„Wir sollten uns allmählich einen guten Platz suchen", schlug der Professor vor. „Wir wollen doch nichts verpassen."
„Offen gestanden, weiß ich immer noch nicht, was hier heute geboten wird.“
„Hast du den jungen Mann etwa im Unklaren darüber gelassen, Julius?", tadelte Camilla ihn gutmütig, während sie sich bei ihm einhängte. Sie ignorierte sein listiges Schmunzeln und hakte Adrian auf der anderen Seite unter. „Hier finden heute unter anderem die Amateurmeisterschaften statt", erklärte sie. „Unser Patenkind ist auch dabei."
„Deswegen ist er doch hier", flüsterte Professor Kronenburg seiner Frau zu. In diesem Moment entdeckte er einige vertraute Gesichter vorn auf der Tribüne. „Dort drüben sehe ich Hetty und Anton. Nathalie ist auch mitgekommen."
„... und Elsbeth mit ihrem Riesenbaby", fügte Camilla theatralisch hinzu. „Dann können Sie gleich die ganze Sippe kennenlernen. Machen Sie sich auf einiges gefasst."
Herzlich begrüßte das Professorenehepaar Hetty, Nathalie und Anton. Da die Lohmanns am Ende der Bankreihe saßen, genügte ein freundliches Kopfnicken.
Anton Ellerbrook stellte den Verwaltungschef seiner Mutter vor
„... und das ist mein Sonnenschein Nathalie", sagte er und legte den Arm um die Schultern des Mädchens. „Sie besucht seit einiger Zeit ein Internat in der Schweiz, aber das große Ereignis heute muss sie natürlich miterleben."
„Guten Tag, Nathalie", begrüßte Adrian das Mädchen. Es war sehr hübsch und musterte ihn neugierig aus großen Augen, die ihm merkwürdig vertraut erschienen.
„Hallo, Herr Herzog", sagte sie nur und setzte sich wieder. Adrian nahm rechts neben ihr Platz; Camilla und der Professor setzten sich links von ihm.
„Nathalie sieht ihrer Mutter sehr ähnlich, nicht wahr!?", sagte Camilla zu Adrian, während sie dem geschäftigen Treiben auf der Rennstrecke zuschauten.
„Wenn Sie es sagen", erwiderte Adrian etwas unsicher. Anscheinend glaubte sie, er müsse die Mutter des Mädchens kennen. „Leider weiß ich im Augenblick nicht so recht, um wen es sich dabei handelt." Ein entschuldigendes Lächeln erschien auf seinem Gesicht. „Seit ich in Hannover bin, habe ich so viele Menschen kennengelernt."
„Sind Sie nicht ihretwegen hergekommen?“
„Ich bin hier, weil Ihr Gatte mir erzählt hat, Cons... ... Frau Dr. Meves würde hier wegen eines Wettbewerbs sein.“ Mit der Hand deutete er auf die Piste. „Allerdings sehe ich dort unten nur Männer und schwere Maschinen. Demnach findet also ein Motorradrennen statt. Sie sagten vorhin, dass es sich um Meisterschaften der Amateure handelt, Frau Kronenburg. Dann betreut Frau Dr. Meves die Teilnehmer wohl medizinisch?"
„Das wäre tatsächlich naheliegend", entgegnete Camilla nur.
Kurz darauf entdeckte Adrian unter den Männern, die sich nun von der Rennstrecke zurückzogen, einen schwarzhaarigen Hünen mit Vollbart. Das war doch der Kleiderschrank, der mit seinen Freunden bei Constance im Zentrum war, erinnerte er sich. Obwohl er sie jetzt auch in der Nähe vermutete, konnte er sie nirgends sehen.
Nun erklang eine Stimme über die Lautsprecher und begrüßte die Zuschauer.
„Es nehmen 16 Fahrer an den Meisterschaften teil", erklärte Professor Kronenburg dem Verwaltungschef dabei, so dass dieser von der Lautsprecherdurchsage abgelenkt war. „Aus jedem Bundesland startet der Landesmeister der Amateure. Dem Sieger winkt außer dem Titel eine Prämie in Höhe von 10.000 Euro, der Zweitplatzierte erhält die Hälfte und wer als dritter durchs Ziel geht, immerhin noch 2500 Euro.“
„Dafür riskieren die jungen Leute ihren Hals!?", stellte Adrian verständnislos fest. Seine Augen erfassten die zwei Ambulanzwagen am Rande der Strecke. „Wie kann man nur so verrückt sein? Man hört doch oft genug von schweren Unfällen im Motorsport."
„Die Teilnehmer sind sehr sichere Fahrer, die kein unnötiges Risiko eingehen", meinte Professor Kronenburg, während er seine Videokamera überprüfte. Da vernahmen sie auch schon das Aufheulen der Motoren. „Jetzt geht es gleich los!"
Aller Augen richteten sich auf den Mann, der mit erhobener Fahne am Rande des Ovals der Strecke stand. Mit dem Sinken seines Armes begann das Rennen. In einer Wolke von Auspuffgasen schossen die schweren Maschinen davon.
„An der Spitze liegt der Ludwigshafener Helmut Kolani", informierte der Sprecher die Zuschauer nach einer Weile über die Lautsprecher. „Dicht hinter ihm der Hamburger Gerd Schreier gefolgt von der Nummer 5, der amtierenden niedersächsischen Landesmeisterin."
Entsetzt blickte Adrian die rechts neben ihm sitzende Professorengattin an.
„Da fährt eine Frau mit? Das ist unglaublich!"
„Es sind sogar drei Fahrerinnen am Start", korrigierte Camilla ihn, ohne die Rennstrecke aus den Augen zu lassen.
„Ist das überhaupt erlaubt?"
„Wir dürfen sogar bei den Weltmeisterschaften starten", gab sie mit leisem Spott zurück. „Diese Veranstaltung haben Motorradclubs aus ganz Deutschland auf die Beine gestellt. Nach den Regeln darf jedes Mitglied über fünfundzwanzig daran teilnehmen. Der Sieger startet dann bei den Europameisterschaften. Warum sollte man Frauen davon ausschließen? Laut Statistik sind wir sowieso die besseren Fahrer."
„Vielleicht im normalen Straßenverkehr", stimmte Adrian widerstrebend zu. „Das hier ist aber etwas völlig anderes und viel gefährlicher."
„Anscheinend trauen Sie meinem Mädchen nicht allzu viel zu", sagte Anton zu seiner Linken über Nathalies Kopf hinweg. „Constance beherrscht ihr Motorrad ebenso gut wie ein Mann. Sie ist in jedem Sattel zu Hause."
Diese Worte versetzten Adrian einen regelrechten Schock. Mit ungläubig geweiteten Augen starrte er auf die Rennstrecke. Auf einer dieser röhrenden Maschinen sollte demnach tatsächlich Constance Meves sitzen? Seine Constance? Unwillkürlich bildeten sich winzige Schweißperlen auf seiner Stirn. Wenn ihr nun etwas zustoßen würde? Er hatte sie doch gerade erst gefunden.
„Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen, Herr Herzog", hörte er Nathalie neben sich sagen. „Meine Mutter kann wirklich spitzenmäßig mit ihrem Motorrad umgehen.“
„Deine Mutter?", wiederholte Adrian verblüfft.
„Du bist die Tochter von Frau Dr. Meves?"
„Logisch", bestätigte das Mädchen. „Sie kennen Ma wohl noch nicht lange!?"
„Nein – aber du kannst mich gern Adrian nennen."
„Okay", stimmte sie zu und richtete ihren Blick wieder auf die vorbeirasenden Maschinen. Mittlerweile hatten sich zwei der Fahrer deutlich von den übrigen abgesetzt.
Unterdessen versank Adrian in dumpfes Nachdenken. Plötzlich erschien ihm seine Lage ziemlich aussichtslos. Es war nicht die Tatsache, dass Constance ein Kind hatte, die ihn belastete. Er vermutete, Anton Ellerbrook sei der Vater ihrer Tochter. Immerhin hatte er das Mädchen vorhin als seinen Sonnenschein bezeichnet. Weshalb aber waren er und Constance dann nicht längst verheiratet?
„Habt ihr gehört!?" Begeistert klatschte Nathalie nach der Lautsprecherdurchsage in die Hände. „Ma liegt jetzt an erster Stelle!"
„Der Fahrer mit der Nummer 9 ist aber dicht hinter ihr", wandte Anton ein, der das Rennen durch sein Fernglas verfolgte. „Jetzt überholt er sie."
„Mist!", stieß Nathalie enttäuscht hervor, da der Fahrer mit seiner Maschine nun rechts an ihrer Mutter vorbeiraste. Dabei schätzte er die Geschwindigkeit der Konkurrentin falsch ein und lenkte sein Motorrad zu früh nach links. Geistesgegenwärtig drosselte Constance das Tempo und zog ihre Maschine noch weiter nach links.
Durch dieses Ausweichmanöver driftete ihr schweres Motorrad etwas ab. Während Adrian beinah das Herz stehen blieb, fasste Nathalie vor Schreck unbewusst nach seinem Arm. Ihre kleine Hand krallte sich förmlich in seine weiche Wildlederjacke.
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