Einige Augenblicke später wagte Lila einen Schritt nach vorne. Die beiden Gestalten waren fast am Haus angelangt und durften eigentlich nicht mehr in Hörweite sein.
Lila schlich ein paar Schritte zurück auf den Waldpfad. Gerade noch konnte sie sehen, wie die beiden großen Gestalten die Stufen zur Haustür hinauf huschten. Gleich darauf ertönte das Krachen von splitterndem Holz. Lila zuckte zusammen. Die Wesen hatten die Haustür aufgebrochen.
Plötzlich schlug Erwin seine Kralle auf Lilas Unterarm. Vor Schreck und vor Schmerz lockerte sie schlagartig ihren Griff um seinen Schnabel. Sie gab sich alle Mühe, den Schmerzensschrei zu unterdrücken. Erwin kreischte auf, flatterte mit den Flügeln und löste sich von Lilas Schultern. Erschrocken sah Lila ihm nach, gleichzeitig von Panik erfüllt, dass die beiden Kreaturen sie hören konnten. Erwin flog über eine Baumkrone und sauste dann direkt auf das Haus zu.
Das durfte nicht wahr sein! Entgeistert musste Lila mit ansehen, wie Erwin direkt durch ein geöffnetes Fenster im Obergeschoss in das Haus flog.
„Wo bist du, du verkommene, kleine Kröte?“ hörte Lila die dunklere der beiden Stimmen aus dem Inneren des Hauses brüllen.
„Komm raus!“ kreischte die andere Stimme. „Auf der Stelle, du missratenes Miststück!“
Lila wusste nicht, wie ihr geschah. Sie hörte das Poltern, das Krachen und zerbrechendes Glas, dazwischen die beiden Kreaturen, die mit ohrenbetäubenden Geschrei im Haus herum wüteten.
Was mochten sie wollen? Wen oder was suchten die unheimlichen Wesen im Haus? Meinten sie mit der „kleinen Kröte“ Frau Spitzhak - oder Lila selbst?
Weiter kam Lila mit ihren Gedanken nicht, denn ein lauter Knall schallte durch den Wald. Entgeistert beobachtete Lila, wie Holzlatten und Ziegel aus dem Hausdach in alle Richtungen flogen, fast wie bei einer Explosion. Plötzlich erhob sich aus dem Dach ein großer Schwarm kleiner schwarzer, flatternder Gestalten: Es waren die Fledermäuse vom Dachboden, die aufgeschreckt auseinander stoben. Fast hätte Lila „Nein!“ geschrien, aber glücklicherweise besann sie sich rechtzeitig.
„Wo bist du?“ kreischte eine der Stimmen wieder. Gleich darauf gab es einen weiteren Donner im Haus. Die Fensterscheiben zerbarsten. Lila erstarrte, als sie Tausende von kleinen, funkelnden Punkten durch die Nachtschwärze fliegen sah. Das Glühwürmchenkabinett! Wie ein Funkenflug zerstreuten sich die vielen kleinen Lichter rund um das Haus, das von innen gerade immer mehr zerstört wurde.
Lila hatte keine Zeit zu überlegen, was sie tun konnte, denn soeben hörte sie die Stimme des einen Ungeheuers wieder brüllen: „Nun komm endlich raus, du Göre! Ich reiße dir eines deiner Haare nach dem anderen aus!“
Da drang ein lauter Eulenschrei aus dem Haus. Erwin!
„Noch so ein Viehzeug!“ brüllte die gehässige Stimme. „Komm her, du!“
Lila hörte das laute Kreischen des Uhus, dann einen dumpfen Schlag – auf den der Eulenschrei schlagartig verstummte. Erwin! Ob er noch am Leben war? Oder ob sie ihn getötet hatten?
„Irgendwo muss sich doch dieses widerliche Kind herumtreiben!“ hörte Lila die dunkle Stimme schreien. „Es riecht ja alles nach ihr! Es riecht alles nach dem Kind mit den lila Haaren!“
Lila Haare! Die beiden Gestalten waren also auf der Suche nach ihr! Lilas Angst steigerte sich ins Unermessliche. Sie musste hier weg, schleunigst weg! Und während das Poltern und Knallen im Haus weiterging, begleitet von den schrillen Schreien der Eindringlinge, begann sie zu rennen. Lila drehte sich nicht mehr um Sie lief und lief, sprang über Baumwurzeln, trat in Pfützen und wirbelte Laub hinter sich auf.
Erst nachdem sie eine Ewigkeit gerannt war, und die Kraft sie allmählich verließ, wagte es Lila, stehen zu bleiben. Zaghaft drehte sie sich um. Egal wie weit sie vom Haus weg war, in Sicherheit fühlte Lila sich deswegen noch lange nicht. Vielleicht waren ihr diese Monster schon längst auf den Fersen, nachdem sie festgestellt hatten, dass Lila nicht im Haus war. Die Nacht hatte derweil an Schwärze verloren. Das Morgengrauen brach allmählich herein. Lila konnte ihr Zuhause nicht als rettenden Unterschlupf vor der Sonne aufsuchen. Aber sie musste sich vor ihren gefährlichen Strahlen schützen!
Eine riesige Eiche stand dort in der Nähe, am Rande eines kleinen Abhangs. Dort, wo die Wurzeln des Baumes den Abhang berührten, war der Boden ein wenig weggebrochen und die Erde nach unten gerutscht. Auf diese Weise entstand unter den verschlungenen Baumwurzeln eine Art Höhle. Vorsichtig kletterte Lila am Stamm entlang über die Wurzeln und hangelte sich in die Höhle. Viel Platz war dort nicht. Aber wenn Lila den Eingang des kleinen Raumes von innen mit Laub vergrub, würde das Tageslicht sie sicher nicht erreichen. Außerdem wäre sie – hoffentlich – vor den Blicken der unheimlichen Gestalten geschützt, die sicherlich nach ihr suchen würden.
Schnell hatte Lila ihr Versteck gesichert, so gut es ging. Erst jetzt umgab sie die Finsternis wieder völlig. Ein paar bleiche Schimmer, die durch das Laub drangen, ließen Lila das Tageslicht erahnen. Sie hatte sich gerade noch rechtzeitig in Sicherheit bringen können. Vor der Sonne war sie geschützt – aber was war mit ihren Verfolgern? Sie konnte nur hoffen. Noch immer schnürte ihr die Angst die Kehle zu.
Lila dachte an Erwin. Sein Schrei war durch diesen enormen Schlag erstickt worden. Trotzdem hatte Lila noch immer Hoffnung, dass er es vielleicht geschafft hatte. Vielleicht hatten die Eindringlinge das Tier nur zu Boden geschlagen und es musste sich erst wieder erholen. Nein, tot war Erwin bestimmt nicht... oder?
Es wäre schön gewesen, wenn Erwin jetzt mit Lila gemeinsam im Versteck ausgeharrt hätte. Die Vertrautheit des Tieres hätte ihr gewiss Trost gespendet.
Auch wenn Lila ihre Furcht an diesem Tage nicht mehr abschütteln konnte, so übermannte die Müdigkeit sie irgendwann doch. Lila fiel in einen unruhigen, traumlosen Schlaf.
Lila konnte den Schrecken dieser Nacht ohne Anstrengung wieder in sich hervorrufen. In dieser Nacht war ihr ganzes Leben auf den Kopf gestellt worden, als Frau Spitzhak verschwunden war und die beiden unheimlichen Kreaturen ihr Zuhause zerstört hatten. Selbst den Geruch von faulendem, nassen Laub aus ihrem Versteck unter der Baumwurzel hatte Lila noch in der Nase. Sie hatte allerdings auch nicht vergessen, wie sehr sie das Versteck vor dem bedrohlichen Sonnenlicht beschützt hatte.
Lilas Blicke zum wolkenverhangenen Himmel verrieten ihr, dass sie auch hier, am Ufer des Ozeans, bald der Bedrohung durch das Tageslicht ausgesetzt sein würde. In diesem Moment fiel ihr ein, dass sie ein Sonnenstrahl getroffen hatte. Sie wusste gerade nicht mehr genau, wie und wann – dazu dröhnte ihr Kopf noch viel zu sehr. Aber Lila spürte, dass dieses Ereignis noch gar nicht lange her war. Und es hatte irgendwas damit zu tun, dass Lila sich hier in dieser Nacht an diesem unbekannten, verlassenen Strand wiedergefunden hatte. Doch so sehr Lila sich in diesem Augenblick anstrengte – sie konnte sich nicht erklären, wie das alles zusammenhing. Aber wahrscheinlich, nein, ganz sicher, war der Sonnenstrahl Schuld daran gewesen, dass Lila jetzt alles wehtat.
Irgendwann würde die Sonne sich zeigen – daran bestand kein Zweifel. Was konnte Lila tun, um sich zu schützen? Hier am Strand konnte sie sich allenfalls in den ausgewaschenen Kreidefelsen verstecken. Aber es sah nicht so aus, als würde sie hier eine Höhle oder eine Grotte finden, in der sie sich vor dem Tageslicht komplett verbergen konnte. Lila überlegte. Dabei fiel ihr Blick auf das Tuch, mit dem sich sich die Hand verbunden hatte. Richtig, das war das Tuch, das sie auf dem Schiff aus der Küche gestohlen hatte. Das Essen, das sie darin versteckt hatte, hatte sie aufgegessen. Aber kurz bevor man sie erwischt hatte, hatte Lila das Tuch hastig in ihre Tasche gestopft...
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