Bis in die tiefste Nacht hinein feierten die Piraten, bis irgendwann die Stimme des Mannes erklang, der vom Ausguck gesprochen hatte. Lila schätzte, dass er der Kapitän der Mannschaft war.
„Schluss jetzt, Brüder!“ schrie der Kapitän. „Wenn die ersten Handelsschiffe unsere Bahn kreuzen, möchte ich keine halbstarken Piraten mit Kopfschmerzen hier sehen! Jetzt wird Schluss gemacht! Morgen früh müssen wir volle Kraft fahren!“
Allgemeines Murren herrschte. Aber unmittelbar wurde es leiser um Lila herum. Der Kapitän hatte seine Piraten offenbar gut im Griff. Lila atmete auf, als die letzten Piraten von Deck in ihre Kajüten verschwanden.
Noch eine gute halbe Stunde geduldete sich Lila in ihrem Versteck. Dann hielt sie es nicht mehr aus. Sie musste sich wenigstens einmal recken und strecken, nachdem sie so lange hier so zusammengekauert lag. Und etwas zu Essen war auch bitter notwendig. Vorsichtig schaute sie über den Rand des hölzernen Rettungsboots. Niemand war mehr zu sehen. Die „Treipan“ trieb sachte auf dem ruhigen Wasser des Ozeans. Über dem Meer war der endlose Sternenhimmel. Niemand hätte angenommen, dass solch eine friedliche Stimmung von solch einer Gefahr umgeben war.
So leise sie konnte, stieg Lila aus dem Boot und streckte die Arme in die Höhe. Es tat so gut, die Muskeln so richtig dehnen zu können. Lila schaute auf den vorderen Teil des Schiffes. Ob die Piraten etwas von ihrem herrlichen Essen übrig gelassen hatten?
Auf Zehenspitzen schlich Lila über das Deck, um nachzusehen, wie die Piraten das vordere Schiff hinterlassen hatten. Zu ihrer Enttäuschung war nichts mehr da. Die Männer hatten so gut aufgeräumt, dass man nie auf die Idee gekommen wäre, dass hier vor nicht mal einer Stunde ein wildes Fest gefeiert worden war.
Ein leiser, eiskalter Windhauch hüllte Lila ein. Er verwandelte die friedliche Stimmung in eine unheimliche Atmosphäre. Fröstelnd verschränkte Lila ihre Arme vor der Brust. Sicherlich würde es im Inneren des Schiffes etwas zu essen geben. Aber konnte sie es wagen, sich auf die Suche zu machen, während all die wilden Piraten in ihren Kojen schliefen – wenn sie überhaupt schliefen? Wie lange Lila ohne Wasser und etwas zu essen aushalten konnte, wusste sie nicht. Aber sie spürte, dass ihr Hunger sich im ganzen Körper ausbreitete.
Die Tür zu den Innenräumen des Schiffes war nicht verschlossen, sie war nur angelehnt. Ob die Piraten irgendwo eine Wache postiert hatten? Vorsichtig legte Lila ihr Auge an die Holzlamellen. Wirklich etwas sehen konnte sie nicht. Dafür hörte sie beständiges Schnarchen aus der Dunkelheit. Zaghaft zog Lila die Tür auf. Sie quietschte leicht. Lila fuhr vor Schreck zusammen und hoffte, dass niemand das Quietschen gehört hatte. Ob sie es probieren sollte? Der Hunger trieb sie voran. Fünf Holzstufen führten hinab in das Unterdeck. Hier befand sich Lila auf einem engen Flur, von dem mehrere Türen nach rechts und links abgingen. Das waren wohl die Kajüten, in denen sich die Piraten für den nächsten Tag ausruhten. Es war unmöglich, das Risiko einzugehen, in jede Tür hineinzuschauen. Aber wie konnte Lila herausfinden, hinter welcher Tür sich etwas zu essen befand? So wie die großen Servierplatten ausgesehen hatten, musste es eine Schiffsküche geben. Aber wo mochte die sein?
Dass es so einfach war, hätte Lila nicht vermutet. „Kombüse“ stand auf dem Holzschild auf einer der Türen. Lila erinnerte sich an ein Buch, dass sie einmal bei Frau Spitzhak gelesen hatte. Da war von einer „Kombüse“ die Rede gewesen, in der der „Smutje“, der Schiffskoch, arbeitete. Mit Mühe gelang es Lila, die Tür zur Kombüse fast geräuschlos aufzudrücken. Sie atmete auf, als vor ihr tatsächlich die kleine, menschenleere Küche auftauchte. Lautlos schlich Lila zu dem Schrank und der Küchenanrichte. Auf der Anrichte lag Brot mit einer knusprigen Kruste im Korb. Wenn ein paar Scheiben davon fehlten, würde es bestimmt niemand merken. Außerdem lagen dort ein paar leckere Stücke Käse, Schinken und eine kräftige Fleischwurst. Frau Spitzhak hatte ihr das ganze Leben lang erzählt, dass es nicht richtig war, anderen etwas wegzunehmen. Ganz wohl war Lila bei dem Gedanken also nicht, sich hier in der Kombüse einfach zu bedienen. Aber immerhin war es eine Notsituation. Und schließlich waren es Piraten, die dieses Schiff hier führten. Lila konnte davon ausgehen, dass diese Kerle gewiss mehr auf dem Kerbholz hatten als den Diebstahl von Brot und Käse.
Schnell schnappte sich Lila ein Tuch, das in der Kombüse herumlag. Sie wusste nicht, ob es eine Serviette war oder ein Handtuch – das war aber auch erst einmal egal. Von allem, was in griffbereiter Nähe lag, schnappte sie sich ein wenig – nicht zuviel, damit es nicht auffiel. Dann legte sie ihre kleine Beute in das Tuch und schnürte sich ein enges Bündel zusammen. Außerdem nahm Lila sich eine Flasche Wasser aus dem unteren Küchenregal. Die würde bestimmt auch niemand auf den ersten Blick vermissen.
Auf Zehenspitzen schlich Lila zurück über den Flur. Von allen Seiten drang das Schnarchen der Seeräuber an ihre Ohren. Wahrscheinlich hatten sie ohnehin alle einen über ihren Durst getrunken, so dass sie ganz besonders tief und fest schliefen, hoffte Lila.
Lila erreichte die Stiege zum Oberdeck und kletterte flink hinauf. Als sie die Tür nach draußen öffnete, hob sie sie ein klein wenig an, um ein Quietschen zu vermeiden. Endlich war sie wieder an der frischen Luft. Dort konnte sie sich ein wenig freier bewegen. An der Reling vorbei ging Lila bis zum hinteren Mast und setzte sich mit dem Rücken daran. Dann packte sie das Bündel aus und begann zu essen. Es tat so gut, endlich wieder was richtiges im Magen zu haben. Obwohl es nur Wasser war, genoss Lila das Getränk, als wäre es der süßeste Fruchtsaft gewesen, den Frau Spitzhak ihr je zusammen gemixt hatte.
Lila überlegte, ob es leichtsinnig war, noch ein wenig draußen zu bleiben. In das Rettungsboot musste sie sich vor Anbruch der Dämmerung auf jeden Fall noch begeben. Es war damit zu rechnen, dass die Piraten im Morgengrauen zu ihrem nächsten Angriff stürmen würden, wie es einer der Männer, vielleicht der Kapitän, angekündigt hatte. Nur ein wenig noch wollte Lila die Gelegenheit genießen, frische Luft zu atmen und sich unter dem klaren Himmel zu bewegen.
Wann würde das Schiff wohl anlegen? Fast vierundzwanzig Stunden war es nun unterwegs. Ob das Ziel noch weit entfernt war? Und was würde dort sein? Immer wieder überflogen Lila Zweifel, ob es gut gewesen war, auf die alte Kassandra zu hören. Andererseits hatte Kassandra mit dem Hinweis auf den Totenschädel zumindest eine Weissagung getan, die sich erfüllt hatte. Allerdings hätte Lila sich gewünscht, dass die Umstände um diesen Totenschädel weniger bedrohlich gewesen wären.
Die Geräusche, die Lila einige Stunden später in ihrem Versteck weckten, konnte sie zunächst nicht richtig deuten. Vom Gefühl her musste es früher Morgen sein. Sie hörte viele geschäftige Schritte, aber keine Stimmen. Niemand sprach draußen. Allerdings hatte sie den Eindruck, dass man sich Mühe gab, mit den Schritten nicht lauter als notwendig zu sein.
Irgendwann verstummten die Schritte. Aber so wie sie verstummt waren, glaubte Lila nicht, dass die Gefahr vorüber war. Sie hatte das Gefühl, als hätten sich die Verursacher der Schritte rings um ihr Versteck postiert. Zwar hörte Lila keine Geräusche mehr um sich herum. Aber sie hatte auch nichts wahrgenommen, was darauf hindeutete, dass die Leute um sie herum verschwunden waren. Erneut schlug Lilas Herz bis zu ihrem Hals. Wieder befürchtete sie, jeden Moment entdeckt zu werden.
Doch es geschah nichts. Trotzdem wagte Lila nicht, wieder einzuschlafen. Irgendwas war hier nicht in Ordnung.
Minuten vergingen, in denen gar nichts geschah. Dann, urplötzlich, zuckte Lila zusammen, als sie eine dunkle Männerstimme lautstark brüllen hörte: „Volle Kraft voraus!“
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