„Sind die denn verrückt geworden?“ schrie da plötzlich der Kapitän. „Was rücken die uns so auf die Pelle?“ Er deutete auf die „Treipan“, die bedrohlich näher kam. Zwei der Männer an Bord der „Treipan“ standen in ihren Anzügen und Sonnenbrillen mit verschränkten Armen am Bug.
Lila schloss die Augen und sog die frische Seeluft kräftig ein. Sie konzentrierte sich kräftig auf sich selbst, so dass sie gar nichts mehr von außen wahrnahm. Lila spürte, wie ihre Gedanken sich sammelten und wie ihr Herz schlug. Und als sie das gleichmäßige, etwas aufgeregte Schlagen ihres Herzens wahrgenommen hatte, da wusste sie es plötzlich.
„Wollt ihr eine Kollision heraufbeschwören?“ brüllte der Kapitän. Schlagartig öffnete Lila die Augen. Sie sah zuerst die Füße der Matrosen vor sich vorbeilaufen. Die Matrosen wollten sichergehen, dass die Fennen am Schiffsbauch einen möglichen Zusammenstoß mit dem großen Motorsegler abdämpfen konnten. Dann sah Lila, wie die hohen, weißen Masten der „Treipan“ nur knapp hinter der Reling der „Tyrann“ emporragten. Gerade als der Frachter in die Landenge eintauchte, drang auch das Segelschiff in den schmalen Weg zum Meer. Nur weil der Kapitän der „Tyrann“ das Schiff schnell nach Backbord zog, stießen die beiden Schiffe nicht zusammen. Beide beide Schiffe glitten durch die Landeng – so haarscharf nebeneinander her, dass es an ein Wunder grenzte, dass sich die Schiffe nicht rammten.
„Keine Panik, Alterchen!“ lachte einer der Männer mit den Sonnenbrillen. „Wir haben es leider ein bisschen eilig!“
„Unglaublich!“ brüllte der Kapitän aus seiner Kabine. „Da wird eine Meldung an die Seewacht fällig!“
„Mach nur!“ lachte der Mann. Die „Treipan“ zog geschmeidig an der „Tyrann“ vorüber.
Jetzt musste Lila handeln. Ihre innere Stimme hatte ihr einen sehr wichtigen Rat gegeben. Trotz aller Gefahr durfte sie keine Sekunde mehr verschwenden. Rasch kroch sie aus ihrem Versteck hervor und kletterte über die Reling. Die „Treipan“ war schon fast vorbeigerauscht – da ging Lila in die Knie und stieß sich mit den Füßen kräftig ab. Für den Bruchteil einer Sekunde sah Lila unter sich das gurgelnde Meereswasser. Sie streckte die Hände aus – und konnte sich mit den Fingern an der stählernen Reling der „Treipan“ festklammern. Lila stellte ihren Fuß auf den Rand des Decks – und rutschte ab. Sie stieß einen kurzen Schrei aus und zog sich mit aller Kraft nach oben. Endlich fühlte ihr Fuß einen festen Untergrund. Lila zog sich an der Reling hoch und zwängte sich zwischen den Stahlseilen hindurch. Dann blieb sie erst einmal erschöpft liegen. Sie hatte es geschafft, sie war an Bord der „Treipan“. Hoffentlich hatte niemand gesehen, wie sie sich auf das Deck geschmuggelt hatte.
Die kleine Besatzung der „Tyrann“ hatte sich von dem Schreck erholt. Was bildeten sich diese arroganten Schnösel dieses edlen Motorseglers nur ein? Das Frachtschiff mitten in der Landenge zu überholen, war ein riskantes Manöver gewesen, das zu einer großen Katastrophe hätte führen können.
Von all dem Chaos hatten Lilas Verfolger nichts mitbekommen. Sie hingen nach wie vor am Heck des Schiffes und ließen sich durch das kalte Meerwasser ziehen.
„Wir haben das offene Meer erreicht“, grinste der Kleinere gehässig. „Und das andere Schiff mit all den Leuten ist auch weg. Wir können uns das Gör jetzt schnappen.“
„Geduld, Geduld“, versuchte der Große etwas bedächtiger zu sein. „Lass uns genau überlegen, was wir tun.“
„Ziehen wir das kleine Aas doch einfach mit durch das Wasser“, schlug der Kleine vor. „Lassen wir sie ertrinken.“
„Du bist so blöd“, sagte die andere Kreatur. „Der Auftrag lautet: Bringt das Kind lebend! Wenn wir sie abliefern und sie ist tot, dann möchte ich der ehrenwerten Suoltary nicht begegnen.“
„Gut, gut“, antwortete sein Kumpane genervt. „Also, was wollen wir machen?“
„Überlegen, was wir tun“, wiederholte der Große. „Sie kann nirgends hin, wir haben alle Zeit der Welt zum Überlegen.“
Keiner der beiden hatte eine Ahnung davon, dass Lila sich längst auf einem anderen Schiff befand. Lila war auf einem Schiff, dass kurz nach Passieren der Landenge einen ganz anderen Kurs als die „Tyrann“ eingeschlagen hatte.
8. Kapitel: „Fallende Masken“
Seit einiger Zeit veränderte sich etwas: Je länger Lila durch die verdorrte, verlassene Steppe irrte, desto mehr wuchs ihr Mut. Das lag an der Gelegenheit, über all das nachzudenken, was in den letzten Tagen passiert war. Sie hatte doch unzählige Widerstände auf sich genommen. Sie war in eine abenteuerliche Situation nach der nächsten geraten und hatte große Gefahren unbeschadet überstanden. Sogar einer der schlimmsten Alpträume, den sich Lila hatte vorstellen können, war eingetreten. Lila erinnerte sich mit Schaudern daran, wie es auf dem Schiff so weit gekommen war – aber wie zum Glück kein größeres Grauen daraus geworden war.
Bei all dem, was sie in den letzten Tagen erlebt hatte – was konnte ihr da die jetzige Situation schon ausmachen? Hier durch die Gegend zu irren und nicht zu wissen, was sie erwartete, das war doch geradezu läppisch gegen all das, was Lila bisher widerfahren war. Und bei einem war Lila sich sicher: Es konnte kein Zufall sein, dass ihr bis jetzt nichts wirklich schlimmes zugestoßen war. Es war ihr Mut und ihre Entschlossenheit, die ihr geholfen hatten - auf dieser Reise, die als Flucht begonnen hatte und nun die Jagd nach einem Geheimnis geworden war. Ja, Mut und Entschlossenheit. Und diese Erkenntnis konnte Lilas Zuversicht aufrecht erhalten. Sie war nicht mehr das kleine Mädchen, das einsam und abgeschieden von der Welt in einem schiefen Haus im Wald lebte. Sie war Lila. Lila auf der Suche.
Da streifte plötzlich etwas Lilas Schläfe. Im Schwarzgrau der Nacht hätte sie das leicht übersehen können - aber es war tatsächlich ein Blatt gewesen! Ein Blatt, das an einem der Äste der verdorrten Bäume wuchs, an denen Lila vorbeigelaufen war. Ein kräftiges, grünes Blatt! Lila roch daran. Der Duft von frischen Blättern war ihr vertraut. Wenn hier ein saftiges Blatt an einem Zweig wuchs - dann musste es noch mehr Grün hier geben.
Lila hatte keine Zeit, sich an Deck der „Treipan“ auszuruhen. Es war viel zu wichtig, sich ein Versteck zu suchen. Lila konnte sich nicht erinnern, wie viele Menschen sie an Bord des Motorseglers gesehen hatte. Aber es mochten bestimmt fünfundzwanzig oder mehr Männer gewesen sein. Es würde nicht leicht sein, allen verborgen zu bleiben. Einen Augenblick überlegte Lila, ob sie sich vielleicht stellen sollte, möglicherweise als „blinde Passagierin“. Vielleicht waren die Männer an Bord ja so freundlich, sie auf dem Schiff mitfahren zu lassen, ohne dass sie sich verstecken musste. Damit sie sich frei bewegen konnte. Bestenfalls würden ihr die Männer auch etwas zu essen geben.
Bevor Lila das tatsächlich in Erwägung ziehen konnte, musste sie sich allerdings erst einmal einen Eindruck über die Besatzung verschaffen. Zumindest von der Stelle am Heck aus, an der sich Lila jetzt befand, konnte sie niemanden mehr sehen. Aber es war ja auch mitten in der Nacht. Wahrscheinlich hatten sich alle in ihre Kajüten zurückgezogen. Das würde Lilas Suche nach einem angemessenen Versteck vereinfachen. Sie brauchte auch gar nicht lange danach zu schauen. Wie auch auf dem Frachtschiff gab es hier ein Rettungsboot, ein kleines Boot aus Holz mit einem glänzend grauen Anstrich. Es stand am hinteren Teil des Decks. Die Stange des großen, hinteren Segels ragte darüber. Das Boot war mit einer schwarzen Persenning bedeckt. Lila hob die Plane an. Tatsächlich war in dem kleinen Boot genug Platz für Lila, sich dort drin zusammenzurollen und die Persenning wieder darüber zu ziehen. So war Lila perfekt versteckt – und niemand würde Verdacht schöpfen.
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