1 ...6 7 8 10 11 12 ...23 „Hinter dem Hafen ist ein Jahrmarkt“, erklärte Eri. „Die ganze Stadt ist auf den Beinen.“
„Ja“, lachte Matthes. „Gut für uns! Alle verlassen ihre Häuser, da können wir ganz in Ruhe stöbern.“
„Halt den Mund, Matthes!“ zischte Amadeo wütend und stieß ihn in die Seite.
„Wonach stöbert ihr?“ erkundigte sich Lila.
„Danach, was du gerade in den Händen hältst!“ erklärte Amadeo.
Lila blickte auf ihr Brot und den Käse. „Willst du damit sagen, dass ihr das Essen geklaut habt?“
„Natürlich“, erwiderte Amadeo. „Was sollen wir denn sonst machen?“
Noch nie hatte Lila über Stehlen nachgedacht. Bei Frau Spitzhak im Haus kam so etwas nie vor. Lila wusste nur, dass es nicht rechtens war – und das fand es richtig so.
„Klauen ist nicht in Ordnung!“ sagte sie. Dann blickte sie zaghaft Eri an. „Oder?“
Eri zuckte mit den Achseln. „Eigentlich nicht“, gab sie zu. „Aber was sollen wir machen?“
„Habt ihr denn auch kein Zuhause?“ fragte Lila. „Oder jemanden, der sich um euch kümmert?“
„Nein, haben wir nicht“, gab Otto patzig zurück. „Hatten wir. Aber da sind wir abgehauen.“
„Abgehauen? Freiwillig?“, fragte Lila verwirrt. „Warum das?“
„Wir haben im Waisenhaus gelebt“, erklärte Eri. „Aber dort wurde man furchtbar ungerecht behandelt. Sie haben uns geschlagen. Und außerdem gab es vor allen Fenstern Gittern. Wie im Gefängnis. Irgendwann sind wir abgehauen.“
„Geschlagen?“ fragte Lila. Sie war nie geschlagen worden. Frau Spitzhak konnte manchmal streng sein. Aber sie hatte nie ihre Hand gegenüber Lila erhoben. „Und das habt ihr euch gefallen lassen?“
Eri zuckte wieder die Achseln. „Was sollten wir machen? Nun gaunern wir uns so durch. Die erste Zeit mussten wir uns verstecken, da waren sie noch hinter uns her. Aber ich glaube, mittlerweile sind wir ihnen egal.“
Lila dachte an die beiden mysteriösen Gestalten, die das Haus von Frau Spitzhak überfallen hatten. Ob sie immer noch auf der Suche nach ihr waren?
„Wir sollten bald schlafen gehen“, bestimmte Amadeo.
„Schlafen? Jetzt?“ fragte Lila. Als sie die überraschten Gesichter der Kinder sah, erklärte sie rasch: „Ich schlafe nie in der Nacht. Ich gehe immer erst ins Bett, wenn die Sonne aufgeht.“
„Warum das?“ wollte Matthes wissen.
„Ich habe eine Allergie gegen das Licht“, erklärte Lila. „Ich weiß nicht, was dann mit mir geschieht, aber es ist sehr gefährlich für mich. Das Licht vom Feuer geht gerade noch. Es tut mir nur in den Augen weh.“
„Dann kennst du die Welt gar nicht bei Tageslicht?“ fragte Eri.
Lila schüttelte den Kopf.
„Entsetzlich“, sagte Eri. „Ich könnte mir nicht vorstellen, den Himmel und das Meer am Tag nicht sehen zu dürfen.“
„Ist vielleicht gar nicht so schlecht“, sagte Amadeo prüfend. „Du kannst ja heute Nacht Wache schieben. Damit uns keiner beklaut.“
„Aber ich muss einen Platz finden, an dem ich den Tag über verbringen kann!“ rief Lila. „Wenn mich die Sonne erwischt, dann geht es mir ziemlich übel!“
„Das ist kein Problem“, winkte Amadeo ab. Er stand auf und öffnete eine kleine Holztür in dem riesigen Brückenpfeiler. Dahinter war ein dunkler Raum.
„Das ist ja super!“ rief Lila und stand auf. Sie schaute in das kleine schwarze Zimmer. Es roch modrig, die Luft war feucht. Aber vielleicht konnte man es sich irgendwie dort drin gemütlich machen.
„Du kannst ja für einen Tag dort bleiben“, entschied Amadeo.
„Und dann?“ fragte Eri.
„Was und dann?“ fragte Amadeo zurück.
„Na, wo soll Lila dann hin? Sollte sie nicht bei uns bleiben? Fünf Leute sind stärker als vier“, meinte Eri.
„Will sie das denn überhaupt?“ fragte Matthes und blickte Lila prüfend an.
Bisher hatte Lila noch nicht daran gedacht, hier zu bleiben. „Ich... ich weiß nicht.“
„Was bringt das?“ hielt Amadeo sofort dagegen. „Wir leben am Tag und gehen am Abend schlafen. Sie schläft den Tag über. Außer zur Wache ist sie doch zu nichts nutze.“
Die Unverfrorenheit des Jungen ärgerte Lila. Aber sie hatte nichts, was sie dem entgegensetzen konnte.
„Trotzdem!“ sagte Eri energisch. „Wir können sie doch nicht einfach wegschicken, wenn sie noch nicht weiß, wo sie hin soll. Oder, Lila?“
Lila nickte, überlegte und sagte: „Wenn ich vielleicht bleiben könnte, bis ich weiß, was mit mir geschieht?“
„Ich glaube, dass noch ein Mädchen in unserer Gruppe sehr nützlich sein wird“, unterstützte Eri sie.
Die Jungen sahen sich an. Dann nickte Amadeo und sagte: „Einverstanden. Aber nicht ohne Mutprobe. Ohne Mutprobe bleibt niemand bei uns. Sie soll uns beweisen, dass sie nützlich für uns ist.“
„Abgemacht“, versprach Lila. „Darauf kannst du dich verlassen.“
5. Kapitel: „Die Mutprobe“
Lila hatte das Gefühl, schon meilenweit an den Kreidefelsen an dem breiten Strand entlang gelaufen zu sein. Sie schienen kein Ende zu nehmen. Scheinbar gab es nirgends eine Möglichkeit, nach oben zu klettern, um so vielleicht ins Landesinnere zu gelangen. Zwar versuchte Lila, zuversichtlich zu bleiben. Aber so langsam schwand ihre Geduld. Glücklicherweise machte die Sonne noch immer keine Anstalten, aufzugehen.
In bizarren Formen ragten die Felsen aus dem Schlick. Sie sahen aus wie Türme mit vielen Spitzen, dann wieder wie Drachen mit gezackten, schuppigen Schwänzen. Lila sah, dass man sich leicht verletzen konnte, wenn man auf so einem Felsen ausrutschte. Vor ihr tat sich plötzlich ein Felsen auf, der alle anderen Felsen überragte. Lila ließ ihren Blick daran emporgleiten. Ob dieser Felsen vielleicht ein Weg nach oben war? Das große, steinerne Gebilde wuchs ein paar Meter in die Höhe und neigte sich dann zur Seite. Es war fast wie ein Torbogen. Lila berührte den Felsen. Er war nass und kalt, außerdem war er mit Moos und Algen bedeckt, so dass er glitschig und rutschig war. Die obere Spitze des Teils, der sich nach hinten neigte, war nicht allzu weit vom Plateau der oberen Kreidefelsen entfernt. Wenn Lila es schaffte, das Felsengebilde hinaufzuklettern und sich oben irgendwie auf das Plateau zu hangeln, hatte sie eine Chance, endlich vom Strand hier wegzukommen.
Lila trat auf eine kleine Kante und versuchte, sich mit den Händen den Felsen hinaufzuziehen. Doch sofort rutschte sie ab. Sie stieß einen kleinen Schmerzensschrei aus, als ihre Hände an den scharfkantigen Steinrändern entlang scheuerten. Aber es hatte nicht mal eine Schramme an ihren Fingern hinterlassen.
Lila versuchte es noch einmal. Je achtsamer sie mit den Händen und Füßen den Felsen berührte, desto sicherer fühlte sie sich. Und so schaffte sie es, wenn auch nur langsam, das Felsgebilde Stückchen für Stückchen empor zu klettern. Einmal wagte sie es, zurück nach unten zu schauen. Ein Sturz hätte ein großes Unglück bedeutet. Glücklicherweise machte die Höhe Lila als erfahrene Baumkletterin nicht viel aus.
Fast hatte sie die Spitze erreicht. Von dort aus war es ein leichtes, bis zum Ende des Felsenbogens zu gelangen. Lila trat mit dem rechten Fuß auf einen kleinen Vorsprung und drückte sich mit dem Bein nach oben – da brach der Vorsprung ab. Lila schrie auf. Im letzten Augenblick bekam sie mit beiden Händen einen schmalen Zacken zu fassen. Ihr drohender Fall wurde unsanft gebremst. Unter sich sah Lila, wie die Stücke des abgebrochenen Steins in den Schlick fielen.
Mit aller Kraft, die ihr noch geblieben war, zog sich Lila an dem Felszacken hoch, bis ihre Füße wieder Halt auf dem Steingebilde fanden. Als sie ihre Muskeln entspannen konnte, atmete Lila erleichtert aus. Sie zitterte. Das war knapp gewesen.
Nun hatte sie die Spitze des Felsenbogens erreicht. Hier konnte sie kurz verschnaufen, bevor sie mit einem gekonnten Satz auf das Plateau sprang. Rasch zog Lila sich das Tuch vom Kopf und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Sie sah zurück. Dieses scharfkantige Etwas hinaufzuklettern, hatte eine ganz gehörige Portion Mut erfordert. Mut. Es war noch gar nicht lange her, dass Lila Mut hatte beweisen müssen. Um vielleicht unter den Waisenkindern neue Freunde zu finden. Und das war nun daraus geworden.
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