Damen und Herren. Seien Sie alle Willkommen. Ich bin nur der Vorred- ner. Ich bin ein pensionierter Staatsanwalt. Ich und meine Frau, wir sind
gekommen um Ihnen allen zu sagen, dass wir heute eine Tagung abhal- ten, bei der es um die neuen Arbeitsregelungen und Arbeitsgesetze, im
Sinne des Wirtschaftswachstums, geht. Wir wollen, dass die Menschen arbeiten und nicht als Sozialschmarotzer herum hängen. Das muss sich
alles ändern. So kann es nicht mehr weiter gehen. Folgendes Beispiel will ich euch vorführen.“
Er geht an die Tafel und zeichnet auf sie mit Kreide ein Boot. In das Boot hinein zeichnet er drei Strichmännchen.
Gleichzeitig erklärt dieser Mann da an der Tafel: „Also, so wie Sie es alle ja schon kennen, sitzen hier drei Angestellte in einem Boot. Ihre berufli-
che Aufgabe ist es, das Boot gemeinsam zu rudern und zu steuern. Das geht eine Weile gut. Doch dann fängt plötzlich einer damit an, dass er
Drogen nimmt. Er da nimmt Drogen.“ sagt er, mit dem Finger auf den dritten Mann im Boot zeigend, und fährt mit seiner Rede fort: „Der
nimmt also Drogen. Was bedeutet das? Das bedeutet, dass er dann nicht mehr so viel Kraft hat und nicht mehr so gut rudern kann. Er fällt also
aus. Was bedeutet das? Das bedeutet, dass dann die anderen beiden für ihn mit rudern müssen, wenn sie ebenso schnell ans Ziel kommen
wollen als wenn sie noch zu dritt rudern würden. Deshalb ist der hier für diesen Betrieb nutzlos geworden.
Den kann man also vergessen.“ sagt er, während er den Dritten im Boot mit einem Kreuz durchstreicht.
In diesem Moment steht einer der jungen Minister auf und geht nach vorne, vorbei an diesem Redner, suchend nach der Ausgangstüre.
Da sagt dieser betagte Vorredner zu diesem jungen Minister, während die alte Frau grinsend neben ihnen steht: „Wo wollen Sie denn jetzt plötzlich hin? Was ist los? Haben Sie einen Zahnarzttermin?“
Da zeigt der junge Minister mit seinem Finger hin zu dem durchgestri- chenen Männchen im Boot und sagt: „Ich bin der.“
Daraufhin verlässt dieser schöne, sportliche, männliche, langhaarige und
blondgelockte Minister, der aussieht wie ein Engel, den Raum.
Der pensionierte Staatsanwalt hat in das Boot nur drei Strichmännchen hinein gezeichnet.
Man muss sich die ganze Zeit fragen, mit was sie überhaupt rudern
sollen. Offensichtlich ist der alte Staatsanwalt schon ausgefallen bevor er in der Pensionierung war.
Dafür hat er keine Drogen gebraucht. Er kann nicht einmal Strichmänn- chen mit Rudern zeichnen.
Die weiteren Zuhörer haben nicht so viel Mut wie der blonde Engel. Sie ziehen nur schweigend ihre Köpfe ein und lassen den Redner fortfahren.
„Meine Damen und Herren, haben Sie mich verstanden? Wir brauchen radikale Reformen in der Arbeitswelt. Nein, so kann es nicht mehr
weitergehen. Diesen Sozialschmarotzern muss endlich der Garaus gemacht werden. Mir haben im Urlaub in Spanien Taschendiebe die
Brieftasche aus der Jacke gestohlen. Ich hatte überhaupt nichts bemerkt. Es ist nur noch so ein Gesinde unterwegs.
Man kann sich bald nicht mehr auf die Straße trauen. Schauen Sie doch mal nach Amerika!
Da muss auch jeder selber zusehen wie er zu Rande kommt. Da kann auch keiner beim Staat betteln gehen, so wie man es bei uns so gerne tut.
Wenn er in Amerika nicht für sich selber sorgen kann, dann wird er eben erschossen. Das ist dann sein eigenes Problem. In Skandinavien, da
haben sie nicht so viel Einwohner wie wir hier in Deutschland. Da können sie sich einen Sozialstaat noch besser leisten. Aber wie, bitte-
schön, wie sollen wir hier in Deutschland, mit den vielen Einwohnern, noch einen Sozialstaat finanzieren? Der Staat wird zunehmend überfor-
dert.“
Schweigend, ganz still und leise, hört ihm das ganze Podium zu. Die ausländischen Zuhörer haben Kopfhörer auf, weil ihnen alles Gespro-
chene gleich in ihre Muttersprache übersetzt wird. Und ich erlebe nun
schon wieder ein Wunder, nämlich, dass ich auch die fremdsprachlichen
Gedanken der Anwesenden hören und verstehen kann.
Die große Uhr, die da vorne an der Wand hängt, zeigt nun schon auf
13:00 Uhr.
Ich denke an meinen Termin der Audienz bei Gott um 18:00 Uhr, wäh- rend ich die Gedanken der Zuhörer höre: „Was ist das denn für ein widerlicher, dämlicher Teufel da vorne mit seiner Alten?“ „Diese alte Kanalratte redet voll Stuss. Warum muss ich mir so was anhören?“ „Ich halte es hier nicht mehr aus. Ich will nachhause zu meinen Kindern.“
„Meine Verlobte wartet alleine zuhause auf mich und ich sitze hier und muss da mitleiden. Das darf doch nicht wahr sein.“ „In meinem nächs-
ten Leben werde ich bestimmt nicht mehr Minister. Da tun einem ja nur
noch die Ohren weh.“
Doch alle hören sie schweigend zu. Nicht einmal ein Murren ist zu vernehmen. Auch nicht ein Seufzer. Nein, so wie in einer Mai-Andacht
sitzen sie alle hier und hören diesem Redner da vorne zu, so als ob da ein
Priester reden würde.
„Soweit zum Thema des heutigen Tages. Wählen Sie einfach die richtigen
Parteien, die die Sozialschmarotzer ächten und ausrotten! Was wir brauchen, ist eine Förderung der Wirtschaft. Das kann es mit der arbeits-
losen Bevölkerung nicht geben. Wenn einer keine Arbeit findet, dann soll er sich eben eine suchen. Sie werden es schon wissen, welche Parteien die
richtigen für ein starkes Deutschland sind. Wir sind eine Weltwirt- schaftsmacht. Das werden sicher auch die ausländischen Minister so
sehen und mir zustimmen. Ich bedanke mich herzlich.“ sagt dieser
Vorredner neben seiner Frau.
„Und jetzt stelle ich Ihnen den Hauptredner und neuen Anführer der
Arbeiterbewegung vor.
Sie sollen sehen, dass es doch noch vernünftige, arbeitende Menschen in diesem Land gibt, welche uns allen einen Weg in die Zukunft weisen
können für die ganze Welt.“ ruft er nun ganz laut in das Publikum hinein.
Siehe da, wer nun seitlich durch eine Türe in Erscheinung tritt. Ich erkenne ihn wieder. Ich stand schon direkt vor ihm.
Mit Erstaunen muss ich feststellen, dass jetzt genau dieser kleine Mann im schwarzen Anzug hier auftaucht, der vorher die bunten Menschen zu
den Türen links und rechts gehen ließ, wenn er sie nicht durch die Tür in der Mitte geschoben hat.
Hinter ihm folgt ihm der Geist Adolf Hitler, der im Gleichschritt stamp- fend mit ihm mitmarschiert und gleichzeitig seinen rechten Arm nach
oben hält. Der Geist Hitler trägt genau die selbe Uniform wie die Geister die im Publikum sitzen.
Angekommen beim Redner-Pult, neben dem Vorredner und seiner Frau, drehen sich die beiden gleichzeitig zum Publikum. Hierbei legt der
Mann im schwarzen Anzug seine braune Ledertasche auf den Tisch,
während er sagt: „Grüß Gott, meine Damen und Herren. Freut mich, dass ihr alle gekommen seid.“
Und Hitler neben ihm hält seinen rechten Arm noch immer hoch und ruft dabei: „Heil! Heil! Heil!“ In diesem Moment stehen alle Geister in
den braunen Hakenkreuz-Uniformen im Podium ganz zackig auf, so als wären sie noch jung, und rufen ihm laut und ihn so richtig anfeuernd
zu: „Heil Hitler! Heil Hitler! Heil!“ Mit dem Jubeln nicht aufhören wollend, setzen sie sich wieder hin.
Bevor nun der sogenannte Hauptredner im schwarzen Anzug etwas sagen kann, hat der Geist Hitler schon das Wort ergriffen: „Kameraden,
seid still und hört mir zu! Wenn ich rede, seid ihr still!“
Der Hauptredner sagt: „Verbündete aller Nationen, ich bitte Sie um
Ruhe und Aufmerksamkeit. Ich habe es nicht gerne, wenn keine Ruhe herrscht während ich rede.“
Da ruft Hitler neben ihm seinen Kameraden zu: „Wir sind Arbeiter, damit es den Bürgern gut geht.“ Der Hauptredner sagt: „Wir alle arbei-
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