Geländefahrt in einem Panzer dieser Größenordnung war eines der beliebtesten
Dinge, die einem in so einem Bataillon widerfahren konnte.
Der achtzehnmonatige Wehrdienst war mit Ausnahme der dreimonatigen Grund-,
Fahr- und Fachausbildung, ein träges Dahinsiechen. Langeweile und
Lustlosigkeit machten sich da breit, wo es galt, seine Zeit abzubummeln. Die
Unproduktivität ihrer Arbeit, das stumpfsinnige Pflegen und Warten der
Maschinen und Geräte sowie die langatmigen Appelle ließen die Männer
abstumpfen. Fairerweise aber sei gesagt, dass Ausnahmen nicht selten waren.
Pioniere beispielsweise, die bei Sturm und Regen Brücken bauten, um sie danach
wieder wegzusprengen. Grenadiere, die durch Schlamm robbten und Schützengräben
aushoben, während ihnen der eisige Sturm ins Gesicht fegte. Hinzu kamen
die Einengung der Privatsphäre, die unbezahlte Anwesenheit für Wachen,
Bereitschaften, Übungen und Sonderdienste. Dies erstickte jedes Interesse an der
Bundeswehr.Doch hatte der Wehrdienst auch seine positiven Aspekte. Gerade Mütter
dienender Soldaten begrüßten die Sauberkeit und Ordnung. Das Leben in der
Gemeinschaft lehrte zur Solidarität und Kameradschaft. Jede erdenkliche
Ausbildung war großzügig, gut und teuer. Der knappe Wehrsold zwang zur Sparsamkeit
und die Verantwortung für Wäsche und Geräte veranlassten die Soldaten,
sorgsam und pfleglich mit den ihnen anvertrauten Sachen umzugehen. Um es auf
einen Nenner zu bringen: Der Wehrdienst war in den Augen der Eltern der letzte
Schliff ihrer, auf der Strecke gebliebenen, Erziehungstheorien.
Die Mittagspause war gerade beendet und das allgemeine Betriebsleben nahm
seinen Lauf. Einige Teileinheiten der ersten Kompanie marschierten geschlossen
zu ihren Arbeitsplätzen. Ein paar Offiziere pendelten zwischen Stab, Kasino und
Kompanien hin und her. Vor einigen Kompanieblocks standen Lkws, die be- oder
entladen wurden.
Es war ein Tag wie jeder andere und alles ging recht lahm und lustlos voran. Die
Neuen brachten wenigstens ein bisschen Abwechslung in den olivgrünen Alltag
der Kaserne, und man konnte endlich wieder die sorgsam gehüteten Witze an den
Mann bringen. Auf dem Exerzierplatz reihten sich gerade die Rekruten zur
Formalausbildung auf. In ihren sauberen kräftig grünen Kampfanzügen sahen sie
noch recht geschniegelt aus. Die Zugführer waren bemüht, ihnen Disziplin und
Gehorsam einzubrüllen und somit die krause Zivilhaltung auszubügeln. „Würden
Sie“ und „könnten Sie“ wechselte in „Marsch, Marsch“, und „Zack, Zack“.
Mit dummen Bemerkungen mitten aus der Reihe heraus marschierte der Inst.-Zug
(Instandsetzungszug) der Ersten an ihnen vorbei. In ihren blauen verwaschenen
Arbeitsanzügen sahen alle gleich aus und der ablehnende Ausdruck ihrer
Gesichter machte jeden Rekruten deutlich klar, dass diese Männer ihre
Grundausbildung schon weit hinter sich hatten.
„Ruhe da vorn!“, mahnte der nebenher marschierende Feldwebel, als die Lautstärke
der Witzeleien zunahm. Es war ein Entgegenkommen gegenüber ihren
ausbildenden Kameraden, die jedoch genug mit ihren Soldaten zu tun hatten und
sich gar nicht darum kümmerten.
Langsam stieg der Gefreite Gerd Jablonski die grauen Steinstufen zum VU-Boden
(Versorgungsunteroffizier) im Dachgeschoss hinauf. Seine Beine waren
noch schwer wie Blei nach seinem Mittagsschlaf, den er sich regelmäßig gönnte.
Das Resultat war jedoch immer gleich: Er war hinterher noch niedergeschlagener
als vorher. Das stets ungekämmte blonde Haar reichte knapp bis zu seinem
Kragen. Mit gestrecktem Hals und heruntergezogenem Kragen konnte er sich
jedoch stets durch den Haarappell mogeln. 1970 wurde der sogenannte
„Haarerlass“ erteilt, was den Soldaten erlaubte, das lange Haar zu behalten. „Es
kommt nicht darauf an was der Soldat auf dem Kopf hat, sondern was er im Kopf
hat“, war die Wahlparole der damaligen SPD und verbuchte so erfolgreich einige
Wählerstimmen für sich. Für das Tragen langer Haare war die Benutzung eines
Haarnetzes vorgeschrieben. Die ersten Haarnetze waren so dünn, dass sie
allenfalls drei Tage hielten. Es dauerte nicht lange und der Nachschub kam ins
Stocken. So wurden dann die ersten Ausnahmen erteilt, was wiederum zur Folge
hatte, dass die Soldaten bei der Beschädigung nachhalfen. Nach ca. einen halben
Jahr kamen die neuen Haarnetze. Dunkelbraun, stabil und so eng wie eine zu
klein geratene Pudelmütze. Einige fanden heraus, dass man darin locker fünf
Flaschen Bier transportieren konnte, und es hieß, es ließe sich sogar ein LKW
damit abschleppen. Wie die meisten Soldaten zog es auch der Gefreite Jablonski
vor, sein Haar kurz zu tragen, um dieses unbequeme Witzteil nicht benutzen zu
müssen. (Zwei Jahre später wurde der Erlass wieder zurückgenommen.)
Sein schwarzes Barett mit silbernem Panzeremblem saß schräg auf seinem Kopf.
Über die Schulter hing lose der Parka, den er tauschen wollte. Der Gefreite
Jablonski war Wehrpflichtiger und hatte noch ein Vierteljahr abzuleisten. Stolz
wie jeder Reservist, der etwas auf sich hielt, trug er eine Maßbandrolle, deren
Zentimeter die jeweilige Tagesrestzahl anzeigte. Er war nicht das, was man einen
Mustersoldaten nannte, dafür aber war er clever genug, sich durch zumauscheln
und konnte seine Vorgesetzten gut unterscheiden. Vom zackigen Gruß, zum
freundlichen guten Morgen bis hin zum kleinen Scherz, wusste Jablonski sehr
gut, wie er sich zu verhalten hatte. Außerdem war er recht beliebt bei seinen
Kameraden, da er als Sanitäter das Behandlungszimmer des San-Bereichs
(Sanitätsbereich) unter sich hatte. Alle, die vom Stabsarzt kamen, holten sich bei
ihm Verbände und Medikamente ab. Da lag es schon nahe, dass sich der eine
oder andere etwas zu besorgen versuchte. Der Küche und der Werkstatt gegenüber
war Jablonski besonders großzügig, was ihm einige Extrawürste einbrachte.
Die Medikamente der Bundeswehr waren ohnehin gut und teuer, was auch die
Angehörigen der Soldaten zu schätzen wussten. Die Legende von roten und
weißen Einheitspillen war die Erfindung unwissender Soldaten. Dass viele die
gleichen Medikamente bekamen, lag daran, dass sie mit den gleichen, meist
simulierten Symptomen zum Stabsarzt gingen.
Als Jablonski die schwere Eisentür zum VU-Boden öffnete, kam ihm der Geruch
von Mottenkugeln und Lederstiefeln entgegen. Unteroffizier Hechler war der VU
(Versorgungsunteroffizier) und ein Streber, der seinesgleichen suchte. Sein
kantiges Gesicht, die braunen Augen, die sich hinter einer Hornbrille versteckten,
hatten zynische Züge an sich. Seit er zum Stabsunteroffizier vorgeschlagen
worden war, kannte seine Eifrigkeit keine Grenzen. Seine Lebensauffassung
bestand darin, nach oben zu kriechen und nach unten zu treten. Daher war er hier
oben in seinem Kleiderloch recht gut aufgehoben. Sogar Soldaten seines Ranges
legten keinen großen Wert auf seine Gesellschaft. Die wenigen Freunde, die er
hatte, akzeptierten ihn auch nur deshalb, weil er als Versorgungsunteroffizier mal
das eine oder andere ohne große Formalitäten beschaffen konnte. Offiziere hatten
bei ihm natürlich Vorrang. Da genügte ein Anruf und schon schickte er seinen
Gehilfen los. Es spielte auch keine Rolle, wann der Anforderungszettel eingereicht
wurde. Hechler war gerade mit Unteroffizier Schrader beschäftigt, der
einige Sachen zu tauschen hatte. Schrader war Fahrlehrer der ersten Kompanie,
bei dem auch Jablonski seine Führerscheine C.E und F1 gemacht hatte und zu
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