morgendliche Meldung des San-UvD´s (Sanitätsunteroffizier von Dienst) und die
Beschäftigungsbereitschaft seiner Soldaten. Es interessierte ihn nicht, ob das
Ordentliche noch einmal geordnet, das Geprüfte noch einmal geprüft oder das
Saubere noch einmal gereinigt wurde. Die Hauptsache war, das niemand untätig
herumstand. Wenigstens nicht in seiner Nähe. Seine Bemühung, es jedem Recht
zumachen war zwar lobenswert, aber es klappte nicht immer. Wer glaubte, vom
Oberfeldwebel fordern zu können, hatte plötzlich einen diensteifrigen Vorgesetzten
vor sich. Die Sanis kannten ihn sehr gut und wussten, wie weit sie gehen konnten.
Oberfeldwebel Hamann war ansonsten ein geselliger Mann, der besonders in kleiner
Runde sehr kameradschaftliche Züge hatte. Seine Angewohnheit war es, jeden Morgen
das Behandlungszimmer zu betreten, sich die Hände zu waschen und die Zunge vor
dem Spiegel herauszustrecken. Danach wechselte er ein paar unbedeutende
Worte mit Jablonski und verschwand wieder.
Bis auf den morgendlichen Krankenverkehr war der San-Dienst eher stupide.
Abwechslung hatten eigentlich nur die Kraftfahrer, zu denen auch Jablonski
gehörte. Zweimal die Woche war technischer Dienst, kurz TD angesagt. Da
hielten sich die Sanis an ihren Fahrzeugen auf und achteten lediglich darauf,
schnell ein Werkzeug oder die Ölkanne in die Hand zu nehmen, wenn der
Schirrmeister (ähnlich Fuhrparkleiter) seine Runde machte. Denn bei dem
chronischen Bewegungsmangel der San-Fahrzeuge, die nur bei Alarm und
Übungen zum Einsatz kamen, war ohnehin nichts zu pflegen und zu warten. Man
wartete höchstens auf Dienstschluss. Dann jedoch blühte die Eifrigkeit gegen
frühen Abend wieder auf und alles wurde in Bewegung gesetzt, um nicht nach 17
Uhr irgendwelchen dienstlichen Mist erledigen zu müssen. Das Wörtchen Dienstschluss
motivierte alle noch einmal schnellstens die Kompanien, beziehungsweise
die Stuben zu erreichen.
Jablonski stand vor dem Schwarzen Brett seiner Kompanie und überflog die
Zeilen. Bekanntmachungen, Befehle und Maßnahmen reihten sich aneinander.
Für den kommenden Dienstag war ein Fünfundzwanziger (25 Kilometer langer
Marsch) angekündigt. Das bedeutete wieder allerhand Arbeit für die Sanis.
Morgens die Simulanten, die sich vor dem Marsch drücken wollten, und mittags
die Fußkranken. „Wenigstens winkt dem Ersten einen Tag Sonderurlaub zu“,
dachte er bei sich.
Was das Marschieren anging, hatte Jablonski eine gute Kondition und somit gute
Chancen den Tag für sich zu gewinnen. Etwas weiter rechts waren die
erzieherischen Maßnahmen angeheftet, die der Kompaniechef in seiner
Herrlichkeit gern erließ. Damit konnte man ohne große Formalitäten Druck auf
Soldaten ausüben. Eine kleine Meldung genügte und der Abend oder das
Wochenende waren dahin. Als Jablonski seinen Namen las, stutzte er und überflog
die Zeilen. Ihm wurde befohlen, am kommenden Sonntag um 10 Uhr seine
gesamten Dienst- und Kampfjacken dem UvD vorzuzeigen. Neugierig besah er
sich den UvD-Plan. Der Name des Hauptgefreiten Specht war durchgestrichen
und dahinter stand kein anderer als der des Unteroffiziers Hechler. Jablonski
wurde einiges klar. Hechler hat nicht nur mit seiner Meldung zum Schlag
ausgeholt, er bot sich sogar als UvD an um die Kontrolle selbst zu übernehmen.
Auf direktem Weg ging Jablonski auf das Geschäftszimmer. Stabsunteroffizier
Weber sortierte gerade einige Papiere und an der Schreibmaschine hämmerte der
Gefreite Bernstein in die Tastatur.
„Wieso steht denn Unteroffizier Hechler auf dem UvD-Plan?“, fragte Jablonski in
den Raum, als meinte er alle beide. Weber hob die Schultern und drückte seine
Ahnungslosigkeit aus. Hauptfeldwebel Schmidt trat aus dem Nebenraum und
erfragte den Grund seines Interesses. Mit knappen Worten begründete Jablonski
seinen Verdacht, dass der Unteroffizier ihm eins auswischen wollte
„Wenn Specht mit dem Tausch einverstanden war“, erklärte Hauptfeldwebel
Schmidt, „ kann ich nichts unternehmen. Außerdem haben Sie ja nichts zu
befürchten, wenn ihre Kleidung in Ordnung ist.“
„Ich versau mir aber damit das ganze Wochenende!“, murrte Jablonski beleidigt.
„Tja...“, war das Einzige, was der Spieß darauf antworten konnte.
Als Jablonski das Geschäftszimmer verließ, lief ihm gerade der Hauptgefreite
Specht über dem Weg. Er hielt ihn am Arm fest und fragte: „Warum hast du mit
Hechler getauscht?“
„Würdest du ein freies Wochenende ablehnen?“, stellte Specht die Gegenfrage.
Er wusste ja nicht, was Hechler im Schilde führte. Nickend gab Jablonski ihm
recht. Ihm war klar, dass er nichts mehr dagegen tun konnte, als seine Jacken auf
Vordermann zu bringen. Die letzten Stunden dieses Freitags brauchte Jablonski,
um sich die nötigen Knöpfe zu besorgen. Auf dem dienstlichen Versorgungsweg
war in der kurzen Zeitspanne nichts mehr zu machen und so schnorrte er seine
überwiegend knopflosen Kameraden an.
Kaum eine seiner Jacken hatte alle Knöpfe beisammen. Die Dienstjacke zum
Beispiel wurde nur noch von einem einzigen Knopf gehalten. Die restlichen
Knöpfe waren mittels eines Streichholzes direkt am Knopfloch befestigt. Eine
Windböe zur rechten Zeit hätte ohnehin alles verraten.
Als er endlich alles besorgt hatte, machte er sich an die Arbeit. Der Spott seiner
Stubenkameraden und die beiden Stiche in seinem Daumen nahmen ihm
jeglichen Willen. Er war sicher, dass sich seine Freundin besser damit
beschäftigen konnte. Kurzerhand nahm er sich eine Jacke, stopfte die übrigen
hinein und knotete sie zu einem Ballen zusammen. Dann machte er sich auf den
Weg nach Hause.
Jablonski wohnte bei seinen Eltern in einem kleinen Haus in Ahrensburg. Von
der Kaserne waren es knapp sechs Kilometer und bei trockenem Wetter fuhr er
diese Strecke mit dem Rad. Zu Hause sprach er selten über den Bundeswehralltag.
Noch weniger über die negativen Seiten. Seine Mutter mahnte ihn stets zum
ordentlichen Benehmen, vor allem Offizieren gegenüber. Sie vertrat die
Auffassung, dass Offiziere nun einmal ein hohes Ansehen hatten und
dementsprechend mit Respekt geachtet werden mussten. Mit seinem Vater sprach
er ebenfalls ungern darüber, da dieser ein recht konservativer Jahrgang war, der
seine eigenen Erfahrungen in Stalingrad gesammelt hatte. Ihr einziger Sohn
genoss so annähernd alle Freiheiten, sofern es kein schlechtes Licht auf die
Familie warf. Er hatte sein eigenes Zimmer, durfte kommen und gehen wann er
wollte. Nur weiblichen Besuch hatte er seinen Eltern vorzustellen. Um die
Wäsche kümmerte sich seine Mutter, weil es ihm bei der Bundeswehr zu
umständlich war. Außerdem versuchte er jeden überflüssigen Kontakt zum VU
zu vermeiden.
Obwohl er nicht rauchte und relativ selten trank, reichte sein Wehrsold allenfalls
bis zur Monatsmitte, so das seine Mutter ihm dann heimlich etwas zusteckte.
„Brauchst du Papa nicht erzählen, du weißt ja, wie er ist“, pflegte sie stets zu
sagen.
„Steck mal weg, muss sie ja nicht unbedingt wissen“, verabschiedete sein Vater
ihn dann an der Gartenpforte und ließ beim Händeschütteln einen Geldschein
wechseln. „Wenn es der Sache nützlich ist“, dachte sich Jablonski und zog dann
zufrieden ab.
Britta Scherenberg, seit mehreren Monaten Jablonskis Freundin, saß mit
gekreuzten Beinen auf seinem Bett und nähte die Knöpfe an. Vom Plattenspieler
tönte Mary Ross` „Arizona man“.
Brittas freundliches Gesicht sah diesmal eher düster aus, denn sie fühlte sich
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