Frau Spitzhak war ein Nachtmensch. In dem windschiefen, dreistöckigen Haus hielt und züchtete sie alle möglichen Nachttiere. Zum Beispiel auf dem hohen Dachboden, dort lebte eine Fledermauskolonie. Als Kleinkind hatte Lila vor den Fledermäusen noch Angst gehabt. Aber als sie etwas größer wurde, stellte sie fest, dass sich mit Fledermäusen wunderbar spielen ließ. Lila hatte einige Fledermäuse sogar dressiert.
Ein winziges Zimmer im Obergeschoss war das Hamsterzimmer. Die Hamster lebten hier nicht in einem Käfig. Frau Spitzhak hatte für die Hamster eine komplette Landschaft aus Streu, Stroh, Ästen und Zweigen gebaut. Sobald es Nacht wurde, kamen die Hamster aus ihren Bauen hervor und spielten miteinander. Lila liebte es, den Hamstern stundenlang zuzusehen. Manche Hamster waren zahm und krabbelten gerne auf ihr herum.
Was Lila in Frau Spitzhaks Haus ganz besonders liebte, war das Glühwürmchenkabinett. Das war eine kleine Kammer, in die Frau Spitzhak Büsche und Pflanzen gestellt und den Boden mit Moos ausgelegt hatte. Hier lebten Hunderte von kleinen Glühwürmchen, die als klitzekleine Lichtpunkte durch die finstere Kammer schwirrten. Lila hielt sich bei den Glühwürmchen ganz besonders gerne auf, denn das Licht der Insekten schadete ihr nicht. Außerdem sah es so hübsch und gemütlich, fast wie verzaubert, aus.
Es gab noch andere Tiere, die Lila ganz besonders mochte. Zum Beispiel die Tauben. In den Baumwipfeln um das Haus herum lebten Unmengen von weißen Tauben. Am schönsten war es, wenn Vollmond war: Das helle Mondlicht reflektierte auf dem Gefieder der Tauben, so dass es aussah, als ob die Vögel im Dunkeln leuchteten. Zwar waren sie eher am Tage unterwegs – aber die Tauben hatten sich daran gewöhnt, dass Lila ihnen in der Nacht Futter zuwarf. Mit der Zeit kannte Lila die Tauben so gut, dass sie sogar ihren Ruf nachahmen konnte. Ja, wirklich, es schien unglaublich - aber wenn Lila diesen „Taubenruf“ ausstieß, dann kamen sofort einige Tauben zu ihr und setzten sich auf ihre Hände, Schultern und den Kopf.
Frau Spitzhak kümmerte sich auch um kranke Tiere und pflegte sie gesund. Zum Beispiel lebte einige Zeit ein Dachs bei ihnen im Haus, der sich einen Fuß gebrochen hatte. Ein Marder, der mit dem Schwanz in ein Fuchseisen geraten war, war auch eine Zeitlang dort.
Seit einigen Tagen gab es ein neues Haustier, das nicht verletzt war. Aber es sich bei Lila und Frau Spitzhak wohl zu fühlen. Weder Frau Spitzhak noch Lila konnten genau sagen, was das für ein Nachtvogel war, der sich seit kurzem vor ihrem Haus aufhielt. Frau Spitzhak vermutete, dass es eine Art Uhu war. Aber es war eine Art von Uhu, die man vorher noch nie gesehen hatte. Er flatterte stets um das Haus herum und guckte in die Fenster. Es dauerte nicht lange, bis er Lila und Frau Spitzhak aus der Hand fraß. Die beiden mochten den ulkigen Nachtvogel und tauften ihn auf den Namen „Erwin“. Uhu Erwin wurde mit der Zeit immer zutraulicher. Schließlich bekam er einen eigenen Platz im Wohnzimmer; Frau Spitzhak hatte einen Ast aus dem Wald an zwei Ketten an die Decke gehängt. Hier hatte Erwin nun seinen festen Platz im Haus. Erwin durfte sich im Haus bewegen, wie er wollte. Manchmal machte er auch Rundflüge über die Wipfel des Tobanja-Waldes. Aber treu wie er war, kehrte er immer wieder zu Lila und Frau Spitzhak zurück.
Obwohl Erwin schnell handzahm geworden war und gerne auf Lilas Arm saß, war einmal etwas sehr merkwürdiges geschehen, kurz nachdem Erwin bei ihnen aufgetaucht war. Eigentlich tat Lila gerade nichts außergewöhnliches, sie spülte Geschirr in der Küche ab. Erwin saß dabei neben ihrem Kopf und schaute interessiert zu. Als Lila ein kleines Holzbrettchen in das Seifenwasser fallen ließ, hackte Erwin plötzlich wie aus heiterem Himmel mit seinem scharfen Schnabel in Lilas Schläfe. Lila schrie erschrocken auf. Im gleichen Moment breitete Erwin die Flügel aus und flatterte aus der Küche. Atemlos hielt Lila sich die Hand auf die Brust und sah dem Vogel nach. Was war in ihn gefahren? Lila tastete nach dem Biss mit den Fingerspitzen an ihrer Schläfe. Aus einer Wunde tropfte dunkelrotes Blut.
Glücklicherweise hatte Frau Spitzhak eine große Sammlung von Kräutern und selbstgebrauten Medikamenten. Zwar hatte Erwin nicht den Eindruck erweckt, irgendwie krank zu sein, aber sicher war sicher: Lilas Wunde musste versorgt werden.
„Bestimmt hat er sich genauso erschreckt wie du“, vermutete Frau Spitzhak, als sie ein Pflaster aus Moos auf ihre Schläfe klebte. „Er hat es bestimmt nicht mit Absicht gemacht.“
Das glaubte Lila auch. Und Erwin hatte das auch danach nicht wieder getan. Er blieb zahm und liebevoll. Lila war froh darüber. Wenn Erwin ein gefährlicher Uhu gewesen wäre, hätte er nicht im Haus bleiben dürfen. Aber als Nachtvogel passte er doch so gut in das Haus von Frau Spitzhak.
Lila liebte das Haus. Es war immer finster dort. Und das war für Lila ganz besonders wichtig.
Als Frau Spitzhak Lila damals auf der Türschwelle gefunden hatte, lag ein Zettel neben dem schreienden Bündel. Wer Lila dort bei Frau Spitzhak abgelegt hatte, das wusste niemand. Derjenige hatte aber geschrieben: „Wir werden Lila, sobald wir können, wieder abholen.“ Das war jetzt so viele Jahre her. So viele Jahre, in denen nichts dergleichen geschehen war. Der oder die Unbekannte hatte eine sehr wichtige Warnung auf den Zettel geschrieben: Lila musste immer auf sich aufpassen. Sie musste immer darauf Acht geben, dass sie auf keinen Fall hellem Licht ausgesetzt wurde. Ja, Lila litt unter einer schweren Lichtallergie. Sie durfte unter keinen Umständen in die Sonne gehen. Selbst eine Straßenlaterne in der Nacht war vielleicht schon zu hell für sie. Was geschehen würde, wenn das Licht auf Lilas Gesicht oder ihre Arme traf, das wusste niemand – denn glücklicherweise war es ja nie soweit gekommen. Vielleicht würde sie Quaddeln kriegen oder Ausschlag. Vielleicht würden ihr aber auch die Haare ausfallen oder ihre Haut verbrennen.
So war es eigentlich ein Glücksfall, dass Lila bei Frau Spitzhak gelandet war. Denn Frau Spitzhak hatte ihr Leben den Nachttieren gewidmet. Sie stand abends, wenn die Sonne unterging, auf und ging bei Tagesanbruch ins Bett. Und so war Lilas Leben auch geregelt: Wenn andere Menschen für gewöhnlich schlafen gingen, stand sie erst auf. Frau Spitzhak nannte Lila deshalb auch manchmal liebevoll „mein kleiner Vampir“.
Lila hatte ihr ganzes Leben in Dunkelheit verbracht. Eigentlich liebte sie die Finsternis. Manchmal verbrachte sie die Nächte auf dem Dach des Hauses. Der blanke Schein des Silbermonds konnte ihr nichts anhaben. Das war wundervoll, denn unter dem Mondschein hatte Lila immer die allerschönsten Tagträume – nur dass man die in Lilas Fall „Nachtträume“ nennen musste.
Was allerdings etwas schade war: Lila hatte nur wenige Freunde. Schließlich hatte sie nie zur Schule gehen können. Es gab keine Schule, in der der Unterricht bei Nacht stattfand. Und das Haus von Frau Spitzhak lag so weit abseits im Wald, dass es keine Nachbarn gab. In ihrem ganzen Leben war Lila nur wenigen anderen Menschen begegnet, zum Beispiel dem freundlichen Alexander. Der brachte einmal in der Woche mit seinem Motorrad Lebensmittel, die Frau Spitzhak bestellt hatte. Manchmal kam auch Herr Taubenblau, er war ein alter Freund von Frau Spitzhak. Über den Besuch von Herrn Taubenblau freute sich Lila immer besonders, und zwar deshalb, weil Herr Taubenblau dann seine Neffen, die Zwillinge Anatol und Bernhard mitbrachte. Sie waren über all die Jahre im Tobanja-Wald die einzigen, gleichaltrigen Spielgefährten von Lila gewesen. Leider kamen sie nicht so häufig zu Besuch, wie Lila es sich gewünscht hätte.
Frau Spitzhak kümmerte sich um Lila, so gut sie konnte. Sie sorgte dafür, dass Lila Lesen und Schreiben lernte. Sie sorgte dafür, dass Lila mit Zahlen umgehen konnte. Und sie sorgte dafür, dass Lila es trotz der Einsamkeit in dem alten Haus nicht langweilig wurde. Denn Frau Spitzhak konnte noch viele andere Dinge, außer sich um die Nachttiere zu kümmern. Zum Beispiel war Frau Spitzhak eine Meisterin darin, aus Buchstabensuppe (das Leibgericht der beiden) Geschichten vorzulesen. Sie sah nur die Buchstaben, und gleich fiel ihr eine Geschichte ein. Manchmal merkte Frau Spitzhak, dass Lila die Gesellschaft von anderen Menschen fehlte. Dann kostümierte sie sich in den verrücktesten Verkleidungen und begegnete Lila irgendwo im Haus immer als eine andere Figur: Mal war sie eine beschwipste Fee, mal ein trauriger Clown, mal ein Kobold oder auch einmal eine giftige Tante. Frau Spitzhak war wirklich ein Schatz, fand Lila.
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