Sie blickte hinunter in einen Talkessel. Dort unten lag eine Ansammlung von Häusern, die an hell erleuchteten Straßen standen. Diese kleine Stadt war es, die den orangefarbenen Schein in die Nachtschwärze trug. Hinter der Stadt spiegelte sich das Licht des Mondes auf einer scheinbar unendlichen schwarzen Fläche unter dem Nachthimmel.
„Das Meer“, dachte Lila schlagartig. Sie hatte oft in Büchern Bilder vom Meer gesehen, und Frau Spitzhak hatte erzählt, dass man am Meer „Wasser, so weit das Auge reicht“ sehen konnte.
Was Lila an der kleinen Stadt am schönsten fand, war eine Ansammlung von vielfarbigen Lichtern, die in der Dunkelheit blinkten und blitzten. So schönes, buntes Licht hatte sie noch nie gesehen. Und es war weit genug weg, als dass es Lila hätte gefährlich werden können. Was mochte das sein, was da so bunt leuchtete und sich drehte? Außerdem glaubte Lila, in der Ferne Musik zu hören.
Lila atmete tief durch. Es war das erste Mal, dass sie eine Stadt vor sich sah. Ganz sicher würde sie dort etwas zu essen finden. Und bestimmt würde sie auch jemanden finden, der ihr helfen konnte. Vielleicht wusste man dort sogar, was mit Frau Spitzhak geschehen war. Und so begann Lila, den Abhang in das Tal hinabzusteigen, um zum ersten Mal in ihrem Leben eine Stadt zu betreten.
Lila war zunächst enttäuscht, als sie feststellte, dass die Straßen menschenleer waren. Eine Stadt hatte sie sich viel lebendiger vorgestellt. Dann fiel ihr ein, dass die meisten Menschen ja in der Nacht im Bett lagen und schliefen. Ob es noch mehr Leute wie sie gab, die in erster Linie in der Nacht lebten?
Lila überquerte eine große Straße und irrte durch schmale Gassen, an denen Häuser aus großen Steinen dicht aneinander gebaut waren. Hinter manchen Fenstern leuchtete ein wenig Licht. Staunend betrachtete Lila die großen Autos, die an den Bürgersteigen geparkt waren. Sie hatte noch nie ein Auto in Wirklichkeit gesehen.
Die Musik, die Lila schon im Wald gehört hatte, klang jetzt näher als eben. Außerdem glaubte Lila, ein Gewirr aus Stimmen und Lachen zu hören. Da – dort hinten huschten einige Menschen über die Straße. Lila wollte instinktiv rufen - gleichzeitig war sie aber auch erschrocken. Rasch verbarg sie sich hinter eine Mülltonne. Die Leute waren achtlos weitergelaufen.
Obwohl es noch einige Stunden bis zum Sonnenaufgang waren, machte Lila sich Gedanken, wo sie sich vor dem Tageslicht in Sicherheit bringen konnte. Aber hier in der Stadt, mit den vielen Gassen und Häusern würde sich bestimmt eine Gelegenheit finden.
Lila trat aus einem kleinen Seitengässchen auf eine größere Straße hinaus. Die Straße schlängelte sich am Lauf eines kleinen Flusses entlang. Eine Brücke aus mächtigen Steinen führte über den Fluss. Auf der Brücke fuhren Autos, Menschen liefen am Geländer entlang. Die Leute hatten Luftballons in der Hand und trugen große Herzen an Bändern um den Hals. Sie schienen gute Laune zu haben. Lila schaute staunend zu. Hier auf der größeren Straße klang die Musik gleich viel lauter. Außerdem schimmerte das bunte, flimmernde Licht über den Hausdächern, das Lila vom Wald aus schon bewundert hatte.
Obwohl sie von der Neugier gepackt war, wagte Lila sich nicht auf die Brücke, um sich dort unter die Menschen zu mischen. Unter der Brücke, direkt am Flussufer nahm sie einen schwachen, flackernden Schein in der Dunkelheit wahr. Das war gewiss ein Feuer. Das Feuer im Ofen im Haus von Frau Spitzhak war stets gemütlich gewesen. Ob es unter der Brücke auch wenigstens ein bisschen gemütlich war? Lila beschloss, dort nachzusehen. Vielleicht war sogar jemand da, dem sie sich anvertrauen konnte.
Vorsichtig lugte Lila um die Ecke des Brückenpfeilers. Zu ihrer Überraschung saß dort eine Gruppe von Kindern um das Feuer herum. Vier Kinder, drei Jungen und ein Mädchen, schätzte Lila. Die Kinder trugen Mützen und waren in zerschlissene Decken eingehüllt.
„Kinder, mitten in der Nacht unter einer Brücke“, dachte Lila. „Sind gewöhnliche Kinder nicht nachts bei ihren Eltern und schlafen? Vielleicht geht es ihnen ja so ähnlich wie mir.“
Zaghaft näherte sie sich der Gruppe. Sie musste die Augen zukneifen. Das helle Strahlen des Feuers brannte darin.
Lila musste an die Zwillinge Anatol und Bernhard denken, die Neffen von Frau Spitzhaks Freund Herr Taubenblau. Hoffentlich waren diese Kinder genauso freundlich wie die Zwillinge. Noch hatte die Gruppe Lila nicht bemerkt. Lila schluckte aufgeregt und trat einen weiteren Schritt vor. Dann sagte sie vorsichtig: „Guten Abend!“
Schlagartig wandten sich alle Blicke ihr zu. Der Junge, der ihr am nächsten saß, stand sofort auf und zischte: „Was willst du hier?“
Erschrocken machte Lila einen Schritt zurück. „Ich... ich...“
„Sieh zu, dass du Land gewinnst!“ sagte der Junge mit scharfer Stimme. „Bei uns hast du nichts verloren.“
In dem Moment standen die anderen beiden Jungen ebenfalls auf und stellten sich mit Drohgebärden hinter den angriffslustigen Jungen.
„Ich wollte nur... ich“.... Lila konnte sich vor Schreck kaum rühren. Warum waren diese Kinder denn so böse?
„Lila Haare“, spottete der Junge rechts hinter dem Anführer. „Habt ihr so was schon mal gesehen?“
„Vielleicht hat sie sich das Haar mit Blaubeersaft gewaschen!“ kicherte der Junge auf der linken Seite boshaft. Die anderen beiden fielen in das Gelächter mit ein.
„Was bitte ist an lila Haaren so ungewöhnlich, ihr Mützenträger?“ fragte Lila und verschränkte die Arme.
Das Gelächter verstummte. Damit hatten die Jungen nicht gerechnet. Bevor einer der drei reagieren konnte, erhob sich das Mädchen, das bis jetzt noch am Feuer sitzen geblieben war.
„Lasst sie doch in Ruhe! Wir wissen doch gar nicht, was sie möchte.“
Der Anführer warf dem Mädchen einen verächtlichen Blick zu. Dann sah er Lila prüfend an. „Willst du stehlen?“ fragte er drohend.
„Nein“, antwortete Lila. „Ich wollte nur schauen. Aber wenn ihr vielleicht was zu essen habt, wäre ich nicht unglücklich.“
„Gut, jetzt hast du geschaut“, gab er zurück. „Und jetzt wird es Zeit, dass du nach Hause verschwindest. Mama und Papa warten schon!“
Die anderen Jungs lachten. Das Mädchen rollte mit den Augen und ging auf Lila zu. Sie legte ihr den Arm um die Schulter. „Amadeo hat recht“, sagte sie. „Es ist spät. Du solltest wirklich nach Hause gehen.“
„Wenn das so einfach wäre“, erwiderte Lila. „Ich habe kein Zuhause mehr.“
„Du hast kein Zuhause?“ wiederholte das Mädchen.
Hastig erzählte Lila in knappen Worten, woher sie kam und was sie erlebt hatte. Die Jungen sahen sie ungläubig an.
„So ein Märchen habe ich schon lange nicht mehr gehört!“ sagte Amadeo verächtlich.
Aber das Mädchen sagte: „Komm. Setz dich mit zu uns ans Feuer.“
Unsicher, aber doch ein wenig froh, begleitete Lila das Mädchen zum Feuer. Die Jungen setzten sich ebenfalls wieder und beäugten Lila argwöhnisch.
„Habt ihr vielleicht etwas zu essen?“ fragte Lila bittend. „Ich habe seit vorgestern nichts mehr gehabt.“
„Gib ihr was, Otto“, knurrte Amadeo seinen Freund an, der daraufhin widerwillig in einem von Motten zerfressenen Rucksack kramte. Daraus holte er ein Stück Brot und ein bisschen Käse hervor. Dankbar nahm Lila es an.
„Der Dritte im Bunde heißt Matthes“, erklärte das Mädchen. „Und mein Name ist Eri. Wir heißt du?“
„Lila“, sagte Lila kauend. „Mein Name ist Lila.“
„Lila“, wiederholte Otto höhnend. „Ihr Name ist genauso verrückt wie ihre Haare! Zum Piepen!“
„Halt den Mund, Otto!“ sagte Eri.
Noch immer drang Musik aus der Ferne hervor. Hinter der Brücke sah Lila noch immer die bunten Lichter am Himmel leuchten. „Was ist das?“ fragte sie.
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