Dann sagte er in etwa jenes Zitat, welches in meiner Jugend aus mir heraussprudelte: „Der Schmutz liegt im Auge des Betrachters. Merke es dir ganz genau, du wirst es immer in deinem Leben gebrauchen.“
Seine letzten Worte dieses Gespräches waren: „Ich hätte gehen müssen und meinen Beruf aufgeben, aber ich wollte bei euch sein, weil ihr mich auch braucht.“
So viel Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit hatte ich nicht erwartet. Ich war wie von den Socken, stand da und heulte Rotzblasen.
Wieder hatte ich so ein komisches Gefühl, viele waren schon vor ihm gegangen, aber keiner war wie Herr Löwenberg.
Eines Abends, nach dem Abendbrot, mussten alle bei Tisch bleiben. Das Geschirr wurde vom Tischdienst abgeräumt und die Tische abgewischt.
Ein Gemurmel ging durch den Saal, keiner wusste, was los war.
Ein lauter Knall beendete das Gemurmel, Herr Dreher hatte einen Tisch umgeworfen und lauthals „Ruhe!“ gebrüllt.
Schlagartig war es totenstill im Saal, man hätte eine Daunenfeder fallen hören können.
Dann trat der Heimleiter in diese Ruhe und begann auch gleich mit seinen Ausführungen.
„Wie ihr schon bemerkt habt, Herr Löwenberg wird hier nicht mehr arbeiten. Er wird jetzt in einem anderen Heim als Leiter tätig sein.“
Ein halbes Jahr war er hier und bei jedem beliebt. Jeder in diesem Heim kannte ihn. Er war, kurz bevor er ging, Springer. Das heißt, ihm wurde seine Gruppe weggenommen, und er musste immer in einer anderen Gruppe arbeiten, immer wenn einer ersetzt werden musste, sprang er ein. Dadurch hatte er auch keinen regelmäßigen Dienst mehr. Immer seltener hatte man ihn gesehen.
Noch nie hatte man derartige Veranstaltungen angestrebt, wenn ein Erzieher ging. Aber hier war es anders, wir hatten immer wieder gezielt nach ihm gefragt, ob er krank sei oder sonst was.
Auf einmal kippten Stühle, Tische scharrten laut über den harten, steinernen Boden. Immer mehr Stühle kippten und immer mehr Kinder standen auf.
Schließlich standen alle Kinder, keiner saß mehr, abgesehen von den Erziehern, es war eine kleine Revolte.
Kein Brüllen, keine Drohung konnte uns einschüchtern. Wie von einer fremden Hand geführt, taten wir alle das Gleiche. Das war das erste und einzige Mal, dass ich so etwas erleben durfte, wenn es um einen Erzieher ging.
Der Heimleiter trat wieder nach vorn und begann weiter zu reden.
„Mir ist bewusst, wie ihr euch fühlt, schließlich war er ja bei jedem von euch beliebt. Der Magistrat hat so entschieden und dem müssen auch wir uns beugen. Aber eins kann ich euch versichern, Herr Löwenberg ist ein guter Pädagoge und deshalb ist jedem geholfen, wenn er in Zukunft sein Wissen als Leiter einer neuen Einrichtung weitergeben kann.“ Nach einer kleinen Pause, in der er sich im Speisesaal umblickte, sagte er: „Noch eins, wenn jeder jetzt leise in seine Gruppe geht und sich den Regeln der Heimordnung unterordnet, wird dieser Abend keine Auswirkungen auf euch haben, ich gebe euch darauf mein Wort.“
Nur sehr langsam löste sich alles auf, jeder ging in seine Gruppe.
Wer anschließend den Speisesaal aufräumte, weiß ich nicht, aber es war keiner von uns. Dieser war auch einer der wenigen Abende, an dem ich nicht den Abwasch machte.
Oft haben wir noch über Herrn Löwenberg gesprochen und jeder neue Erzieher wurde an ihm gemessen. Keiner, aber wirklich keiner, kam nur annähernd an seine Erziehungsmethoden heran.
Mit jedem neuen Schuljahr wechselten wir auch die Stationen und die Erzieher.
Was aber nicht bedeutete, dass wir die anderen Erzieher los waren. Sie waren immer präsent, aber nicht mehr hauptverantwortlich für meine Erziehung – wenn man hier von Erziehung überhaupt sprechen konnte.
Jede Gruppe hatte einen Gruppenerzieher, der die Verantwortung für uns hatte, und einen Erzieher, ich würde sagen, seinen Handlanger.
Der Gruppenerzieher hatte nur Normaldienst, bis nach dem Mittagessen. Er war auch für alle Belange innerhalb der Gruppe zuständig und dem Erziehungsleiter direkt unterstellt.
Der zweite Erzieher schob dann Dienst bis zur Nachtruhe. Es kam auch schon einmal vor, dass der zweite Erzieher auch zwei Gruppen betreuen musste, oder auch ein Erzieher den ganzen Tag Dienst hatte.
Mein neuer Gruppenerzieher wurde Herr Gerd. Einer der besseren Erzieher: streng, aber gerecht. Nie hatte er die Hand gegen uns erhoben.
Er hatte mir auch meine Freiheiten gelassen, die Küche, die Nähstube und meine Basteleien.
Meine Basteleien hat er sogar unterstützt, oft fragte er, ob ich irgendetwas brauchen würde. Sollte mir noch irgendetwas fehlen, gingen wir dann in die heimeigene Werkstatt. Sie befand sich am Ende des Heimkomplexes, hinter der Gärtnerei, Hausherr war Herr Bauer. Hier wurden auch UTP und ESP (Unterrichtstag in der Produktion und Einführung in die sozialistische Produktion) unterrichtet. Jedenfalls konnte ich dort alles finden, was ich brauchte.
Durchgebrannte Glühbirnen zum Beispiel, daraus machte ich Kasperpuppen. Dazu wurden die Glühbirnen mit Zeitung und mit Zugabe von Mehlkleister beklebt. Nach dem Austrocknen waren die Kasperköpfe knüppelhart. Das Glühbirnenglas wurde dann mit einem Hammer zerschlagen und der so entstandene Kopf bemalt. Die Kleider dazu nähte ich in der Nähstube.
Oder ich machte Mosaiken, dazu brauchte ich Sperrholz, Glas, Farbe, Gips und Kleber.
Irgendwann haben sich mehrere Kinder an diesen Basteleien beteiligt und die Arbeiten ihren Angehörigen geschenkt.
An den Besuchstagen war dann richtig was los, manchmal kamen Besucher und suchten sich auch etwas aus und legten dann ein oder zwei Mark in eine kleine Büchse, ähnlich einem Sparschwein.
Einmal war mir sogar der Boden unten herausgefallen, so schwer war die Büchse.
Mit der neuen Station und neuen Erziehern erhielten wir auch neue Lehrer und Lehrerinnen, aus den unterschiedlichsten Gründen.
Unser Russischlehrer hatte am Ende des Schuljahres abgedankt, er ging in seinen wohlverdienten Ruhestand.
Was für ein Glück, er war noch ein Lehrer alter Schule, mit allen Vor- und Nachteilen. Er war mir irgendwie nicht so ganz geheuer. Was er aber gut konnte, war, Geschichten zu erzählen. An Tagen wie dem „Tag der Befreiung“ zog er immer voll vom Leder. Er ließ keine Gelegenheit aus, sich als „der Held des Zweiten Weltkriegs“ zu sehen.
„Ich war an der Front, wurde verletzt, habe mit Ulbricht in der Sowjetunion gearbeitet, natürlich auch im Untergrund.“ So seine Lobeshymnen auf sich selbst. In den höchsten Tönen hatte er sich präsentiert. Gut für die Republik, dachte ich so immer bei mir.
Jetzt war er jedenfalls in Rente und konnte seinen Kneipenkumpels weiter die Taschen vollhauen.
Das neue Schuljahr begann wie immer mit einem Fahnenappell. Der Schulleiter trat nach vorn und rief „Seid bereit“, und alle riefen „Immer bereit“.
Nach ein paar nichtssagenden Sätzen, also dem üblichen Blabla, kam er zur Sache.
Stolz präsentierte er uns die neuen Lehrer und Lehrerinnen.
Einzeln traten sie dann hervor und stellten sich mit ein paar Sätzen selbst vor.
Dann hörte ich: „Frau Wilhelm wird unsere neue Russischlehrerin.“
Sie trat in die Mitte des Appellplatzes.
Mir blieb fast die Luft weg, ich war kurz vor einem Kollaps. „Mann, sah sie gut aus, hoffentlich ist sie nicht so wie die anderen“, dachte ich so bei mir. Nichts hatte ich gehört von dem, was sie sagte, ich war immer noch wie weggetreten.
Nach unserem Stundenplan, den wir einen Tag zuvor zusammen mit unseren Unterrichtsbüchern bekamen, um unsere Mappen zu packen, hatten wir in der vierten und fünften Stunde bei ihr Russischunterricht.
Noch nie hatte ich mich so auf eine Unterrichtsstunde gefreut.
Gar nicht auszudenken, wenn alles einen Tag vorher stattgefunden hätte. Die ganze Nacht hätte ich kein Auge zubekommen.
Читать дальше