe ihn selig – musste sich seine Braut aus Lothringen mitbringen. Er hat dabei sicher mehr Glück erfahren, als die meisten unserer Standesgenossen hier, aber die ersten Jahre waren für beide schon sehr schwer: Der thüringische Adel weigerte sich, mit meiner Mutter Umgang zu haben, denn zum einen verstand man sie nicht richtig und zum anderen war ihre dunkle Schönheit in dieser Gegend verdächtig und man hielt sie deshalb für eine Hexe…“ Steigerthals Gedanken schienen sich in der Vergangenheit festzuhalten und deshalb fuhr er erschrocken auf, als Landgraf Friedrich ihn erneut ansprach:“ Ihr habt eben meine Tochter Ada kennengelernt – würde sie bei Euch am Rande des Harzes auch als Hexe gelten?“ „Eine blonde, blauäugige Frau ihrer Statur, dazudie einzige natürliche Tochter des Landgrafen – nie und nimmer!“ Plötzlich merkte er, in welche Richtung sich das Gespräch drehte: „Was wollt Ihr damit sagen?“ „Nun, mir schien, als ob Ihr sie nicht ganz ablehnen würdet, und sie Euch auch nicht. Was läge da näher, als Euer beider Probleme zu verringern?“ „Von Herzen gern, aber nur, wenn Ada sich freiwillig dahinein fügt!“ „Fragen wir sie, dort kommt sie mit den Küchenmägden, um die Tafeln zu decken.“
Er hob die Hand und winkte Ada zu sich:“ Meine Tochter, ich weiß, dass das Leben hier am Hof in Erfurt nicht leicht für Dich ist, deshalb habe ich ja geplant, Dich ins Kloster zu entlassen. Aber heute hat sich für mich eine andere Möglichkeit abgezeichnet, und ich möchte, dass Du ganz im Sinne der Erziehung, die ich Dir angedeihen ließ, selbst entscheidest, was Du möchtest – auch wenn es allen Sitten und Gebräuchen dieses Landes widerspricht: Möchtest Du in das Kloster Schöndorf eintreten, wie es mit der Äbtissin vereinbart ist, oder könntest Du Dir vorstellen, an der Seite dieses Mannes“, und er deutete auf Gernot, „doch weiter ein weltliches Leben zu führen und Herrin auf einer Burg weit im Norden unseres Landes zu werden?“
Ada atmete tief ein und ließ die Luft mit einem Seufzer entweichen. „Vater, ich bin nur ein Mädchen und kann keine so schnellen Entschlüsse fassen – lass mir Zeit!“ Dann wandte sie sich Gernot zu und sagte „Und Euch kenne ich viel zu wenig um mit gutem Mut sagen zu können, ob Ihr eine Alternative zum klösterlichen Leben sein könntet!“ „Ich bin bereit für Euch alles zu tun, aber Ihr müsst selbst entscheiden!“ Fragend wandte er sich Friedrich zu: „Herr, könntet Ihr Eure Tochter nicht zu uns nach Steigerthal senden oder noch besser, sie begleiten? Wenn sie sich dort umgeschaut und mich etwas besser kennen gelernt hat, kann sie doch erst entscheiden, ob Schöndorf oder Steigerthal ihr eher entspricht.“
Friedrich unterdrückte ein Grinsen, denn genau so hatte er seine Tochter erziehen lassen, und nun schien der passende Schwiegersohn gefunden.
Zwei Wochen später kamen Ada, Friedrich, Hohnstein und eine Truppe Reisige in Steigerthal an. Die Burg war auf Hochglanz gebracht, die Speisekammern und die Fässer gefüllt. Die Sonne schien zum ersten Mal in diesem Frühjahr vom Morgen bis zum Abend, die Wiesen glänzten, Schaumkraut, Gänseblümchen und Löwenzahn zauberten Farbtupfer ins Grün, selbst das Dorf schien gewaschen – wenn auch nur vom Regen der vergangenen Tage. Die Pferde trabten über die gepflasterte Straße – die einzige weit und breit - die Burg und Bergwerk verband. Diejenigen Bewohner des Dorfes, die nicht unter Tage waren, sammelten sich an der Straße um die Gäste anzustarren und sich beim Vorbeireiten der Adligen zu verbeugen – natürlich hatte es bereits Gerüchte gegeben, warum der Landesherr nach Steigerthal käme. Ada fiel auf, dass diese Menschen, auch die Frauen und Kinder, weniger schmutzig und besser genährt aussahen als all die Leute auf dem Ritt bis hierher.
Gernot erwartete sie unter dem Torbogen der Hauptmauer, seine Knechte und die vielen Mägde hinter sich. Über dem Tor war das steigerthalsche Wappen in den Bogen gemeißelt und dann bemalt, ein blauer Schild, von einem Balken schräg halbiert, der die Form einer silbernen Leiter hatte, zwischen deren Rungen drei sechseckige silberne Sterne standen. Es war kein Bastard-Balken, der bei vielen Geschlechtern die Edlen von den Unedlen trennte, aber es war wie ein Zeichen, dass ein eigentlich nicht ritterlicher Herr auf dieser Burg mehr als nur ein Dienstmann war, aber eben keiner der seit Jahrhunderten geachteten Adligen.
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