Sogleich begannen die Motoren unter Lila zu dröhnen. Sie spürte, wie das Schiff sich in Bewegung setzte. Dieses Mal aber setzte das Schiff zu einer Geschwindigkeit an, so dass Lila flau im Magen wurde.
Die Männerstimme brüllte über das ohrenbetäubende Tosen: „Fertig zum Angriff!“
Sofort setzte um Lila herum ein Gebrüll ohne Gleichen ein. Wenige Sekunden später gab es ein lautes Krachen. Das Schiff wurde hart erschüttert, Lila wurde in ihrem kleinen Rettungsboot hin und her geschleudert. Gleichzeitig bremste das Schiff wieder ab. Offenbar hatte die „Treipan“ etwas gerammt. Die Piraten rannten mit harten Schritten an ihrem Versteck vorbei und entfernten sich. Das Schiff kam zum Stehen.
„Überfall! Überfall!“ schrien die Männer plötzlich. Lila hörte Schritte, Rufe, Poltern – plötzlich schien ein unüberschaubares Chaos draußen auszubrechen. Aus dem Gebrüll und Rumpeln drangen Schreie, die um Gnade und um Hilfe bettelten. Lila wurde fast wahnsinnig vor Angst bei dem Gedanken, was da draußen gerade vor sich ging. Ein waschechter Piratenüberfall, und das nur wenige Meter von ihr entfernt! Und sie konnte nichts ausrichten. Wie schrecklich die Schreie der Überfallenen klangen! Inständig hoffte Lila, dass die Piraten ihre Opfer lediglich beraubten. Das war ja schon schlimm genug. Aber die Vorstellung, dass die skrupellosen Seeräubern ihren Opfern auch noch das Leben nehmen konnten, war zu grausam. Tränen schossen in Lilas Augen. Sie presste die Hände auf die Ohren und kniff die Augen zusammen. Nie im Leben würde sie die „Treipan“ wieder lebendig verlassen, dessen war sich Lila in diesem Augenblick absolut sicher. Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis die Piraten sie hier, eingepfercht unter der Persenning im Rettungsboot, entdecken würden. Und offenbar kannten sie nur wenige Grenzen.
Je weiter Lila lief, desto mehr Grün wuchs am Boden. Die Berge, die sich in der Ferne auftaten, waren von grünen Palmenhainen besetzt. Allerdings schien es dort auch viel heller zu sein. Ja, tatsächlich – hier hingen die schwarzgrauen Wolkenberge noch immer wie ein nächtlicher Vorhang über der Gegend. Über die Berge jedoch hatte der Himmel das Sonnenlicht ausgeschüttet.
Der Anblick raubte Lila den Atem. So etwas hatte sie noch nie gesehen. Sie selbst stand in der Sicherheit der Nacht, aber konnte dort in der Ferne auf den Tag blicken. Zartes, rotes Sonnenlicht säumte die Berge. Darüber wuchs ein Blau am Horizont entlang, das Lila bisher nur auf Bildern gesehen hatte. Es war in sicherer Entfernung, es schmerzte Lila auch nicht beim Hinsehen. Es erfüllte sie jedoch mit einem Glücksgefühl, so sehr, dass sie lächeln musste. Wann hatte sie jemals so etwas schönes gesehen?
Ob der Tag von dort hinten nach hier übergreifen würde? Das konnte durchaus passieren. Aber hier, wo sich das Grün endlich wieder zeigte, war Lila zuversichtlich, bald einen Platz zu finden, an dem sie sich ein neues Versteck einrichten konnte. Hoffentlich würde sie etwas finden, was einigermaßen bequem war. Wenn sie an das Versteck ihrer letzten Tage dachte, schüttelte sie es. Tagelang fühlte sich Lila dort eingepfercht. Dass sie da wieder lebend raus gekommen war, grenzte für sie an ein Wunder. Und noch immer war ihr nicht klar, wie das eigentlich passieren konnte.
In den folgenden Nächten wurde das Abenteuer der ersten Nacht an Bord der „Treipan“ zur Routine: Es mochte immer gegen halb vier Uhr sein, als Lila ihr winziges Versteck für eine kurze Zeit verließ. Einmal schlich sie noch in die Speisekammer, da sie die gestohlenen Vorräte aufgebraucht hatte. Und jeden Morgen, nachdem sie gerade eingeschlafen war, wurde sie von einem erneuten Überfall der Piraten auf ein anderes Schiff geweckt.
In Lilas Kopf drehte es sich vor Müdigkeit und Hunger so sehr, dass sie überlegen musste: Waren es nun vier oder fünf Nächte und Tage gewesen, die sie auf der „Treipan“ verbracht hatte? Die ganze Zeit war Lila in dem kleinen Rettungsboot unter der Abdeckplane versteckt. Sie kauerte und schlief die ganze Zeit auf dem harten, schrägen Holzboden. Ihre Arme und Beine taten häufig weh.
Wann würde das Schiff endlich irgendwo anlegen? Lilas Geduld war allmählich erschöpft. Sie wollte raus hier, sie musste sich bewegen. Und es wäre auch schön gewesen, endlich mal wieder einen anderen Menschen um sich zu haben. Hier war sie den ganzen Tag von bösen Männern umgeben, die keine Ahnung hatten, dass Lila überhaupt da war. Wie lange würde diese unheimliche Irrfahrt noch dauern?
Eines hatte Lila bemerkt: In jeder Nacht, in der Lila eine Stunde außerhalb ihres Verstecks verbrachte, wurde die klare Luft etwas milder. Ja, es war ganz sicher ein wenig wärmer geworden, seit sie die Hafenstadt verlassen hatten.
In dieser Nacht nahm Lila den letzten Brotkanten aus dem Bündel. Dann knüllte sie das gestohlene Tuch zusammen und stopfte es in ihre Hosentasche. Das Brot war hart. Kleine Stückchen davon blieben zwischen Lilas Zähnen stecken. Sie schluckte es hinunter. Ihr Hunger war noch lange nicht gestillt. Aber ihre Vorräte hatte sie nun aufgegessen. Es ließ sich wahrscheinlich nicht vermeiden, dass sie sich wieder auf einen Diebeszug begeben müsste. Lila beobachtete den zunehmenden Mond. Er hatte beinahe seine volle, runde Größe erreicht. Noch ein oder zwei Nächte, schätzte Lila. Dann war Vollmond. Je voller der Mond, desto heller war es in der Nacht an Deck. Und je heller es war, desto besser war sie zu sehen.
Am Besten war es, wenn sie die Suche nach Nahrung gleich hinter sich bringen würde. Lila hasste es, den Weg vorbei an den Kajüten der Piraten in die Kombüse zu nehmen. Wenn sie nur einer der Männer erwischen würde, würde das gewiss ihrem Todesurteil gleichkommen.
Jetzt war es das dritte Mal in den Tagen an Bord der „Treipan“, dass sie den dunklen Flur im Unterdeck entlang schlich. Das beständige Schnarchen drang aus den Türen. Alles war wie immer, nichts außergewöhnliches geschah. Trotzdem brachte die Aufregung Lila beinahe an den Rand des Wahnsinns.
Schnell schlüpfte sie durch die Kombüsentür. Drei Scheiben von dem aufgeschnittenen Brot nahm Lila aus dem Korb. Im unteren Schrank fand sie eine große Schüssel mit Würsten. Lila nahm eine Handvoll davon. Dann wühlte sie in den restlichen Würsten herum, damit es nicht so aussah, als ob etwas aus der Schüssel fehlte.
Gerade als Lila das Tuch aus ihrer Tasche ziehen wollte, um die erbeuteten Würste und das Brot einzupacken, erklang ein lautes Poltern vom Flur. Vor Schreck zuckte Lila zusammen. Dabei fielen ihr zwei Würste zu Boden. Rasch hob Lila sie wieder auf. Dem Poltern folgten Schritte – Schritte, die sich der Kombüsentür näherten. Panisch sah Lila sich um. Der Raum war so eng, dass sie auf den ersten Blick keine Möglichkeit sah, sich zu verstecken. Weiterdenken konnte sie nicht, denn im gleichen Augenblick öffnete sich die Tür der Schiffsküche langsam. Schnell huschte Lila in die danebenliegende Ecke, so dass sie beinahe von der Tür eingequetscht wurde.
Das erste, was Lila sah, waren zwei Hände. Den Händen folgten Arme, in buschigen Hemdsärmeln gewandt und gerade voraus gestreckt vom Körper eines Piraten. Der Pirat hatte die Augen geschlossen und betrat mit langsamen Schritten die Schiffsküche. Er atmete ruhig und gleichmäßig.
„Ein Schlafwandler!“ schoss es Lila durch den Kopf. Sie beobachtete, wie der schlafwandelnde Pirat um den Kombüsenschrank zum Herd herumging. Dann stieß der mit den Knien gegen den Herd und blieb stehen. Als ob der Pirat im Schlaf gemerkt hatte, dass er nicht weiterkam, drehte er sich nun langsam um.
„Jetzt oder nie!“ dachte Lila, stieß die Kombüsentür auf und tigerte mit einem leisen Satz aus der Schiffsküche auf den Flur. Hier musste sie wieder mucksmäuschenstill sein, um die anderen Piraten nicht zu wecken. Auf Zehenspitzen schlich sie bis zu der Stiege, die auf das Oberdeck führte. Als sie die erste Stufe betreten hatte, vernahm sie das Quietschen der Kombüsentür. Lila fuhr atemlos herum. Der schlafwandelnde Pirat trat mit geschlossenen Augen, offenem Mund und ausgestreckten Armen auf den Flur. Lila hielt die Luft an, presste Brot und Würste an sich und stieg schnell, so leise sie konnte, die Stufen hinauf. Als sie durch die Tür wieder an Deck gelangt war, wollte sie eigentlich gleich loslaufen. Doch sie konnte sich noch rechtzeitig besinnen. Sie durfte keinen Lärm machen, der den Schlafwandler irgendwie wecken konnte.
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