Der nördlichste Punkt ihrer Inselreise lag zirka 100 Kilo- meter oberhalb von Loch Ness. Ab da ging es dann wieder in südliche Richtung. Die Zeit drängte, leider. Aber einen Blick auf Balmoral Castle nahe Aberdeen wollten sie schon noch werfen. Vielleicht bekommen sie ja sogar die Queen zu Gesicht. So viel Glück hatten sie dann doch nicht. Wenigstens wissen sie aber, dass sich die Queen gerade hier aufhält. Denn der Union Jack flattert aufgeregt im Wind über Balmoral Castle.
Irgendwie war England völlig anders als alle übrigen euro- päischen Länder, die sie schon bereist hatten, aber trotz- dem schön und außergewöhnlich. Saftiges Grün überzieht eine sanft geschwungene Landschaft. Dazwischen wettei- ferten malerische Dörfer und ausladende Strände. Und spektakuläre Burgen, Schlösser und Herrenhäuser gab es ohne Ende zu entdecken, wenn man sie denn mag. Peter mochte sie eher nicht. Irgendwann hatte er die Schnauze so gestrichen voll, dass er sich vehement weigerte auch nur noch ein einziges Castle zu betreten. „Für mich hat es sich jetzt aber mal ausgekastelt“, so zumindest ließ er seinen Frust raus. Er war ja schon froh, dass er aus diesen altehrwürdigen aber maroden Häusern einigermaßen heil rausgekommen ist. Nicht selten hatte er Bedenken, dass ihnen hier die Decke auf den Kopf fallen könnte. Und überall empfand er es stickig und zugig. Der Wind blies durch alle Ritzen, ob- wohl die Fenster geschlossen waren. Während sich Monika überschwänglich für diese alten Gemäuer begeistern konnte, beäugte Peter die recht kritisch und unter ganz anderen Gesichtspunkten. Ihm entging rein gar nichts, nicht der bröckelnde oder schon abgeplatzte Putz, nicht die fingerdicken Risse und auch nicht die feuchten Flecken an den Wänden. Überall roch es modrig, hie und da mal eine Pfütze oder ein Eimer, der das reintropfende Regenwasser auffangen soll. Und durch die Gänge huschten unzählige kleine graue Bewohner, zig Mäuse. „Es hat schon was, so ein altes Herrenhaus, da atmet man noch Geschichte“, schwärmte Monika. „Ja, ja, die eine atmet Geschichte und der andere Verfall, stickige Luft, Staub, Asbest und Salpeter“, so Peter ganz nüchtern.
In England bewegten sie sich in einer Idylle, wie aus dem Bilderbuch, fühlten sich aber um Jahrzehnte zurückversetzt. In den Dörfern und Städten war es so als wäre dort die Zeit stehengeblieben. Peter und Monika kannten eigentlich Eng- lands Dörfer und Städte auch aus den „Inspector Barnaby Filmen“ im Fernsehen, die Monika über alles liebte. Sie dachte sich, dass für diese Filmszenen eigens dafür ausge- suchte Orte dienten, die noch ihre Ursprünglichkeit be- wahrt hätten. Aber dass ganz England so aussieht hat sie dann doch überrascht. Die Briten halten eben an ihren Traditionen fest und kleben an ihrem alten Krempel, angefangen von den unterschiedlich funktionierenden Wasserhähnen und Türklinken bis hin zu ihren seltsamen Steckdosen. Wohnungen, Pubs, Gaststätten, alles wirkte auf die Beiden urig und auch oft überladen. Monika kam sich häufig vor wie im Museum. Sie hätte hier längst ausgedünnt und modernisiert. Aber das alles ist wohl very british.
Die Engländer selbst haben Peter und Monika überwiegend als hilfsbereite nette Menschen kennengelernt, völlig anders als sie es erwartet hatten. Überall sorry, please, thank you, excuse me, fast in jedem Satz. Die englische Höflichkeit ist also keine leere Floskel. Und lustig waren immer wieder die ganz speziellen Rituale, wie beispiels- weise das Schlangestehen. Respektvoll, diszipliniert und geduldig harrten die Briten aus, einer hinter dem anderen, ob beim Bäcker, an der Bushaltestelle, überall herrschte diese besondere Ordnung. Monika und Peter mussten sich da erst mal dran gewöhnen. Gar nicht so leicht wenn man aus einem Land kommt, wo eher Haufenbildung, Hemdsär- meligkeit und Ellbogentechnik angesagt sind. Und bei jedem Smalltalk ging es auf der Insel zuerst einmal ums Wetter. So war es dann auch nicht verwunderlich, dass die Engländer bei jedem Sonnenstrahl in hochsommerlicher Kleidung rumliefen, während Monika und Peter bei gerade mal dreizehn Grad noch ihre Fleecejacken überzogen. Die Briten sind schon ein eigenes Volk, ganz anders als der Rest Europas, irgendwie aus der Zeit gefallen. Und das wusste und äußerte vor Jahren schon ein britischer Premier. „Unsere Geografie hat unsere Psychologie geformt. Wir haben den Charakter einer Inselnation. Wir können unsere britischen Empfindlichkeiten so wenig ändern wie wir den Ärmelkanal entwässern können.“ So sind sie eben die Briten. Sie lieben ihre Traditionen und klammern sich daran fest. Beispielsweise werden die Ge- richtsurteile noch von Männern in Perücken gesprochen und im Unterhaus sitzen die Abgeordneten bei ihren Debat- ten noch so wie im Mittelalter. Auf Festlandseuropäer wirkt alleine schon die Sitzordnung ungewöhnlich und kurios. Da sitzen sich Gentlemen und Ladies auf grünen Bänken gegen- über. Den Komfort eines eigenen Stuhls kennen sie dort nicht. Und im Teppich verläuft beidseitig eine rote Linie, die von keinem der Redner übertreten werden darf. Zwei Säbellängen Abstand müssen schon sein. Und in diesem Ambiente treffen sich die Abgeordneten jeden Mittwoch. Und jeden Mittwoch das gleiche Ritual, sie grölen und fet- zen und schreien sich nieder, mal auf hohem und mal auf weniger hohem Niveau, ganz so wie auf dem Djemaa el fna in Marrakesch. Aber die Briten mögen ihr robustes, lebhaf- tes Parlament. Grabesstille wie im Resteuropa, wo man sogar eine Stecknadel fallen hört, wollen sie nicht. So ist sie eben die feine englische Art. „Wir Deutsche brauchen eigentlich gar nicht weit zu rei- sen, wenn wir was Exotisches erleben wollen. Eines unse- rer Nachbarländer tut`s doch auch“, amüsiert sich Peter beim gemütlichen Absitzen am Abend. „Ja, so extrem hab` ich es mir auch nicht vorgestellt. Die Briten sind schon speziell, irgendwie auch ein bisschen schrullig, aber trotz allem lieb und nett.“ „Stell dir mal vor, uns hätte im Pub niemand gesagt, dass wir hier selber aktiv werden müssen, wenn wir nicht ver- dursten wollen. Wir säßen doch noch heute dort und war- teten auf die Bedienung.“ Und dann ziehen sie bei ihrem spärlichen Abendbrot weiter über die Briten her und ihre lustigen Kuriositäten. Sie erin- nern sich an den Pancake Day, ein Pfannkuchenrennen, das an Fastnachtsdienstag die Fastenzeit einläutet. Butter, Milch und Eier sollen noch vor Beginn der Fastenzeit aufgebraucht werden. Und deshalb rennen die Ladies mit Bratpfanne und ihrem selbstgebackenen Pfannkuchen, der während des Laufs sogar noch gewendet werden muss, um die Wette. Im Südwesten Englands in der Region Gloucestershire gibt es schon seit der Römerzeit einen anderen verrückten Brauch, das Käserollen. Einen steilen Hügel hinunter liefern sich Ladies und Gentlemen ein Wettrennen gegen einen Käselaib, den strohgelben Gloucester, der es nicht selten auf Geschwindigkeiten bis zu 110 Stundenkilometer bringt. Bezwungen soll diesen Käse bisher noch niemand haben.
Aber als Monika und Peter dann die Abendnachrichten an- schauen, vergeht ihnen schlagartig das Lachen, denn was sie auch jetzt über London erfahren, klingt mal wieder höchst beängstigend. Selbst Ärzte, Schwestern und Pfleger, auch weitere Beschäftigte von Kliniken seien erkrankt, man- che auch verstorben. Und die Krankenhäuser platzten aus allen Nähten. Immer mehr Personen würden eingeliefert, aus allen Bezirken und Lebensbereichen der Hauptstadt kämen die Erkrankten. Auch Ausländer seien darunter. Unter der Bevölkerung steige die Angst. In der Stadt würde es so langsam chaotisch und unübersichtlich. So kennt man das von den Engländern nicht. Ihren exakt geregelten Alltag gibt es nicht mehr. Die Menschen rennten umher, drängel- ten in den Läden, deckten sich mit Lebensmitteln ein. Die höchst beeindruckende Ordnung gehört längst der Ver- gangenheit an. „Wer weiß was da noch auf uns zukommt? Also jetzt mache ich mir richtig Sorgen, vielleicht ist es ja doch Ebola oder vielleicht auch ein Anschlag, und wieso weiß man noch immer nichts darüber, nun sag doch auch mal was, Peter.“ Und so redet Monika noch einige Minuten weiter ohne Punkt und Komma, ohne Luft zu holen. So passiert es immer dann, wenn sie extrem aufgeregt ist. Aber sie ist ja auch zutiefst besorgt und diesmal nicht ohne Grund.
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