wohl einen Grund geben, warum sie noch nicht hier sind und mich abholen. Es ist mir klar, dass alles seinen richtigen Sinn so hat wie es jetzt
im Jenseits ist.
Unbedingt will ich nun ganz schnell zu meinem Verlobten. Da schwebe ich den ganzen Saal entlang. Erst jetzt nehme ich es richtig bewusst wahr,
dass da hinter diesem schwarzen Mann noch eine dritte Türe in der
Mitte ist. Ich weiß was mit meinem Verlobten geschehen ist. Gott ermög- licht es mir, dass mir die Vergangenheit vor die Augen geführt wird, bei
der ich selber nicht anwesend war.
Der kleine Mann im schwarzen Anzug hatte ihn davon abgehalten, mir zu folgen. Während ich in diese Fallgrube fiel, packte er meinen Verlob-
ten und hat ihn durch die Türe in der Mitte gestoßen. Dahinter ist ein
sehr großer, weiß getünchter Warteraum mit blauem Filzboden. Unzäh- lige graue Sitzbänke aus Metall stehen hier. Die Lehnen der Bänke sehen
aus wie Gitter. Nur ein paar Menschen sitzen auf diesen Bänken. Sie halten Wartenummern in ihren Händen und sie warten. So auch mein
Verlobter. Er wartet schon die ganze Zeit über. Seit man uns getrennt hat, wartet er.
Während ich an dem Mann mit dem Einheitsgesicht und mit dem schwarzen Anzug vorbei schwebe, denke ich: „Ich will jetzt zu meinem
Verlobten. Ich will jetzt zu meinem Verlobten.“
Und schon sitze ich plötzlich neben ihm auf dieser Wartebank. Er weiß nicht, dass ich körperlich tot bin. Er wird es möglicherweise auch nie
erfahren.
Da kann ich nur hoffen, dass es ihm der liebe Mann, der für mich gebetet hatte, oder jemand anderes, falls sie uns zuvor erkannt hatten, irgendwann mal erzählen könnte, wenn dieser Mensch dann auch möglichst noch so weit gekommen ist.
Doch als ich neben meinem Verlobten sitze, da ist es so als ob er mit mir rede. Ich höre ja seine Gedanken, die sagen: „Wo bist Du nur? Warum sind wir nicht mehr zusammen? Was war hinter der Türe links? Mich hat dieser verfluchte Mann hier rein gestoßen in diesen Warteraum. Ich wollte sofort wieder hinaus und Dir durch die Türe links folgen, aber die Türe hier in der Mitte war von innen verschlossen. Man kann überhaupt nicht mehr hier raus. Hier ist man eingeschlossen.
Ein paar Menschen kamen noch hinterher, denen es dann genau so erging. Ein paar waren schon da als ich rein kam. Jetzt sitzen wir hier
und warten, weil wir nicht wissen, wie wir da wieder raus kommen. Was
haben die denn mit uns vor? Und wie wird es Dir wohl gehen?“
In diesem Moment wird wieder gerade einer durch die Türe hier rein gestoßen, der sich dann gleich umdreht und wieder hinaus will. Doch
die Türe ist von innen verschlossen.
„Was soll das?“ sagt er. „Warum schubst man mich da rein? Warum kann man dann nicht mehr raus? Was ist überhaupt hier zu Gange? Ich glaub´s
ja nicht. Wie kann man so etwas tun?“
„Wir wissen es auch nicht. Wir verstehen es ebenso wenig. Wir warten nun auch ab, was noch geschieht. Sie müssen sich eine Wartemarke
ziehen. Sie werden dann aufgerufen.“ geben ihm diejenigen, die hier
sitzen, mit ein paar leisen, schwachen Stimmen zur Antwort.
„Ich mache mir unendlich Sorgen um Dich. Wo Du nur bist? Wie wer- den wir denn wieder zusammenkommen?“ denkt mein Verlobter. „Ich
sitze hier neben Dir. Ich bin bei Dir.“ versuche ich ihm telepathisch zu
vermitteln. Irgendwie ist es auch so als hätte er es verstanden, denn er fühlt sich innerlich mir sehr nah. Jetzt merke ich erst richtig, wie sehr er
mich liebt. Er ist tief in seinem Herzen ganz fest mit mir verbunden. Er hat mir nie etwas vorgemacht. Ich wusste es schon immer, dass ich ihm
vertrauen konnte. Doch nun kann ich es auch in seinen Gedanken hören und mit ihm gemeinsam fühlen.
Da öffnet sich nun hier eine andere Türe in einer Reihe mit einigen
Türen. Ein weiterer Mann mit einem Allerweltsgesicht wie der draußen vor der Menschenschlange, jedoch ein sehr junger Mann, in einem
grauen Anzug, tritt heraus. Er wirkt sehr zielstrebig und auf Business
bedacht.
Er ruft: „Die Nummer 9 kann eintreten.“ Es ist die Nummer die mein
Verlobter in seiner Hand hält. Wir stehen also auf und gehen zusammen
mit diesem jungen, grau gekleideten Mann in diesen Raum hinter dieser
Türe.
Dort ist ein sehr großer, kantiger, länglicher Konferenz-Saal mit einem langen, breiten, dicken, rechteckigen, massiven Tisch. An ihm sitzen viele
solche grau gekleidete junge Männer die irgendwie alle gleich aussehen. Hinter jedem von ihnen stehen Geister von alten Männern in braunen
Uniformen mit Hakenkreuzen auf den Oberärmeln. Diese Geister der alten Uniformierten sind ständig damit beschäftigt, von hinten den
jungen dynamischen Männern etwas zuzuflüstern.
Einer von den jungen Herren steht sofort auf und kommt uns mit einer aufgesetzten Freundlichkeit entgegen. Er findet jedoch keine Worte der
Begrüßung, weil er das offensichtlich für überflüssig erachtet. Er ergreift
gleich sehr befehlend das Wort, als mein Verlobter und ich vor dieser
Versammlung hier stehen.
Ohne Gruß sagt er zu meinem Liebsten: „Wir sind hier das Institut für
Arbeitszuweisung.
Wir brauchen noch einen Chauffeur für einen schwulen Minister. Wir hatten dich draußen im Saal schon über eine Kamera beobachtet. Du
bist noch sehr jung und du siehst gut aus. Wir sind nämlich auch schwul.“ Alle anderen lachen daraufhin sehr spöttisch, hämisch und laut.
Die alten Geister lachen noch argwöhnischer und schreiender mit ihnen mit. Doch nur ich kann die alten Geister hören und sehen.
Der Wortführer fügt hinzu: „Ja. Wir sind auch schwul. Wir wollten dich von deinem Verlobten weg bringen. Wir wollen dir zu einer Karriere
verhelfen. Nur, damit du es gleich weißt, wir töten alle, wenn sie uns nicht mögen.“ Daraufhin lachen die anderen wieder so schäbig, verach-
tend und verhöhnend. Die Alten hinter ihnen lachen fast noch zynischer und böser. Krächzend und militärisch lachen sie alle zusammen, die
jungen Herren und die alten Geister hinter ihnen.
Dabei klopfen die alten braunen Geister den jungen Herren auf die
Schultern.
„Nimmst du also den Job an? Sonst bist du schneller wieder bei deinem schwulen Verlobten als du denkst. Aber im Jenseits. Denn dein Verlobter
ist vielleicht bald tot.“ fügt der junge Mann im grauen Anzug hinzu,
wobei die anderen schon wieder so schrill und bitterböse lachen.
„Ja.“ antwortet daraufhin mein Liebster, denn er hat Angst, dass ich wirklich bald tot sein würde. Nicht wissend, dass ich es körperlich
gesehen schon bin. Und weil er weiß, dass, wenn er ´Nein` sagen würde,
er dann selber bald tot ist.
„Den Führerschein hast du schon gemacht. Das wissen wir.“ sagt der junge, graue Wortführer.
„Wir wären dann soweit mit dir fertig. Mehr gibt es nicht mehr zu reden. Du gehst jetzt dort durch diese Türe hinaus. Da ist jemand der dich zu einem Lift bringt. Er fährt mit dir hinauf und führt dich dann vor das Haus. Dort wartet nämlich schon der Minister in seiner Limousine auf dich.
Du beginnst jetzt sofort mit deiner Arbeit. Wir hoffen, dass du deinen
Job sehr gut machst und alle Wünsche des Ministers erfüllst.“ fügt der
Wortführer im grauen Anzug hinzu, mit dem Finger auf die Tür zeigend. Die anderen brechen zusammen mit den Geistern schon wieder in ihr
Gelächter aus, das sich anhört wie Sirenen.
Diese Räume hier sind alle mit Video überwacht. Deshalb werden wir direkt an der Tür abgeholt, als mein Verlobter und ich hinaus gehen. Ein
genau so aussehender junger Mann in einem grauen Anzug wie die
Herren im Konferenzsaal, empfängt uns vor der Tür, wobei er gleichzei- tig sagt: „Komm mit!“
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