Es dauerte nicht lange, bis er uns Boxunterricht gab. Zwei Gruppen wurden gebildet.
„Ein Turnier, ein Wettbewerb“, waren die Worte, die er von sich gab, und dabei tänzelte er, als wenn er auf den Gong wartete.
Wir schauten uns an und grinsten. Herr Hahn sprang herum wie ein Idiot und schmiss sich in die Brust, wie der Hahn in die Scheiße. In seinen kurzen Turnhosen und seinen dünnen Beinchen sah er schon mehr als komisch aus.
Dann ging es auch schon los. Alles sah ganz gut aus, einige Wochen hatten wir trainiert, ohne besondere Vorkommnisse.
Hin und wieder haben wir einmal einen richtigen Brustpuffer beim Sparring von ihm bekommen, aber es war immer noch Sport.
Aber eines Tages war wieder Sparring angesagt, und er hatte sich Hans Hellwig in den imaginären Ring geholt.
Hans musste seine Brille abnehmen und wurde noch einmal belehrt.
„Fair bleiben, nicht tief schlagen und vor allem nicht meine Nase treffen“, sagte Herr Hahn.
Hans war für sein Alter ziemlich kräftig. Er war auch zwei Jahre älter als ich, und seine Brillengläser waren fast so dick wie Kompottschalen. Ohne Brille war er so gut wie blind.
Als Herr Hahn Hans auserwählte, ahnte ich schon Böses, denn eine Woche zuvor hatte er beim Geländereinigen Herrn Hahn aus Versehen einen dicken Ast an den Kopf geschmissen.
Ziel war es, dass Hans einen dicken Ast sehr weit wegschmeißen wollte, um zu zeigen, was er so auf dem Kasten hatte. Nur brach das gute Stück gleich hinter seiner Hand und segelte, für alle Zuschauer ersichtlich, eine ungeahnte Flugbahn. Dass auch noch der Hahn seine Bückstellung verließ, nachdem er erfolgreich sein Schuhband nachgezogen hatte und sich genau in dem Moment aufrichtete, konnte nun keiner ahnen.
Es sollte aber kein Nachspiel haben, so die Worte von Herrn Hahn, da es ja nicht beabsichtigt war.
Jedenfalls hatte dieser Ast ihn doch ganz schön am Kopf erwischt. Er schwankte wie besoffen und wusste nicht, wie ihm geschah. Dann lag er im Dreck und wir hatten uns sehr leise über diesen Bums gefreut.
Hans war unser Held, auch wenn er sagte: „Es war wirklich aus Versehen.“
Keiner hatte es ihm geglaubt, denn er bekam an dem Wochenende davor Besuchsverbot, weil er es auch nach mehrmaligem Bettenbau nicht schaffte, Herr Hahn zufriedenzustellen.
Seine Mutter kam mit seinem zweijährigen Bruder aus Rostock angereist und musste unverrichteter Dinge wieder abreisen.
Das Sparring wurde von Herrn Hahn selbst geleitet. Im Klartext, er war der Ringrichter und der Akteur.
Er sagte „Ging Gong“, und es ging los. Leichtes Abtasten von Hans, dann eine knackige Antwort von Herrn Hahn. „Ging Gong“ ertönt es wieder. Erste Runde unentschieden, so der Ringrichter. Kurze Verschnaufpause, Ging Gong, die zweite Runde begann. Der Anfang war wie in der ersten Runde. Hans musste viel wegstecken. Die drei Minuten waren längst um, aber unser Sportsfreund hat fairerweise weiter geboxt und auf Hans eingedroschen. Alle warteten auf „Ging Gong“, aber nichts kam.
Auf einmal schlug die Rechte von Hans auf die Nase von Herrn Hahn ein. Sofort lief Blut aus seiner Riechwurzel. Er fing an zu diskutieren und immer wieder sagte er „meine Nase“.
Ich dachte gleich an Pittiplatsch. Der sagte auch immer: „Ach, du meine Nase.“
Auch jetzt kam kein „Ging Gong“, gerade jetzt hätte Herr Hahn es gebraucht.
Als er sah, dass seine Nase blutete, schlug er Hans windelweich. Er war so was von in Rage. Einer lief zum Heimleiter, Herrn Dehm, um Hilfe zu holen.
Bis Herr Dehm eintraf, war auch das Sparring zu Ende. Hans war zum Glück nicht allzu viel passiert.
Seit diesem Tag hatte sich das Boxen so gut wie erledigt, und wenn doch Boxtraining war, stieg nicht er in den Ring, sondern einer aus der großen Gruppe, ein sogenannter Günstling des Herrn Hahn.
Er bezeichnete diese Schläger gern als Marionetten oder als seinen linken Arm.
Die Tage, an denen Eltern oder auch Verwandte, ihre Kinder im Heim besuchten, waren für diejenigen, die Besuch bekamen, schön. Es gab Geschenke und Süßigkeiten, auch schon einmal begrenztes Taschengeld oder andere Annehmlichkeiten und vor allem sahen diese ihre Angehörigen wieder. Nicht selten brachten Besucher Kaffee oder andere, in der ehemaligen DDR nicht erhältliche Genussmittel für die Erzieher und Erzieherinnen mit. Wozu diese Geschenke dienten, bedarf keiner Erläuterung – nur so viel, die Kinder profitierten, was die Behandlung anging, nicht davon.
Alle Geschenke der Kinder wurden generell eingesammelt, in Kisten gelegt und mit Namensschildern der Beschenkten versehen. Anschließend wurde dies, portionsweise, je nach Führung, an den Eigentümer abgegeben. Auch sogenannte Günstlinge der Erzieher wurden mit den Geschenken anderer belohnt.
Oft kam es vor, dass nur noch verdorbene Ware übrig blieb, bis es endlich zur Freigabe kam.
Besuchstag hieß nicht automatisch, dass man dabei war und seine Liebsten sehen durfte. Nein, erst an den Besuchstagen selbst wurde bekannt gegeben, wer Besuch empfangen durfte und wer nicht. Nicht selten kam es vor, dass Besucher gekommen waren und ihre Kinder nicht sehen durften.
Vor dem Besuch wurden die Jungs noch einmal darauf eingeschworen, nichts aus dem Alltag des Heims zu erzählen, ansonsten gab es Besuchsverbot. Damit so etwas nicht aus Versehen passierte, waren immer mehrere Erzieher bei den Besuchen anwesend, die dann die Besuchergruppen regelrecht bespitzelten.
All jene, so wie Jochen und ich, die keinen Besuch bekamen, wurden weggeschlossen.
Es sollte kein unkontrollierter oder versehentlicher Kontakt entstehen.
Wenn eines der Kinder, das keinen Besuch empfangen durfte, einmal bei uns war – oder weil kein Angehöriger gekommen war –, haben wir es getröstet. Oft weinten wir dann zusammen und das aus vollstem Herzen. Einen Grund dafür gab es immer – Gelegenheit dazu nur an einem solchen Tag.
Einer weinte, weil er seine Lieben nicht sehen durfte und ein anderer, weil er keine hatte. Es lief immer auf dasselbe hinaus, aber hier brauchte sich keiner der Tränen schämen.
Nach den Besuchstagen hat dann jeder von zu Hause erzählt. Der eine sagte, er habe einen Bruder bekommen, oder der andere, eine Schwester. Einer berichtete von der Scheidung der Eltern und wieder ein anderer vom Tod eines Verwandten. Immer hatten wir Anteil am Glück und der Trauer jedes Einzelnen. Keiner hatte etwas für sich behalten, denn mit wem hätten sie sonst darüber reden können? Es bot sich ja auch nicht an.
Mit der Zeit hatte sich der Einschluss während der Besuchszeiten etwas gelockert.
Viele Besucher gingen mit ihren Kindern auf dem Heimgelände spazieren. Man begegnete sich hin und wieder, und ich grüßte immer artig. Manchmal wurde ich dann herangerufen und vorgestellt.
Einige Eltern oder Verwandte weinten während der Spaziergänge oder wollten ihre Kinder nicht mehr hergeben. Es kam auch vor, dass dann die Polizei gerufen werden musste, um der Sache ein Ende zu setzen. Diese Kinder mussten dann für Monate oder ganz und gar auf Besuch verzichten.
Irgendwann fing ich an, kleine Geschenke zu basteln. Diese habe ich dann denjenigen mitgegeben, die ihren Verwandten eine Freude mit einer Überraschung machen wollten.
Diese Präsente kamen gut an und ich bekam hin und wieder eine Mark dafür.
Einmal durfte ich zum Besuch von Hans mitgehen. Seine Mutter hatte sich über die kleinen Basteleien gefreut. Hans erzählte ihr damals, dass nicht er sie machte, sondern ich. So kam es, dass mich seine Mutter unbedingt kennenlernen wollte.
Neben der Lockerung bei Besuchstagen änderte sich auch alles andere.
Die Besuchten sollten sich jetzt in einer Reihe aufstellen und nach und nach musste jeder alles beim Erziehungsleiter abgeben. Er war jetzt der Entscheider über die Abgabe und an wen, also nicht mehr die Erzieher.
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