und ich habe nicht einmal die Möglichkeit ihn ein paar Zigaretten zuzustecken.
Selbst das Essen lässt er von einem Rotarsch verteilen, damit ich ja keinen
Kontakt zu ihm habe. Zum Kotzen ist das!“
Jablonski nickte mitleidig und fragte: „Wann habt ihr eure Ablösung?“
„Halbe Stunde, wieso?“
„Dann schaffe ich ihn euch für eine Weile vom Hals“, versprach er seinen
Kameraden, die sich verwundert ansahen.
„Mensch, das wäre echt geil!“, rief einer der Wachen begeistert, „ Dann läuft der
andere Rotarsch nämlich Wache!“
Voller Vorfreude boxte er Jablonski gegen die Schulter, verabschiedete sich und
ging mit seinen Kameraden in die Dunkelheit zurück.
Um 23 Uhr 30 nahm Jablonski den Hörer vom Telefon und wählte die Wache an.
„Wache Graf Golz-Kaserne, Erste 174, Unteroffizier Hechler!“, schnarrte es aus
dem Hörer.
„UvD San-Bereich Gefreiter Jablonski. Können Sie mal vorbeikommen? Irgend
jemand schleicht hier um den San-Bereich herum.“
„Warum gucken Sie nicht selber nach?“, fragte Hechler schnippisch.
„Weil ich den San-Bereich nicht verlassen darf und es Ihre Aufgabe ist!“, gab
Jablonski gelassen zurück. Vorsichtshalber fügte er hinzu: „ Aber wenn Sie nicht
wollen, dann rufe ich den San-OvWa (Wachhabender Sanitätsoffizier) an und das
wird garantiert Ärger geben.“
„Ist ja gut, ich komme!“, versprach Hechler gereizt. Zufrieden legte Jablonski
den Hörer wieder auf und wartete mit verschränkten Armen am Haupteingang auf
dessen Ankunft.
Minuten später kam er auch schon angeradelt und stellte sein Rad neben den
Stufenabsatz. Misstrauisch fragte er Jablonski, was er gesehen oder gehört haben
wollte.
„Ich habe Schritte gehört. Als ich aus dem Fenster sah, verschwand da etwas
hinter dem Anbau dort“, erklärte Jablonski und zeigte zur linken Ecke des San-
Blocks. Hechler starrte in die Dunkelheit.
„Könnte natürlich auch die Streife gewesen sein“, fügte er hinzu, obwohl er
genau wie Hechler wusste, dass zu diesem Zeitpunkt keine Streife in der Nähe
war. Hechler gab keine Antwort, reagierte aber sofort. Er zog seine Pistole, lud
sie durch und machte sich auf die Suche. Kaum dass er hinter der Ecke
verschwand, fiel Jablonskis Blick auf das Speichenschloss des Fahrrades, in dem
noch der Schlüssel steckte. Kurzerhand schloss er ab und warf den Schlüssel in
die Richtung, in der Hechler verschwand. Es sollte so aussehen, als wenn er den
Schlüssel dort verloren hätte. Klimpernd landete dieser auf dem Asphalt und
rutschte gegen den Randstein. Sekunden darauf kam Hechler zurück und fragte:
„Was war das?“
„Was war was?“, stellte Jablonski die Gegenfrage.
„Das Geräusch“, erklärte Hechler und ließ den Lichtstrahl seiner Lampe über den
Parkplatz huschen.
„Sie hören Geräusche?“, erkundigte sich Jablonski besorgt, als machte er sich
ernsthafte Gedanken um dessen psychischen Zustand. Unsicher, irgendetwas vor
sich hin brummelnd, drehte er sich weg und machte sich erneut auf die Suche.
Nach zehn Minuten tauchte Hechler auf der anderen Seite des Blocks wieder auf
und meldete auch noch falschen Alarm. Als er sich auf das Rad schwang,
blockierte das Hinterrad. Es hätte nicht viel gefehlt und Hechler wäre über die
Lenkstange geflogen. Erst stutzte er, überlegte und begann dann seine Taschen zu
durchwühlen.
„Suchen Sie was?“, fragte Jablonski scheinheilig, aber er bekam keine Antwort.
Notgedrungen machte sich der Unteroffizier, der selbst davon überzeugt war, das
Rad abgeschlossen zu haben, auf die Suche. Eine halbe Stunde suchte er mit der
Taschenlampe seine zurückgelegte Strecke ab, bis er den Schlüssel auf dem
Asphalt fand. Wortlos, mit kurzem Anlauf schwang er sich auf den Sattel und
machte sich auf dem Weg zur Wache. Jablonski griff erneut zum Telefon und
kündete Hechlers Rückkehr an.
„Alles klar Sani, vielen Dank!“, rief der stellvertretende Wachhabende erfreut
und am Gelächter im Hintergrund war deutlich die Begeisterung zu hören.
Jablonski legte den Hörer auf und machte abermals einen Rundgang durchs
Krankenrevier. Dann legte er sich aufs Bett und verschränkte die Arme hinter den
Kopf. Er starrte an die Decke und dachte an Britta und den freien Tag mit ihr. Mit
diesem Gedanken schlief er alsbald ein.
Hechler hatte von der ganzen Schieberei nichts mitbekommen. Er wunderte sich
nur über die ausgelassenen Fröhlichkeit seiner Wachen. Er fühlte zwar, dass da
was faul war, aber es war ihm nicht möglich dahinter zu kommen, was es war.
In den frühen Morgenstunden wurde Jablonskis Nachtruhe jäh unterbrochen. Mit
der Faust gegen die Glastür hämmernd stand der Zugführer der vierten
Kompanie, Leutnant Schlapphoff, sternenhagelvoll, runtergekommen und in zivil
vor der Tür. Wankend stützte er sich am Türrahmen ab und ließ seine unkontrollierten
Blicke durch die Finsternis schweifen.
Sich die müden Augen reibend schlenderte Jablonski zur Tür und öffnete. Im
selben Augenblick fiel ihm der Leutnant auch schon entgegen und hielt sich an
ihm einigermaßen aufrecht.
„Mensch Jablonski, bin ich froh, dass Sie Dienst haben“, lallte er erleichtert und
drängte ihn unweigerlich in den Flur des San- Bereiches.
„Meine Güte, welcher Kosakenhaufen hat sie denn überritten?“, fragte Jablonski
erstaunt, als er den Leutnant erkannte.
„Sie müssen mich verstecken! Die dürfen mich jetzt nicht finden. Sie müssen mir
helfen!“
Die Hemdsärmel waren hochgekrempelt und an den Unterarmen waren
zahlreiche Hautabschürfungen und Schmutzkrusten zu sehen.
„Die Wachen sind hinter mir her! Verstecken Sie mich, schnell!“, forderte der
Leutnant ängstlich. Ein kurzer Blick aus dem Fenster bestätigte dessen
Befürchtung. Aus der Dunkelheit näherte sich vom Zaun her der Unteroffizier
Hechler mit zwei Wachsoldaten. Geistesgegenwärtig riss Jablonski den Leutnant
aus dem Blickfeld des Fensters und schob ihn in den hinteren Unterrichtsraum,
der von den Sanis als Fernsehraum benutzt wurde. Mit dem Fuß zog er eine
Trage hervor, die unter einem hochbeinigen kleinen Schrank stand. Mehr fallend
als hinlegend verfrachtete er den Leutnant, der sich stöhnend zur Seite wälzte, auf
die bereitgestellte Trage.
„Sie bleiben jetzt hier liegen und verhalten sich ruhig!“, mahnte Jablonski den
Leutnant. Eilig zog er noch die Vorhänge zu, löschte das Licht und eilte wieder
hinaus. Gerade noch rechtzeitig erreichte er den UvD- Raum, als Hechler auch
schon klingelte. Betont langsam und mit gespielter Müdigkeit öffnete er die Tür.
„Wir suchen einen Zivilisten!“, polterte Hechler los und sah an ihm vorbei, als
hoffte er jenen Eindringling hinter seinem Rücken zu entdecken.
„Gehen Sie mal zum Hauptbahnhof, dort finden Sie welche“, antwortete
Jablonski gähnend. Die beiden Wachen schmunzelten vergnügt vor sich hin und
hoben genervt die Augenbrauen.
„Ich suche einen Zivilisten, der hier in die Kaserne eingedrungen ist!“, wiederholte
Hechler gereizt, „Ich habe den Verdacht, dass er sich im San-Bereich
aufhält!“
„Da irren Sie. Nachts werden hier keine Besucher eingelassen. Wir sind ein San-
Bereich und kein Puff, Herr Unteroffizier.“, widerlegte Jablonski dessen
Verdacht. Hechler presste wütend die Lippen zusammen und maßregelte seine
lachenden Wachen.
„Sparen Sie sich ihre Sprüche! Lassen Sie mich vorbei, damit ich mich selbst
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