Ein Mitarbeiter der Polizei fragte durch die offene Bürotür, die Klinke in der Hand:
»Sollen wir uns die obere Etage auch vornehmen? Was meinen Sie?«
»Ich denke, hier unten das genügt. Wir wollen ja keine Hausdurchsuchung veranstalten. Wenn wir den Rechner haben, sollte uns das einstweilen genügen.«
Der Mitarbeiter verschwand mit einem kaum hörbar gebrummten »Okay Chef!«
Er nahm sich wieder das iPad vor. Unter Carla fand er ebenfalls die kompletten Daten mit der Anschrift in Hittfeld und den entsprechenden Telefonnummern. Er sah nach Frau Friedmann. Sie schlief. Dann entschied er, dass er den Sohn anrufen sollte. Er war der ältere der beiden, wie er auf den Fotos gesehen hatte und außerdem fand er es für sich angenehmer, mit einem Mann zu sprechen. Das ging nach seinen Erfahrungen meist sachlicher ab. Er nahm das Telefon und blätterte die Namen durch. Er sah auf seine Uhr. Um diese Zeit war er sicher nicht mehr zuhause. Er entschied sich für den Mobilfunk.
»Friedmann!«
»Guten Morgen, Herr Friedmann. Mein Name ist Schwertfeger, Kommissar Schwertfeger von der Hamburger Kriminalpolizei….«
Noch ehe er weiter reden konnte, kam schon die Nachfrage:
»Kriminalpolizei? Ist etwas passiert? Was ist los?«
»Herr Friedmann, sind Sie der Sohn von Herrn Peter Friedmann?«
»Ja sicher. Was ist denn nun?«
»Ich habe eine schlimme Nachricht für Sie. Es ist etwas Schreckliches passiert. Ihr Vater ist heute Morgen erschossen worden.«
»Erschossen?«, kam es postwendend durch die Leitung.
»Hier im Haus an der Asendorfer Heide 19. Ich möchte sie bitten…«
»Ich bin schon unterwegs. Ich bin hier in Hamburg in meinem Büro. Ich werde meine Schwester in Hittfeld abholen. Das ist kein großer Umweg. Ich bin in einer Stunde da.
»Ich bleibe ohnehin hier. Dann sprechen wir uns gleich.«
Während Schwertfeger die letzten Worte sprach, hörte er das der Sohn hatte das Gespräch beendet hatte.
Schwertfeger sah sich um. Das Arbeitszimmer wirkte, wenn er davon absah, dass seine Kollegen hier schon alles einmal durchsucht hatten, sehr aufgeräumt. Als erstes bemerkte er, außer den Resten des Computers samt Bildschirm, ein großes Gerät, das er bei näherem Hinsehen als Kopierer, Fax und Scanner erkannte. In dem Aktenschrank an der anderen Wand, der bereits geöffnet war, stand ein üppiger Tresor. Es war nicht einer der neuesten, das sah er an der Art des Schlosses, das kein Tastenfeld hatte, sondern noch mit einem Drehring geöffnet werden musste. Die Größe ließ darauf schließen, dass nicht nur Geld, sondern vor allem Akten und Papiere darin aufbewahrt wurden. Er ging die Ordner durch, fand aber nichts, was ihm hätte weiterhelfen können. Die Kollegen hatten wohl auch nichts gefunden, denn die Ordner standen in Reihe und Glied nebeneinander und keiner schien zu fehlen.
Er kam wieder ins Wohnzimmer. Frau Friedmann lag trotz des Betriebes immer noch im Tiefschlaf. Er nahm die Decke, die er in dem Fernsehsessel gesehen hatte, legte sie über ihre Beine und zog sie dann auseinander bis ihr Oberkörper gerade eben zugedeckt war.
Die Küchentür stand offen. Er schaltete zuerst die Kaffeemaschine aus, die schon einen Geruch von allzu schwarzem Kaffeekonzentrat von sich gab. Im Toaster steckten zwei auf den Punkt gebräunte Schnitten. Er fasste nichts an, blickte sich nur um. Eine wunderbare, recht große Küche. Ganz modern eingerichtet, alles vom Feinsten. In der Mitte der Küche war die Kochstelle mit einem großen Abzug. Er staunte nicht schlecht, denn in Natura hatte er so etwas noch nie gesehen, nur in Prospekten. Butter, Käse, Milch, Aufschnitt und ein Messer lagen auf der Arbeitsfläche. Er stellte die verderblichen Sachen in den Kühlschrank. Auf der Innenseite der Küchentür hing eine bunte Schürze.
Er betrat das Esszimmer. Ein weites Zimmer mit einem großen, für die ganze Familie ausreichenden Tisch, der, wie er feststellte, ein Ausziehtisch war. Also hatten wohl gut zwölf Personen daran Platz.
Er sah sich im Flur um, vier Heidebilder hingen an den Wänden, Garderobe mit einem Trenchcoat, ein kleines Schränkchen mit einer Schale, die die Form eines Apfels hatte, und ein Schlüsselanhänger mit einem Autoschlüssel und einem Bild von Frau Friedmann aus früheren Tagen. Die Farben waren schon leicht verblasst und ins bräunliche umgeschlagen. Den BKS-Schlüssel probierte er in der Haustür. Er passte. Gäste-WC mit vergoldeten Armaturen. Er betrachtete sich im Spiegel. Facettenschliff! Er sah müde aus. Dann ordnete er mit den Fingern seine Haare.
»Nichts Auffälliges«, murmelte er vor sich hin, »wenn man mal von der außergewöhnlichen Einrichtung absieht« und ging wieder zurück ins Wohnzimmer.
Inzwischen waren alle Fotos gemacht und der Leichnam war zum Abtransport freigegeben.
Als die beiden Leute vom Beerdigungsinstitut, das mit der Polizei zusammenarbeitete, den Sarg durch das Zimmer trugen, erwachte die Frau und konnte nicht begreifen, was sie da sah. Sie legte die Decke beiseite und richtete sich auf. Sie hatte sich nach der Behandlung durch den Polizeiarzt und dem kurzen Schlaf etwas erholt und die Farbe kehrte in ihr Gesicht zurück, aber Schwertfeger musste sie daran hindern, den Leuten nachzugehen, weil sie keinen stabilen und standfesten Eindruck machte. In diesem Moment traten die beiden Kinder zu ihr ins Wohnzimmer, die zuerst den Leichnam hatten passieren lassen müssen. Peter, der mit seinen knapp 1,90 m Größe seine Schwester einen ganzen Kopf überragte, hatte sie bei dem Anblick schützend in seine Arme genommen und versuchte, ihr, so gut es ging, Halt zu geben. Dann erst gingen sie auf ihre Mutter zu. Es war für beide ein bitterer Anblick, wie Kommissar Schwertfeger an ihrem Gesichtsausdruck ausmachen konnte. Nach den Bildern, die er gerade betrachtet hatte, zu urteilen, waren sie alle zusammen eine harmonische Familie gewesen, wie man sie sich nur wünschen konnte.
»Mein Gott, Mama! Was ist nur passiert? Warum? Hast du eine Ahnung, warum?«. Die Tochter setzte sich zu ihrer Mutter auf das Sofa und legte ihr den Arm um die Schultern, aber die Mutter sah sie nur aus völlig abwesenden Augen an. Regungslos. »Ich weiß überhaupt nichts. Rein gar nichts. Es ist für mich alles so sinnlos. Papa hat doch keinem etwas getan. Er hat doch den Leuten geholfen, wo er konnte, wenn jemand ihn nur ganz leicht um irgendetwas gebeten hat, hat er getan, was er konnte. Ich kann mir gar keinen Reim machen auf das Ganze.«
Peter ging in den Garten und sah sich um. Zu allererst betrachtete er die Stelle, an der sein Vater gelegen hatte, was an dem Blutfleck und der weißen Kreidezeichnung, mit der die Lage des Leichnams festgehalten werden sollte, unschwer zu erkennen war. Erst jetzt wurde ihm die Tatsache bewusst, dass sein Vater die Familie ein für alle Mal verlassen hatte. Er ging er auf Kampmann zu und lies sich den Verlauf der Tat schildern. Er blickte sich um, wies auf den Pferdestall auf der anderen Seite und fragte: »Wenn Sie keine Stelle finden, von der der Schuss ausgegangen sein könnte …«, er machte eine kurze Pause, in der er sich noch einmal seine Ansicht durch den Kopf gingen lies, »… vielleicht kam dann der Schuss von dort? Wäre das möglich? Auf diese Distanz?« Peter zeigte auf die Scheune.
»Mit einem Präzisionsgewehr treffen Könner auf diese Entfernung ein Zwei-Euro-Stück! Das ist für solche Leute kein Problem. Ich habe mal an einem Sportschießen teilgenommen …«
»War Fanni auf der Weide?«, unterbrach Peter ihn, bevor er ins Erzählen geriet. »Hat sie gegrast oder konnten Sie feststellen, ob sie unruhig war?«
»Der Schimmel dort ist über die Wiese galoppiert. Ich hielt das für ganz normal. Ich kenne mich mit Pferden nicht aus, eigentlich weiß ich von ihnen nur, wie sie aussehen.«
»Dann sollten die Leute vielleicht mal dort nachsehen. Irgendetwas muss doch festzustellen sein.«
Читать дальше