„Bitte, nicht", sagte sie mit gedämpfter Stimme. „Du würdest da jetzt nur stören."
„Ich verstehe dich nicht. Wie kannst du nur so tun, als würde dir das nichts ausmachen? Es ist doch ganz offensichtlich, dass er und seine Frau ..."
„Seine Ex-Frau", korrigierte sie ihn. „Komm, ich werde es dir erklären."
Ohne eine Antwort abzuwarten, fasste Constance nach seinem Arm. Durch die weitgeöffneten Glastüren führte sie ihn auf die Terrasse hinaus. Von hier genoss man einen herrlichen Blick über den See. Im Schein der untergehenden Sonne zogen Schwäne majestätisch ihre Bahnen auf der Wasseroberfläche.
„Die Dame ist also die Ex-Frau von Herrn Ellerbrook", brach Adrian nach einer Weile das Schweigen. „Wieso ist sie dann hier?"
„Das habe ich arrangiert", erwiderte Constance und setzte sich auf die Natursteinmauer, von der die Terrasse umgeben war. „Ich versuche schon lange, die beiden zu versöhnen."
Ungläubig hob Adrian die Brauen.
„Allmählich begreife ich gar nichts mehr."
„Ich werde dir eine Geschichte erzählen. Dann wirst alles verstehen."
Nachdenklich glitt ihr Blick über das Wasser, während sie von Anton sprach, der sich als junger Mann in der Oper ein Pariser Gastspiel angesehen hatte: Prokofjews Romeo und Julia. Die Hauptrolle wurde von der Primaballerina Michelle Levin so eindrucksvoll getanzt, dass er sie unbedingt kennenlernen wollte. Nach der Vorstellung folgte er dem Ensemble zum Hotel. Die Tänzerinnen und Tänzer saßen noch in der Bar bei einem Schlummertrunk. Anton gesellte sich einfach dazu, sprach die Primaballerina an. Zunächst war sie scheu und zurückhaltend, aber als das Eis gebrochen war, verstanden sie sich ohne viele Worte. Von nun an trafen sie sich täglich, da er ihr in jede Stadt nachreiste, die sie während der Deutschland-Tournee besuchte. Am Abend vor ihrer Heimreise nach Paris machte er ihr einen Heiratsantrag. Michelle war damals schon eine gefeierte Solotänzerin, der eine Weltkarriere offenstand. Aus Liebe zu Anton gab sie nicht nur ihren Beruf, sondern ihr ganzes bisheriges Leben auf und wurde seine Frau.
Obwohl die Ärzte ihr aufgrund einer lange zurückliegenden Krankheit geraten hatten, auf Nachwuchs zu verzichten, riskierte Michelle ihr Leben, um ihrem Mann das ersehnte Kind zu schenken. Es wurde eine Zwillingsschwangerschaft, die mit einer dramatischen Kaiserschnittoperation endete. Während Michelle sich nur langsam davon erholte, starb eines der winzigen Babys noch in der Klinik. Der andere Zwilling überlebte und wurde in einer glücklichen Familie aufgezogen. – Bis Anton eines Tages geschäftlich nach Amsterdam fahren musste. Er hatte dort schwierige Verhandlungen zu führen, so dass sich sein Aufenthalt länger als erwartet hinzog. Nachdem die Verträge endlich unter Dach und Fach waren, wurde in einer Bar gefeiert.
Als er spät in der Nacht reichlich alkoholisiert unter der Dusche in seinem Hotelzimmer stand, schlich sich nebenan eine kurvenreiche Schönheit mit einer Flasche Champagner in sein Schlafzimmer. Einer seiner Geschäftsfreunde hatte sie für sich gebucht, aber sie hatte die Zimmernummern verwechselt. Statt in Nummer 112 war sie in 121 gelandet. Sie zog sich aus, löschte das Licht und schlüpfte in das breite Bett. Anton bemerkte sie jedoch nicht, als er sich niederlegte. Er schlief sofort ein.
Am kommenden Morgen traf Michelle unerwartet in diesem Hotel ein. Sie wollte Anton überraschen und ein romantisches Wochenende an die Geschäftsreise anhängen. An der Rezeption erkundigte sie sich nach seiner Suite. Da ihr Mann auf ihr Klopfen nicht reagierte, drückte sie die Klinke herunter. Die Tür war nicht abgeschlossen. So trat Michelle völlig arglos ein und prallte entsetzt an der Schlafzimmertür zurück, als Anton sich ebenso wie die nackte Frau neben ihm verschlafen im Bett aufrichtete. Die Situation schien eindeutig: das nackte Paar in einem zerwühlten Bett, der Champagner ... In diesem Moment zerbrach etwas in Michelle. Fluchtartig verließ sie das Hotel, flog zurück nach Hause und packte. Mit ihrer damals 11-jährigen Tochter flüchtete sie nach Paris und reichte die Scheidung ein.
„Konnte Anton denn nicht erklären, wie es zu dieser scheinbar eindeutigen Situation gekommen ist?", fragte Adrian betroffen. „Notfalls hätte das auch sein Geschäftsfreund tun können."
„Er wusste doch selbst nicht, wie diese Frau in sein Bett gekommen war. Außerdem fehlte ihm durch den ungewohnt hohen Alkoholkonsum jede Erinnerung. Hatte er oder hatte er nicht mit ihr geschlafen? Als er sie danach fragte, behauptete sie, sie hätten eine wundervolle Nacht miteinander verbracht. Sie mochte wohl nicht zugeben, dass sie nur bei, aber nicht mit ihm geschlafen hatte. Immerhin war sie dafür bezahlt worden. Zwar hat sein Geschäftsfreund später zugegeben, dass er das Mädchen für sich bestellt hatte, aber das nützte Anton wenig. Seine Frau hat das alles für eine billige Ausrede gehalten und auf der Scheidung bestanden."
„Ist die kleine Tochter bei Michelle geblieben?"
„Ja, sie hat bei ihr in Paris gelebt.“
„Und was ist aus ihr geworden?"
„Sie steht vor dir", erklärte Constance lächelnd, wodurch sie Adrian wieder einmal völlig aus dem Konzept brachte.
„Du bist die Tochter von Anton Ellerbrook?"
„Wusstest du das nicht!?"
„Nein, ich ..." Ein erleichtertes Lächeln erschien auf seinem Gesicht. „Du heißt doch aber Meves!?"
„Als Studentin habe ich Hals über Kopf einen Kommilitonen geheiratet", erklärte Constance achselzuckend. „Nach sieben Monaten war es vorbei.“
„Trotzdem trägst du noch seinen Namen?“
„Den habe ich behalten, weil er für mich ein Stückchen Freiheit bedeutete. Ich wollte nicht immer nur die Ellerbrook-Tochter sein, sondern meinen eigenen Weg gehen.“
Verstehend nickte Adrian, doch dann lächelte er hintergründig.
„Da ich jetzt über deine Familienverhältnisse informiert bin, könnten wir eigentlich da weitermachen, wo wir vorhin aufgehört haben.“
„Vor wem möchtest du denn diesmal gerettet werden?"
„Vor dem lodernden Feuer, das seitdem in mir brennt."
„Wäre dann eine kalte Dusche nicht wirksamer, als zusätzlich Öl in die Flammen zu gießen?"
Leicht legte er die Hände auf ihre Schultern.
„Hast du noch nie davon gehört, dass man bei den größten Bränden Feuer mit Feuer bekämpft, Constance?"
„Bist du sicher, dass du das überleben würdest, Adrian?"
„Lass es uns herausfinden", flüsterte er und senkte den Kopf. Dicht vor ihren Lippen verhielt er abwartend, damit sie sich nicht überrumpelt fühlte.
Zu Constances eigenem Erstaunen machten sich ihre Hände daraufhin selbständig, legten sich in seinen Nacken und zogen Adrian tiefer zu sich herab. Verführerisch strich sie mit der Zungenspitze über seine Unterlippe, ehe sie seinen Mund mit ihren Lippen verschloss. Aber schon im nächsten Augenblick löste sie sich wieder von ihm und trat einen Schritt zurück.
„Wir sollten besser nicht mit dem Feuer spielen", sagte sie mit belegter Stimme. „Lass uns wieder reingehen."
September 2012
Viele Stunden täglich übte Elsbeth Lohmann mit Eva, erzählte ihr alles Wichtige aus Constances Leben. Dabei ließ sie aber auch Nebensächliches, an das sie sich erinnerte, nicht aus. Außerdem überwachte sie Evas Sprachtraining. Ihre Stimme hatte zwar große Ähnlichkeit mit der von Constance, benötigte aber noch etwas Feinschliff.
„Jetzt noch einmal die Geburtsdaten, Eva", forderte sie ihre Nichte auf. „Anton Ellerbrook?"
„3. März 1949."
„Henriette Ellerbrook?"
„Sie wird von allen Hetty genannt und wurde am 29. September 1927 geboren. Hetty war mit Richard Ellerbrook verheiratet. Er starb vor elf Jahren."
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