1 ...7 8 9 11 12 13 ...23 „Die beiden verbindet etwas ganz Besonderes“, sagte der Professor nach kurzem Zögern. „Wenn Sie mehr darüber wissen möchten, kommen Sie doch am Samstag in einer Woche nach Salzgitter. Dort findet eine Sportveranstaltung statt. Auch Constance wird dabei sein."
„In welcher Funktion?", fragte Adrian interessiert, aber der Professor lächelte nur geheimnisvoll.
„Finden Sie es selbst heraus, junger Mann! Ich gebe Ihnen gern eine Wegbeschreibung."
Am späten Abend trafen Constance und Anton auf dem Landsitz der Ellerbrooks ein. Das alte, weiße Herrenhaus war ein langgestrecktes, zweistöckiges Gebäude, das sich schon seit Generationen im Besitz der Kaufmannsfamilie befand, aber laufend modernisiert wurde. So verfügten die meisten Zimmer über ein eigenes Bad; im Untergeschoss gab es eine Sauna, einen Fitnessraum sowie ein beheiztes Schwimmbecken, das überwiegend in der kalten Jahreszeit genutzt wurde. Bei warmem Wetter bevorzugte die Familie den kleinen See, der zum Anwesen gehörte.
Kaum hatten sie das Haus betreten, flog eine riesige Dogge auf Constance zu und sprang freudig an ihr hoch, so dass sie fast das Gleichgewicht verlor.
„Platon!", rief Anton den Hund sofort mit strenger Stimme zur Ordnung. „Platz!"
„Lass ihn doch, Paps", bat sie und kraulte den Hund zwischen den Ohren. „Er freut sich eben, dass ich mal wieder hier bin." Sie klopfte dem Tier noch die Seite, bevor sie sich zur Treppe wandte. „Jetzt gehe ich aber erst mal zu Großmutter. Vom Hof aus habe ich noch Licht bei ihr gesehen."
„Bleib aber nicht so lange", bat er. „Hetty sollte um diese späte Stunde längst schlafen."
„Alte Menschen benötigen nicht mehr so viel Schlaf", vernahmen sie Henriette Ellerbrooks Stimme vom oberen Treppenabsatz her. „Hast du allen Ernstes geglaubt, ich begebe mich zu Bett, wenn mein einziges Enkelkind erwartet wird? Da kennst du mich aber schlecht, mein Sohn." Auf ihren Stock gestützt kam die alte Dame langsam die Treppe herunter. „Ich habe irgendwo gelesen, dass der Mensch etwa ein Drittel seiner Lebenszeit verschläft. Das wären in meinem Fall beinah dreißig Jahre! Ist das nicht schrecklich? Ich mag gar nicht daran denken, was ich dadurch alles versäumt habe."
„Ohne genügend Schlaf wärst du aber wahrscheinlich nicht so alt geworden", sagte Constance, ehe sie ihre Großmutter mit einem liebevollen Kuss auf die Wange begrüßte. „Wer hätte mich dann gebremst, wenn mein Temperament mit mir durchging?“
„Dein Vater sicher nicht", bemerkte die alte Dame. „Dir konnte er schließlich nie etwas abschlagen."
„Das ist eben der Vorteil, die einzige Tochter zu sein. Da ist es nicht schwer, den gestrengen Herrn Papa um den kleinen Finger zu wickeln."
„Das hat man nun von seiner Gutmütigkeit", sagte ihr Vater in gespielter Verzweiflung. „Lasst uns noch ein Glas zusammen trinken."
Fürsorglich hakte er seine Mutter unter; gemein-sam betraten sie den großen Wohnraum. Bald saßen sie mit einem Glas Wein vor dem Kamin.
„Nun erzähl erst mal, mein Kind", forderte ihre Großmutter sie auf. „Wie war deine Woche?"
„Anstrengend. Ich musste mein neues Wartezimmer renovieren und hatte auch sonst viel zu tun.“
„Dir fehlt eben jemand, der dich entlastet", sagte ihr Vater. „Du bürdest dir einfach zu viel auf, Constance. Eine junge Frau sollte ihr Leben nicht nur mit dem Beruf ausfüllen."
„Ist das für dich eine Frage des Geschlechtes, Paps?", versuchte sie, vom eigentlichen Thema abzulenken. „Ich kenne viele Frauen, denen ihr Beruf genauso wichtig ist wie einem Mann."
„Und ich kenne viele Frauen, die verheiratet sind", hielt ihr Vater ihr entgegen, „die in der Rolle der Ehefrau und Mutter glücklich sind.“
„Da du anscheinend so viel Wert auf eine intakte Familie legst, frage ich mich, warum du nicht längst wieder geheiratet hast", forderte sie ihn heraus, obwohl sie den Grund kannte. „Wieso lebst du seit beinah fünfundzwanzig Jahren allein, Paps?"
„Weil ... weil es sich so ergeben hat.", wich er aus. Das wunderte Constance nicht. Ihr Vater würde nie eingestehen, dass in seinem Leben immer nur eine Frau existiert hatte: seine Ex-Frau. Seit sie sich von ihm getrennt hatte, war er allein geblieben. - Obwohl es immer wieder Damen gab, die sich für ihn interessierten. Er war jedoch nie darauf eingegangen. Sein Herz gehörte seit fast vierzig Jahren Michelle Levin, einer schönen Französin. Obwohl ihre Scheidung fast ein Vierteljahrhundert zurücklag, konnte er seine große Liebe nicht vergessen.
Wehmütig blickte Anton in die knisternden Flammen des Kaminfeuers.
„Hast du in der letzten Zeit von deiner Mutter gehört?", fragte er gedankenverloren, worauf Constance und ihre Großmutter einen vielsagenden Blick tauschten. „Geht es ihr gut?"
„Ausgezeichnet", bestätigte sie. „Ihre letzte Choreographie war wieder ein Riesenerfolg. Dementsprechend zahlreich sind die Angebote, mit denen man sie aus Paris fortlocken möchte. Maman könnte jederzeit nach Rom zur Commedia dell’arte oder zur Sydney Dance Company wechseln, aber auch Berlin und Zürich würden sie sofort unter Vertrag nehmen."
„Trotzdem bleibt Michelle, wo sie ist", war ihre Großmutter überzeugt, wobei sie die weiße Katze auf ihrem Schoß kraulte. „Sie ist kein Mensch, der wegen der Karriere durch die Welt jettet." Sie kannte ihre Schwiegertochter und nahm es ihrem Sohn auch heute noch übel, dass er damals nicht genug um sie gekämpft hatte. „Für keine noch so hohe Gage würde sie aus Paris weggehen."
„Ich glaube auch nicht, dass Maman ihre Ballettschüler im Stich lassen würde", meinte Constance. „Es ist erstaunlich, mit welcher Geduld und Energie sie auch heute noch unterrichtet – obwohl sie im nächsten Jahr sechzig wird."
„Vielleicht sollten wir alle zu diesem Anlass nach Paris fliegen", schlug Henriette vor. „Das wäre eine gute Gelegenheit ..."
„Mutter!", unterbrach Anton sie, und es geschah selten, dass er sie so ansprach. Von der gesamten Familie wurde sie liebevoll: Hetty genannt. „Du weißt genau, dass Michelle mich nicht sehen will! Ich bin ..."
„Ach, hör doch auf, dir selbst und dem Rest der Welt etwas vorzumachen!", fiel sie ihm resolut ins Wort, so dass die Katze erschrocken den Kopf hob. „Du bist nie über diese unselige Scheidung hinweggekommen! Ihr habt euch getrennt, obwohl ihr euch geliebt habt! Aber ihr seid beide zu stolz gewesen, euch das einzugestehen! Seit fünfundzwanzig Jahren meidet ihr einander wie die Pest! Das ist doch nicht normal!"
„Habe ich jemals behauptet, normal zu sein?" Leise seufzend erhob sich Anton. „Ich gehe noch mal mit dem Hund raus. – Komm, Platon!"
Träge hob das Tier, das zu Constances Füßen lag, den Kopf.
„Platon!", ertönte die ungeduldige Stimme seines Herren. „Nun komm schon!"
Zögernd stand das Tier auf und trottete mit ihm hinaus.
„Das ist typisch dein Vater", bemerkte Henriette. „Immer, wenn sich das Gespräch in diese Richtung bewegt, kneift er."
„Maman verhält sich genauso", erwiderte Constance missbilligend. „Zwar erkundigt sie sich stets wie beiläufig nach seinem Befinden, aber so wie ich das Thema vertiefe, weicht sie aus. Wenn die beiden in dieser Hinsicht nicht so furchtbar stur wären, könnten sie längst wieder zusammen sein."
„Seit ihrer Trennung hast du doch immer wieder versucht, sie zu versöhnen. Daraus wird wohl nie was werden. Dein Vater wird mal als einsamer alter Mann enden, und deine Mutter ..."
„Nein, Hetty", unterbrach sie ihre Großmutter. „Obwohl meine Eltern seit damals kein Wort miteinander gewechselt haben, sind sie durch mich sehr gut übereinander informiert. Solange bei ihnen noch das Interesse für den anderen besteht, und ich spüre, dass sie noch sehr viel füreinander empfinden, gebe ich nicht auf. Ich bringe die beiden wieder zusammen. Diesmal wird mein Plan funktionieren."
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