dem er noch immer guten Kontakt hatte. Er grüßte nickend, als Jablonski seinen
Parker auf den Tresen legte. Dabei blickten seine Augen müde zwischen die
Regale hindurch zum VU.
„Hemd, Hose, Schuhe. Alles?“, fragte Hechler, als er die Sachen über die
Tresenplatte schob.
„Ne Krawatte kannst du mir noch mitgeben, meine ist schon so ausgeblichen. Die
bringe ich dir nachher hoch“, sagte Unteroffizier Schrader tonlos. Der VU
verschwand hinter den Regalen, auf denen pedantisch geordnet die
verschiedensten Wäschestücke lagerten. Ein Bilderbuch hätte die Ordnung nicht
besser darstellen können. Selbst die ausgesonderte Kleidung war trapezförmig
auf dem Fußboden gelagert. Die Schuhe standen sortiert in Reih und Glied. Eine
DIN A4 Seite verriet, dass er noch immer die Hemden in Rekrutenmanier
zusammenlegte. Die Abstände zwischen den Wäschestapeln betrug genau 4
Zentimeter, das Maß eines Dachlattenstückes. Unteroffizier Hechler brachte ihm
die Krawatte. Schrader packte seine Sachen zusammen und ging zum Ausgang.
„Empfehlen Sie uns weiter, Herr Unteroffizier!“, rief Jablonski ihm scherzhaft
nach. Schrader nickte kurz und ließ ein knappes Lächeln über die Lippen
huschen.
„Einmal tauschen“, sagte Jablonski tonlos, schob den Parka rüber und legte
seinen Anforderungszettel daneben. Eindringlich untersuchte Hechler den Parka,
während Jablonski ihm schweigend mit berechtigter Vorahnung auf die Finger
sah. Er hatte schon einmal Ärger mit diesem VU gehabt. Damals wollte Jablonski
durchlöcherte Strümpfe tauschen, doch musste er sie erst stopfen, tragen und
wieder waschen. Als es dann endlich soweit war, waren keine Strümpfe auf
Lager. Sein Protest wurde mit dem kurzen Befehl „Raus!“ beendet. Hechler
verstand es, wenn auch ungewollt, seine Beliebtheitsskala auf den Tiefstand zu
bringen. Mit jedem UvD (Kompaniewache als Unteroffizier vom Dienst) oder
Wachdienst schaffte er sich neue Feinde. Fieberhaft suchte er nach Fehlern am
Parka.
„Suchen Sie Flöhe?“, fragte Jablonski ungeduldig.
„Ihr Parka weist diverse Löcher auf. Es fehlen drei Knöpfe und schmutzig ist er
auch. So nehme ich ihn nicht an.“
„Wäre er in tadellosem Zustand würde ich ihn wohl nicht tauschen wollen.“
„Interessiert mich nicht!“, wehrte Hechler ab und begründete sein Handeln: „Laut
Dienstvorschrift hat er sauber und heil zu sein.“
„Westphal hat es nie so eng gesehen“, erinnerte Jablonski ihn, womit er auf
dessen Vorgänger anspielte.
„Ich bin nicht Westphal“, wehrte Hechler gelassen ab.
„Rein menschlich sind Sie auch weit davon entfernt, Herr Unteroffizier!“, sagte
Jablonski, nahm seinen Parka und wollte gehen.
„Ihr Ton passt mir nicht, Herr Gefreiter!“, schrie Hechler ihn an und stützte seine
Hände auf. Lässig zog Jablonski sein Maßband aus der Tasche und hielt sie dem
Unteroffizier sichtbar hin. „Neunundachtzig,“, kommentierte er knapp. Hechler
blähte sich auf und drohte: „Wenn Sie mir noch einmal ihre Tageszahl nennen,
nehme ich Sie fest!“
„Sie können mich so fest nehmen wie Sie wollen, Herr Unteroffizier, das ändert
nicht an der Tatsache, dass ich nur noch 89 Tage habe“, wiederholte Jablonski
und steckte das Maßband wieder weg. Wie von einer Tarantel gestochen jagte
Hechler um den Tresen herum und baute sich drohend vor Jablonski auf. Dieser
sah ihn erwartungsvoll und abwartend an.
„Gefreiter Jablonski, hiermit nehme ich Sie vorläufig fest. Folgen Sie mir aufs
Geschäftszimmer!“
Unbeeindruckt steckte Jablonski die linke Hand in die Hosentasche und fragte: „
Wie wollen Sie ihre Festnahme begründen?“
„Wegen Beleidigung eines Unteroffiziers.“
Jablonski überlegte kurz. Ein Gedankenblitz ließ sein Gesicht aufhellen.
„Okay“, sagte er überlegen, „Sie machen Meldung über die Beleidigung und ich
beschwere mich darüber, dass Sie mir in den Schritt gefasst haben. Was halten
Sie davon?“
Unteroffizier Hechler verschlug es die Sprache. Er rang fieberhaft nach Worten
und brauchte eine geraume Zeit, sich zu fassen. Ihm war klar, dass er ohne
Zeugen gar nichts machen konnte. Seine Unsicherheit festigte Jablonskis
Haltung.
„Selbst wenn meine Beschwerde abgelehnt wird, so werden sich doch einige ihre
Gedanken machen. Und wer sich Gedanken macht, plaudert gern. So entstehen
Gerüchte Herr...“
„Halt die Schnauze!“, fuhr Hechler ihn an, wobei sein ganzer Körper bebte und
das rotanlaufende Gesicht verriet die Wut, die in ihm tobte. Die Fäuste ballten
sich und er wankte unschlüssig hin und her. Der sonst so dienstbewusste
Unteroffizier vernachlässigte seine vorschriftsmäßige Umgangsform nur dann,
wenn er in Rage geriet und es keine dritten Zuhörer gab. Er nutzte die Zeit
einiger Atemzüge, um zu überlegen, wie er diesem rotzfrechen Gefreiten
beikommen konnte. Aber ihm fiel nichts gescheites ein.
„Du mieses kleines Dreckschwein“, fluchte er leise vor sich hin.
„Dienstgeile Z-Sau!“, konterte Jablonski, drehte sich um und ließ ihn stehen.
„Eines Tages krieg ich dich!“, schrie Hechler in seiner Verzweiflung hinterher.
Ohne sich noch einmal umzudrehen, hob Jablonski die Faust in die Höhe und
streckte den Mittelfinger. Deutlicher hätte er seine Abneigung gegen Hechler
nicht zeigen können. Dem VU blieb nichts anderes übrig, als zahlreiche Flüche
hinterher zu schicken. Diese kleine Niederlage bekam der VU-Gehilfe Gefreiter
Liebherr zu spüren. Für seine fünfminütige Verspätung faltete Hechler ihn
gnadenlos zusammen und ließ ihn die ausgemusterten Stiefel putzen, die auf
einem Regal unterhalb des Fensters aufgereiht waren.
Liebherr war ein stiller, introvertierter Typ mit einem regelrechten Milchgesicht,
der nur schwer mit der rauhen Realität der Bundeswehrumgebung zurechtkam.
Hechlers Opportunismus machte ihn unweigerlich zum Duckmäuser und
Denunziant. Niemand legte Wert auf seine Bekanntschaft und er fühlte sehr wohl
die Ablehnung seiner Kameraden. Er selbst aber verbaute sich, ob ungewollt oder
aus Dummheit, den Anschluss an das kameradschaftliche Kasernenleben. Der
Hang zur Absonderung ließ ihn zu einen Leisetreter werden. Die Anbiederungen
an Hechler tat ihr übriges. Er und der VU verkörperten das typische Herr- und
Knechtgespann.
Jablonski hängte seinen Parka wieder in den Spind zurück und ging ohne große
Eile zum San-Bereich. Nach kurzer Rückmeldung beim Gruppenführer begab er
sich in das Bestrahlungszimmer, wo der Gefreite Hoppe hastig einen Lappen griff
und vorgab, als putze er die Geräte. Er ließ sich und den Lappen auf einen Stuhl
fallen, als er seinen Kameraden erkannte.
„Bestrahlung?“, erkundigte er sich scheinbar besorgt. Jablonski beantwortete die
überflüssige Frage gar nicht erst. Es war längst ein offenes Geheimnis, dass sich
von Zeit zu Zeit die Sanitäter eine Bestrahlung verabreichten. Er nahm den
Lichtkasten, schraubte fünf der sechs Glühbirnen lose und legte sich auf die
Liege. Hoppe stülpte ihm den Kasten über den Kopf. Doch der Schein trog im
wahrsten Sinne des Wortes. Statt der Hitze genoss Jablonski für die nächste halbe
Stunde die Ruhe. Die eine Birne tat seiner Müdigkeit keinen Abbruch. Dies alles
wurde vom San-Gruppenführer Oberfeldwebel Hamann stillschweigend und
indirekt geduldet. Er legte nur Wert darauf, dass ihm die lasche Disziplin nicht
außer Kontrolle geriet. Wichtig waren ihm die An- und Abmeldung, die
Читать дальше