1 ...8 9 10 12 13 14 ...23 Gespannt beugte sich die alte Dame etwas vor.
„Was hast du denn nun wieder ausgeheckt?"
„Am nächsten Wochenende findet doch das Motorradrennen statt. Maman kommt extra aus Paris, um ihre Tochter anzufeuern."
„Weiß Michelle denn nicht, dass dein Vater auch dort sein wird?"
„Wieso? Paps ist dann doch auf Geschäftsreise."
„So!?" Erstaunt krauste Henriette die Stirn. Von dieser Reise hörte sie zum ersten Mal. „Ich verstehe nicht, dass Anton ausgerechnet ... Moment", unterbrach sie sich selbst, wobei sie Constance scheinbar vorwurfsvoll anschaute. „Hast du deine Mutter etwa beschwindelt?"
„Wie kommst du denn darauf?", tat sie empört. „So was tut man doch nicht. – Allerdings kann ich nicht garantieren, dass ich durch den ganzen Stress nicht irgendwas durcheinandergebracht habe."
„Na, du bist mir vielleicht ein Herzchen", tadelte Henriette sie gutmütig. „Da dein Vater vermutlich auch nicht erfährt, dass deine Mutter kommt, werden die beiden sich völlig ahnungslos gegenüberstehen. Das hast du dir ja fein ausgedacht."
„Das finde ich auch", stimmte sie ihrer Großmutter amüsiert zu. „Vor all den Leuten können meine Eltern nicht so tun, als ob der andere Luft wäre. Sie werden wohl oder übel einige Worte wechseln müssen. Das ist dann hoffentlich ein Anfang."
„Die Versöhnung der beiden noch erleben zu dürfen, würde mich sehr glücklich machen. Dann könnte ich beruhigt abtreten."
„Du überlebst uns wahrscheinlich alle", scherzte Constance, die nicht daran denken wollte, dass ihre geliebte Großmutter eines Tages nicht mehr da sein würde. „Außer dir kenne ich niemanden in diesem hohen Alter, der noch so fit ist."
„Nun übertreibst du aber. Die alten Knochen wollen schon lange nicht mehr so wie früher. Außerdem werde ich allmählich vergesslich. – Und mein Blutdruck ist immer noch zu hoch."
„Dr. Seidel hat dir doch Tabletten verordnet."
„Die bekommen mir nicht.“
„Warum hast du mir das nicht längst gesagt?“
„Du hast doch auch so schon genug zu tun.“
„Das kommentiere ich jetzt besser nicht“, bemerkte Constance mit leisem Vorwurf in der Stimme. „Jedenfalls müssen wir sofort etwas gegen deinen hohen Blutdruck unternehmen. Sonst versammelt sich bald die ganze Familie um dich: schwarz gekleidet und sehr feierlich." Beunruhigt umschloss sie die schmale Hand ihrer Großmutter. „Ich werde dir ein anderes Mittel verschreiben. Bitte, versprich mir, dass du es regelmäßig einnehmen wirst."
„Ja, mein Kind.“
12. Oktober 2012 in einer Holzhütte
Am siebten Tag ihrer Gefangenschaft war Constance am Ende ihrer Kräfte. Sie hatte nichts mehr zu essen; den letzten Schluck Mineralwasser hatte sie nach dem Aufwachen getrunken. Jetzt konnte sie nur noch abwarten, bis sie das Bewusstsein verlieren würde. Sie wusste, was ihr bevorstand, dennoch klammerte sie sich an ein letztes bisschen Hoffnung. Sie dachte an ihre Familie und das Bild ihrer Tochter erschien vor ihren Augen. Nathalie hatte ihr fröhlich zugewinkt, als sie nach ihrem letzten Besuch Abschied auf dem Flughafen genommen hatten.
Abrupt setzte sie sich auf. Sie hatte plötzlich das Gefühl, alles falsch gemacht zu haben.
Du hast dein Kind fortgeschickt, weil du allen beweisen wolltest, dass du dir auch ohne das Geld deiner Familie etwas aufbauen kannst! Du hast Nathalie eingeredet, jetzt wäre der günstigste Zeitpunkt für einen Auslandsaufenthalt! Du hast ein halbes Jahr mit deiner Tochter verschenkt, weil dein Ehrgeiz größer war, als deine Liebe zu deinem Kind!
„Das ist nicht wahr ...“, flüsterte sie – Tränen rannen über ihr Gesicht. „Bitte, verzeih mir, meine kleine Schnuppe. Du bist doch das Wichtigste in meinem Leben ...“
Weinend krümmte sie sich zusammen. Es brach ihr das Herz, dass sie ihrer Tochter viel zu selten gesagt hatte, wie sehr sie sie liebte. Nun war es zu spät. Nathalie würde ohne ihre Mutter aufwachsen müssen. Einen Vater hatte sie nie gehabt. Aber sie hatte liebevolle Großeltern, die sich um sie kümmern würden. – Dieser Gedanke erleichterte sie ein wenig. Sie setzte sich wieder auf und wischte die Tränen aus ihrem Gesicht.
Plötzlich hielt sie inne. Waren da nicht andere Geräusche, als die, die sie seit Tagen hörte? Angestrengt lauschte sie in die Stille. Außer dem Gesang der Vögel, dem Rauschen der Bäume und dem nicht enden wollenden Regen schien es bisher nichts außerhalb der Hütte zu geben. Doch nun vernahm sie eindeutig den Motor eines sich nähernden Autos. Waren ihre Entführer auf dem Weg zu ihr? Unwillkürlich kauerte sie sich in eine Ecke der Pritsche. Kamen die Kidnapper, um sie freizulassen? Womöglich hatten sie bereits Lösegeld von ihrem Vater erhalten. Das konnte aber auch bedeuten, dass man keine lebende Geisel mehr brauchte. Voller Angst lauschte sie den Schritten, die jetzt deutlich zu hören waren. Ein Schlüssel wurde im Schloss herumgedreht, die Tür aufgestoßen. Die Silhouette einer bedrohlich wirkenden Gestalt zeichnete sich dunkel gegen das nun hereinfallende Tageslicht ab. Der Strahl einer Taschenlampe traf sie. Geblendet schloss sie für einen Moment die Lider. Als sie die Augen wieder öffnete, schaltete der schwarz gekleidete Mann die Taschenlampe aus und legte sie aus der Hand.
Mit einer Mischung aus Angst und Neugier schaute Constance ihn an. Sie erkannte, dass er eine den ganzen Kopf bedeckende Gorillamaske und schwarze Handschuhe trug. Er sah tatsächlich aus wie ein großer Affe.
„Wer sind Sie?", fragte sie bemüht, sich ihre Angst nicht anmerken zu lassen. „Warum kommen Sie erst jetzt?“
„Ich bringe dir nur ein paar Sachen“, antwortete eine dumpfe Männerstimme hinter der Maske. Aus einer Tragetasche nahm er vier große Flaschen Mineralwasser und stellte sie auf den Tisch.
Sofort sprang sie auf, griff nach einer der Flaschen, schraubte sie auf und setzte sie an die Lippen. Gierig trank sie daraus.
„Nicht so hastig“, sagte der Kidnapper. „Das muss eine Weile reichen.“
„Ich soll noch hierbleiben?“, schloss sie entsetzt aus seinen Worten und stellte die Flasche zurück. „Warum?“
„Weil das alles länger als geplant dauert. Wir müssen warten, bis deine Eltern aus Paris zurück sind. Das dauert noch ein paar Tage.“
„Meine Eltern sind in Paris?“ Sie hatte gar nicht gewusst, dass sie vereisen wollten. Fieberhaft überlegte sie. „Sie wollen doch Lösegeld für mich. Lassen Sie mich frei. Ich bitte meine Großmutter unter einem Vorwand um das Geld.“
„Dann können wir uns auch gleich an die Alte wenden.“
„Nein!“, brachte sie erschrocken hervor. „Meine Großmutter ist alt und krank. Das würde sie nicht überleben!“
„Dann musst du wohl doch noch ein paar Tage bleiben.“ Es klang spöttisch. „Ist doch ganz gemütlich hier.“
„Diese Bruchbude ist eine Zumutung – und scheißkalt!“, entfuhr es ihr. „Ich will warme Kleidung und was Vernünftiges zu essen!“ Nach der Anspannung der letzten Tage tat es ihr gut, Dampf abzulassen. „Außerdem will ich frisches Wasser, Zahnputzzeug und ein Handtuch! – Und Licht!“
„Sonst noch Wünsche?“, höhnte der Gorilla und packte seelenruhig die mitgebrachten Sachen aus. Kekse, eine große Packung Zwieback, Kartoffelchips, eine Tafel Schokolade, Kaugummi.
Alles, was man für eine ungesunde Ernährung benötigte, legte er in Constances Reichweite. Zuletzt stellte er noch eine Thermosflasche dazu.
„So, das ist alles."
„Das reicht mir aber nicht", sagte sie mutig. „Wenn Sie mich hier länger festhalten wollen, brauche ich was Warmes zum Anziehen.“
Er musterte sie ungeniert von Kopf bis Fuß.
„Na ja, ich will mal nicht so sein ...", murmelte er und wandte sich zur Tür. Rechts davon war anscheinend eine Nische, aus der er einen zerschlissenen Trenchcoat zum Vorschein brachte, den er seiner Gefangenen zuwarf. Geschickt fing sie ihn auf und betrachtete ihn skeptisch.
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