„Gut, wie Sie wünschen, Frau Wilhelm, dann mit der Nähmaschine.“
„Gut“, sagte sie, „ich räume noch meine Umzugskartons aus und gebe dir dann Bescheid.“
Sie machte mir noch einen Kakao und fragte, woher ich käme und wie es mir hier gefiele.
Als ich ihr erzählte, woher ich kam, sagte ich ihr dann, dass es mir hier nicht gefiele.
„Warum und was gefällt dir hier nicht?“, fragte sie.
Dann sagte ich zu ihr: „Sie sind bisher immer anständig zu uns gewesen, haben nie ein böses Wort gesagt, aber ich kann es Ihnen nicht erzählen. Es wird der Tag kommen, aber zurzeit kann ich nicht, ich schäme mich zu sehr.“
„Wenn du Probleme hast, kannst du doch immer zu mir kommen“, sagte sie.
„Nein“, sagte ich, „weil dann immer der Erzieher oder Lehrer weg war.“
„Was meinst du damit, Achim?“
„Na, es gibt gute und böse Lehrer und Erzieher.“
Ich erzählte von Herrn Löwenberg, wie er war und wie er sich um uns gekümmert und für uns eingesetzt hatte.
„Er war einer der Guten und von uns respektiert“, beendete ich meine Lobesrede.
„Und wer sind die Bösen?“, fragte sie.
„Herr Hahn, Herr Dreher, Tonne, die Nachtwache, Herr Schimmel“, alle Namen nannte ich, auch ihre Misshandlungen an uns. Natürlich nicht das mit dem Abschneiden, dafür hatte ich mich viel zu sehr geschämt, und womöglich hätte sie es noch sehen wollen.
Ihre großen, braunen, immer von Liebe und Mitgefühl geprägten Augen füllten sich mit Tränen, und die Lider senkten sich. Sie weinte wie ein kleines Mädchen, fast herzzerreißend.
„Sehen Sie“, sagte ich, „jetzt sind Sie traurig. Noch vor einigen Minuten waren sie fröhlich und haben sogar gelacht. Ich ertrage es nicht, Sie so zu sehen. Ihr Lachen tut mir so gut und ich habe mich richtig wohlgefühlt bei Ihnen.“
„Oh“, sagt sie, auf die Uhr schauend, „du musst wieder rüber, es ist Abendbrotzeit und hier dein Brettchen, nimm es bitte wieder mit, danke.“
Ihre Stimme klang trotz ihres Kummers bestimmend.
Ich nahm das Brettchen und ging, ohne zurückzuschauen und ohne ein Wort, auf meine Station.
Schon einige Tage später, nach dem Russischunterricht, bat sie mich erneut zu sich.
In der großen Pause fragte sie mich: „Möchtest du noch meine Gardinen nähen?“
„Ja“, sagte ich, „sehr gerne.“
„Gut, dann kannst du, wenn du willst, heute nach dem Unterricht zu mir kommen und die Gardinen abholen, ich hatte sie noch gewaschen, und die Maße bekommst du dann auch.“
Sie fragte: „Wann kannst du bei mir sein, Achim?“
„Bestimmt erst nach der Mittagsruhe.“
„Was ist mit dem Kaffeebrot und den Hausaufgaben nach der Mittagsruhe?“
„Ach ja, aber gleich danach kann ich kommen.“
„Na dann, bis halb fünf“, sagte sie und gab mir einen Klaps auf den Po.
„Aua“, sagte ich provozierend.
„Na, ich werde dir gleich helfen“, sagte sie liebevoll und lächelte.
Nach dem Kaffeebrot machte ich schnell meine Hausaufgaben, es war nicht so viel. Anschließend fragte ich noch, ob ich zu Frau Wilhelm gehen dürfe. Mein Erzieher wusste Bescheid, und ich durfte gehen.
Pünktlich um halb fünf klopfte ich an ihre Tür.
Sie war schon an der Tür und ließ mich herein.
„Komm, setz dich hin“, sagte sie, „und dein Kakao ist auch gleich fertig. Du möchtest doch Kakao?“
„Ja, sehr gern sogar, vielen Dank.“
„Achim, möchtest du ein wenig Musik hören?“
„Ja, ich höre gerne Musik. Auf unserer Station haben wir ein Radio, und da gehe ich immer auf den Soldatensender 904.“
„Kenne ich gar nicht, was ist das für ein Sender?“
„Der Sender ist verboten, aber der spielt immer so schöne Musik. Mal was anderes als immer Bärbel Wachholz.“
„Sie hat doch eine schöne Stimme, ich weiß gar nicht, was du hast.“
Nichts hat sie gesagt wegen des verbotenen Senders.
Auf dem Weg zur Küche stellte sie das Radio etwas lauter.
Als sie wiederkam, stellte sie mir wieder Kakao hin und setzte sich mir gegenüber.
„Warum schaust du so drein“, fragte sie, „gefällt dir meine Kittelschürze nicht?“
„Doch, doch die gefällt mir, habe nur geträumt.“
„Was, am helllichten Tag träumst du?“
Natürlich hatte ich nicht geträumt. Die Kittelschürze selbst sah scheiße aus, an ihr jedoch atemberaubend.
Sie saß mir gegenüber, an der Fensterseite, und ich konnte alles sehen, was sie darunter trug.
Deshalb stierte ich immer auf meine Tasse oder irgendwo in die Luft. Aber wenn sie mich ansprach, musste ich sie ja ansehen, das gehörte sich so.
Ich musste wie ein Trottel ausgesehen haben, mit rotem Kopf, und zu allem Überfluss fragte sie, ob mir heiß wäre.
„Nein, Frau Wilhelm, mir ist nicht heiß“, log ich.
Ich trank meinen Kakao schnell aus, ohne dass sie es bemerkte, und sie sagte: „Kann ich die Gardinen haben, ich muss noch zur Nähstube und weiß nicht, wie lange da auf ist.“
Jetzt hatte ich sie schon zweimal in kürzester Zeit angelogen, das war mir richtig peinlich. Aber ich tat es aus Achtung vor ihr und wollte sie nicht kompromittieren.
„Die Gardinen und die Maße habe ich schon vor dem Mittag in die Nähstube gebracht“, sagte sie.
Sie schaute auf ihre Uhr und sagte: „Ach, schon so spät, ich muss noch einige Arbeiten korrigieren. Macht es dir was aus, wenn wir uns jetzt trennen?“
„Ja, nein“, sagte ich, „ich muss ja auch noch in die Küche, Brot schneiden für das Abendbrot.“
„Dann sehen wir uns spätestens, wenn du die Gardinen fertig hast, natürlich auch zum Unterricht.“
Sie brachte mich zur Tür, machte etwas Spucke an ihr Taschentuch, wischte mir mein Kakaobärtchen ab und sagte: „Auf Wiedersehen.“
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