1 ...7 8 9 11 12 13 ...23 Die vier Waisenkinder schliefen eingepackt in Schlafsäcken auf dem Boden rund um das Feuer. Lila wunderte sich, dass sie nicht auch in dem kleinen Raum im Brückenpfeiler schliefen, so wie sie es ihr angeboten hatten. Die drei Jungen und das Mädchen Eri schlummerten friedlich vor sich hin. Selbst Amadeo, der sonst so ruppig erschien, sah freundlich und gelassen aus, fand Lila.
Sie dachte darüber nach, wie sehr die letzten drei Nächte alles verändert hatten. Erst war Frau Spitzhak verschwunden. Dann waren diese Ungeheuer aufgetaucht. Und jetzt war Lila zum ersten Mal außerhalb des Waldes, in dieser kleinen Stadt, und befand sich mit vier anderen Kindern unter einer Brücke an einem Feuer. Alles kam Lila so unwirklich vor.
Die Musik des Jahrmarkts verstummte irgendwann. Außerdem verloschen die Lichter. Es wurde still in der Stadt. Das einzige, was Lila noch hörte, war das leise Fließen des Flusses und das Rauschen der Meeresbrandung in der Ferne.
Eri war die Erste der vier Waisen, die noch vor Sonnenaufgang wieder wach war. Während die Jungs noch weiterschliefen, packte sie für sich und Lila ein kleines Frühstück aus. „Lustig“, sagte sie. „Mein Frühstück ist dein Abendessen.“
Obwohl es wieder nur Brot und Käse war, genoss Lila diese Mahlzeit.
„Mach dir übrigens keine Sorgen“, versprach Eri. „Amadeo muss immer angeben. Wenn ich bei ihm ein gutes Wort für dich einlege, wird das mit der Mutprobe bestimmt nicht weiter wild.“
„So schlimm wird es schon nicht werden“, sagte Lila möglichst gelassen. Aber insgeheim war sie sich nicht sicher, wozu Kinder in der Lage waren, die anderen etwas stahlen.
„Also, ich fände es schön, wenn du bei uns bleiben würdest“, sagte Eri. „Endlich noch ein Mädchen! Ich finde, das fehlt einfach bei uns.“
Lila sah Eri unentschlossen an. „Ich weiß nicht. Ich würde schon gerne... aber ich muss doch wissen, was mit Frau Spitzhak passiert ist. Und diese beiden Ungeheuer... also, irgendwer sucht mich. Ich weiß nicht, warum.“
„Hm.“ Eri wusste auch keinen Rat. Aber sie munterte Lila auf. „Wir werden dich schon vor Ungeheuern beschützen. Und wenn du deine Frau Spitzhak nicht wiederfindest, dann werden wir eben deine neue Familie.“
Das fand Lila unheimlich lieb von Eri. Sie umarmte ihre neue Freundin kräftig.
Die Morgendämmerung ließ nicht mehr lange auf sich warten. Lila durfte Eris Schlafsack mit in den Brückenverschlag nehmen. Dann versprach Eri, Lila zu wecken, wenn die Sonne wieder untergegangen war.
Zwar war der kleine Raum in dem Brückenpfeiler nicht gerade komfortabel. Der Modergeruch und die Feuchtigkeit in der Luft waren ein bisschen gruselig. Aber dennoch fühlte Lila sich besser und sicherer als an den vergangenen zwei Tagen. In ihren Notunterkünften mitten im Wald hatte sie keine rechte Ruhe gefunden. Heute jedoch fiel Lila rasch einen tiefen, erholsamen Schlaf.
Viele Stunden später wurde Lila von einem sanften Klopfen an die Holztür geweckt.
„Lila?“ erklang Eris Stimme von draußen. „Es ist dunkel. Du kannst rauskommen!“
Schlaftrunken richtete Lila sich auf und besann sich. Richtig, sie war ja nicht mehr in dem alten Haus im Wald. Sofort fiel ihr ein, was in den letzten drei Tagen und Nächten alles geschehen war. Lila befreite sich aus dem Schlafsack und kroch dann zur Tür.
Draußen knisterte das Feuer unter der Brücke. Die Waisenkinder saßen um die Flammen herum und hielten Holzstäbe in die Glut. Kartoffeln waren daran aufgespießt. Sofort sah Lila, dass eins der Kinder fehlte.
„Guten Abend“, sagte Lila.
„Hallo Lila“, sagte Eri freundlich. „Hast du gut geschlafen?“
Lila nickte und streckte sich. „Wo steckt Matthes?“ fragte sie.
„Besorgt uns was zu essen“, sagte Amadeo, ohne Lila eines Blickes zu würdigen.
Lila fragte nicht weiter und setzte sich neben Eri. Die gab Lila ebenfalls einen Holzstab. „Hier, wenn du dir auch eine Kartoffel braten möchtest.“
„Ja, vielen Dank“, sagte Lila und steckte eine große, braune Kartoffel auf den Stab. Während sie das Holz in die Flammen hielt, beobachtete sie Amadeo und Otto. Ob sich Amadeo bereits eine Mutprobe für sie ausgedacht hatte? Eigentlich fühlte sie sich gut, hier bei den Kindern. Mit Eri hatte sie sich bereits angefreundet. Und trotz aller Ruppigkeit mochte sie die Jungs. Vielleicht wäre es doch ganz schön, bei ihnen zu bleiben.
Mit einem Male kam eine gekrümmte Gestalt um die Ecke des Brückenpfeilers. Lila erschrak kurz. Aber sie erkannte schnell, wer das war. Sie ärgerte sich ein bisschen, dass sie durch die Ereignisse der letzten Tage so schreckhaft geworden war.
„Matthes!“ rief Amadeo erstaunt. “Was ist denn los?”
Matthes trat näher ans Feuer. Er hatte die Arme in seine Magengrube gepresst und krümmte sich wimmernd. Sein Gesicht war schmerzverzerrt. „Diese... diese alte Hexe...“
„Was für’ne alte Hexe?“ fragte Otto.
„So ein altes Hutzelweib auf dem Jahrmarkt!“ stöhnte Matthes und ließ sich neben das Feuer fallen. „Hat mich beim Klauen eiskalt erwischt und dann vermöbelt.“
„Ein Hutzelweib hat dich vermöbelt?“ Amadeo grinste spöttisch. „Wie armselig.“
„Die hatte Bärenkräfte, das sage ich dir!“ wimmerte Matthes.
„Was hattest du denn überhaupt auf dem Jahrmarkt zu suchen?“ fragte Eri. „Wir waren uns doch einig, die verlassenen Wohnungen und Häuser zu nehmen, von den Leuten, die auf den Jahrmarkt gehen.“
„Ich dachte, dass der Jahrmarkt der Ort ist, an dem die Leute ihr Geld mit sich herumtragen!“ erklärte Matthes kleinlaut. „Anfangs hat ja auch alles gut geklappt, ich habe die Geldbörsen von zwei Frauen und einem Mann geklaut.“
Lila schauderte bei dem Gedanken daran, dass Matthes einfach so andere Menschen bestohlen hatte. Aber sie hatte verstanden, dass die Waisenkinder das nicht aus Spaß taten. Sie hatten wohl keine andere Wahl.
„Dann kam ich zu diesem Zelt“, berichtete Matthes. „Ein kleines buntes Zelt. Ein Mann mit einer Frau ging dort rein. Die Frau hatte einen großen Hut mit einer langen Feder auf dem Kopf. Sie sahen sehr reich aus. Also habe ich gewartet, bis die beiden wieder aus dem Zelt herauskamen. Und als sie an mir vorbeigegangen sind, habe ich das große braune Portemonnaie in der Jackentasche von dem Mann gesehen. Er hätte es gar nicht gemerkt, dass ich es gestohlen hatte – aber plötzlich stand hinter mir diese alte Frau. Sie war aus dem Zelt gekommen, ohne dass ich es bemerkt hatte. Und sie hielt mein Handgelenk fest, so fest, dass ich die Geldbörse fallen lassen musste. Sie hat dem Mann die Geldbörse zurückgegeben und dann hat sie mich in ihr Zelt gezerrt und verprügelt. Die anderen drei Börsen hat sie mir weggenommen.“
„Geschieht dir eigentlich recht“, wollte Lila sagen. Aber sie bremste sich rechtzeitig, denn sie wollte nicht den Zorn der Jungs auf sich ziehen.
„Am besten, du trinkst einen Tee“, riet Eri Matthes. „Das wird dir gut tun.“
„Ein altes Hutzelweib“, murmelte Amadeo. „Die soll uns nicht ohne weiteres davonkommen, die alte Schachtel.“
„Sei bloß vorsichtig!“ warnte Matthes. „Die Alte hat Klauen und Riesenkräfte.“
„Was hat sie mit den anderen drei Geldbörsen gemacht, als sie sie dir abgenommen hat?“ wollte Amadeo wissen.
Matthes dachte nach. „Wenn ich mich recht erinnere, hat sie die unter das Kissen von ihrem Sessel gestopft. Gleich danach hat sie mich geschlagen. Dabei hat sie geschimpft. Sie würde die Geldbörsen bei der Polizei abliefern und mich gleich dazu. Zum Glück konnte ich mich befreien!“
„Nun ja.“ Amadeo grübelte. Dann erhellte sich seine Miene. „Aber da haben wir doch eine wunderbare Mutprobe für unsere Lila.“
„Was meinst du? Was für eine Mutprobe soll das sein?“ rief Eri entsetzt. Aber Lila legte Eri die Hand auf die Schulter und sagte: „Ist schon gut.“ Sie blickte Amadeo angriffslustig an: „Sag mir, Amadeo, was soll die Mutprobe sein?“
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