irgendwie geleimt, weil er es mal wieder mit viel Überredung und Charme
geschafft hatte, ihr die Arbeit zu überlassen. Unermüdlich nähte sie einen Knopf
nach dem anderen an, während er mit einem Fleckenwasser seinen Parka zu
Leibe rückte. Britta studierte Architektur in Marburg und so hatten sie nur am
Wochenende Gelegenheit, sich zu sehen.
Gerade an diesem Wochenende lag ihr besonders viel an einer intensiven
Zweisamkeit. Denn für die nächsten sechs Wochen stand eine Studienreise bevor.
Aus unerklärlichen Gründen hatte sie es ihm noch nicht erzählt, und während sie
so vor sich hin nähte, formten sich in ihrem Kopf passende und zugleich
schonende Worte, um es ihm beizubringen.
Jablonski war ihr erster richtiger Freund. Die sechswöchige Trennung und die
Angst, ihn zu verlieren, bereiteten ihr großes Kopfzerbrechen.
„Du, ich muss dir etwas sagen“, begann sie zögernd. Jablonski blickte zu ihr auf,
brummte eine Art Bestätigung und machte weiter.
„Ich, ich verreise nächste Woche...“, kam es zögernd aus ihr heraus. Jablonski
sah kurz zu ihr und fragte: „Und wie lange?“
„Sechs Wochen. Weißt du, wir machen eine Studienreise nach Israel.“
Ihm fiel die Kinnlade herunter und es dauerte eine ganze Weile, bis er das
geschluckt hatte.
„Muss das sein?“, fragte er fast vorwurfsvoll. Britta legte die Jacke beiseite und
sah ihn entschuldigend und traurig zugleich an.
„Ich kann mich nicht davon ausschließen.“
„Und das fällt dir erst jetzt ein?“, fragte er vorwurfsvoll.
„Eigentlich weiß ich das schon seit vier Wochen, aber ich...“
„Ich wette, dass euer Hund es früher wusste als ich!“, unterbrach er sie beleidigt,
als hätte sie zu ihrem Hund mehr Zutrauen.
„Die Reise ist für mein Studium sehr wichtig“, verteidigte sie sich und sah ihn
mitfühlend an. Jablonski schüttelte nur verständnislos den Kopf. Ausgerechnet an
diesem Wochenende musste er seine Sachen dem UvD vorführen. Mit beleidigten
Mundwinkeln machte er sich wieder an seinem Parka zu schaffen. Britta sah ihm
schweigend zu. Sie fühlte sehr wohl, wie wütend er war und sie musste ihm
ehrlicherweise recht geben. Sie hüpfte vom Bett herunter und setzte sich auf
seinen Schoß. Sanft schmiegte sie sich an ihn und flüsterte ihm ins Ohr: „Es war
doch immer so schön, deshalb wollte ich dir nicht die Laune verderben. Das
verstehst du doch, oder?“
Jablonski küsste ihren Hals und brummte zustimmend. Wahrscheinlich wären die
vorangegangenen Treffen nicht so harmonisch verlaufen, wenn der Tag der
Abreise immer näher rückte.
„Ich fliege nächsten Samstag früh. Aber ich kann schon am Freitagmorgen hier
sein“, sagte sie mit euphorischer Vorfreude.
„Dann bin ich in der Kaserne“, warf Jablonski ein. Doch da erinnerte er sich an
den Fünfundzwanziger und den eventuellen Tag Sonderurlaub. Sein Gesicht
wurde durch die kleine Hoffnung wieder freundlicher und er erzählte seiner
Freundin davon.
„Glaubst du wirklich, dass du es schaffst?“, fragte sie misstrauisch.
„Ich marschiere ganz gut. War fast immer einer der Ersten“, beruhigte er sie und
auch sich.
„Muss nur meinen Oberfeld fragen, ob ich den Tag Freitag schon kriegen kann.“
„Kannst du dir nicht so einen Tag freinehmen?“, fragte Britta. Sie wollte nicht,
dass er solche Strapazen auf sich nimmt.
„Ich bin Soldat und kein Angestellter“, lachte Jablonski, „Vierzigstundenwoche
und Betriebsrat gibt es bei uns nicht!“
Britta sah ihn mitleidig an und sagte: „Ihr Soldaten seid wirklich arme Schweine.
Jeder popelige Lehrling hat mehr Rechte als ihr. Bei euch kommt doch sowieso
nichts Produktives zustande und Soldaten sind genug vorhanden, da können sie
dir doch mal einen Tag geben.“
Sie hatte nie viel Verständnis für die Bundeswehr.
„Achtundachtzig“, flüsterte ihr Jablonski küssend zu, was sie ebenso gefühlvoll
erwiderte.
„Ich möchte nicht, dass du dich deswegen kaputt machst“, sagte sie besorgt und
drückte ihre Stirn gegen seine.
„Gemessen an der Belohnung, die ich von dir bekomme, ist der
Fünfundzwanziger ´ne Lachpille!“ lachte Jablonski und drückte sie fest an sich.
Fast unbemerkt wurden die grauen und olivgrünen Jacken beiseitegeschoben und
sie befassten sich mit der Anatomie ihrer Körper. Die gefühlvolle Hingabe war
kein Vergleich zum stumpfsinnigen Annähen der Knöpfe. Die Schallplatte war
längst zu Ende und kratzte unbeachtet vor sich hin.
Den Samstag über half Britta Frau Jablonski im Garten, während ihr Freund sich
um ihren altersschwachen VW-Käfer kümmerte. Sein Vater saß zeitungslesend
auf einer Holzbank, die unter einem Apfelbaum stand. Ab und zu sah er zu den
beiden Frauen, wobei er wohl eher Brittas wohlgeformtes Hinterteil betrachtete,
der den Stoff ihrer Jeans spannte. Er mochte sie sehr gern und hoffte natürlich
dass sie eines Tages seine Schwiegertochter werden würde. Frau Jablonskis
Garten war bis auf den letzten Quadratmeter mit Gemüse bepflanzt und liebevoll
hergerichtet. Britta zeigte großes Interesse, da sie als reiner Stadtmensch das
Gemüse nur aus den Auslagen eines Supermarktes kannte. Für Frau Jablonski
war das die beste Gelegenheit ihr jede Pflanze vorzustellen und deren Pflege zu
erklären. Ihrem Sohn dagegen hatte sie jede Tätigkeit im Garten untersagt,
nachdem er einmal statt Unkraut die Setzlinge beseitigt hatte.
Auch diese Nacht hatte sie bei ihm verbracht. Frau Jablonski hatte Britta, getreu
ihrer moralischen Vorstellung, ein Bett in der Wohnstube zurechtgemacht. Dass
es nur zum Zubettgehen und Aufstehen benutzt wurde, dafür sorgte schon ihr
Sohn. Um seiner Mutter die Illusion vom braven, wohlerzogenem Mädchen zu
erhalten, durfte es Britta nicht verpassen, frühzeitig aus seinem Bett zu flüchten,
damit seine Mutter sie auch wirklich im Wohnzimmer antraf.
Am Sonntagmorgen machten sich beide auf den Weg zur Kaserne. Die Sonne
schien und es kamen ihnen die ersten Sonntagsausflügler entgegen, die es in die
freie Natur trieb. Mit verschränkten Armen und etwas missmutig saß Jablonski
auf dem Beifahrersitz und sah ins Leere.
Auf der Bundesstraße 75 fing der Wagen ein paar Mal an zu stottern, als nehme
man das Gas weg. Jedes Mal, wenn es ruckte, sahen sie sich kurz, aber
schweigend an. Die Abstände wurden immer kürzer. „Du fährst heute so
stümperhaft. Reiß dich doch mal zusammen!“, schimpfte Jablonski gereizt. Dabei
blickte er kontrollierend zur Tankanzeige, die aber noch über Halbvoll anzeigte.
„Das bin ich nicht“, verteidigte sie sich. „das macht er, seit du daran herumgewerkelt
hast.“
„Blödsinn, ich hab' nur die Kerzen ausgewechselt“, wehrte er ab.
„Vielleicht hast du eine verkehrt herum eingesetzt?“, überlegte Britta laut.
„Verkehrt herum“, wiederholte er spöttisch. „Mensch, lass das bloß keinen
hören.“ Lachend schüttelte er den Kopf. Vom Motor hatte sie wahrlich nicht die
geringste Ahnung. Daher kümmerte er sich um die kleinen Macken ihres
altersschwachen Wagens. Ersatzteile besorgte er sich auf dem Schrottplatz und das
Wissen von einigen Kameraden der Instandsetzung, die vor ihrer Einberufung
schon als Automechaniker tätig waren. Da in der Golz Kaserne auch ein VW
Käfer stationiert war, fiel auch mal für Brittas Wagen etwas ab. Für zwanzig
Vitamintabletten bekam Jablonski ohne Weiteres ein Paar Wischergummis und
für vier elastische Binden vier Zündkerzen. So wusch eine Hand die andere.
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