Der Minister hat ihm ins Ohr geflüstert: „Reiß dich zusammen! Sonst geschieht es dir genau so!“ Alle anderen hier bemerken das gar nicht. Sie
beachten es nicht. Sie schauen nur zum Redner vorne.
„Weiß Du nun, was man mit mir gemacht hat? Jetzt siehst Du, dass ich sozusagen tot bin.“ flüstere ich telepathisch zu meinem Liebsten neben
mir. Er nickt mit dem Kopf.
„Ich wäre so gerne noch bei Dir.“ sage ich leise zu ihm im Geiste.
Er senkt seinen Kopf nach unten und weint dabei in seine Hände. „Wir können jetzt körperlich nicht mehr zusammen sein. Aber das Wunder,
das Du noch nicht kennst, ist, dass man nach dem Tod als Geist weiter-
lebt. Das wusste ich auch vorher nicht. Ich bin als Geist bei Dir. Hier direkt. Ich sitze neben Dir.“ versuche ich ihm tröstend zu vermitteln.
Er fängt sich nun tatsächlich etwas. Er zwingt sich selber, dass er die
Fassung bewahrt.
Wenn er könnte, will er eigentlich wieder aufspringen und nur noch schreien. Er weiß nicht mehr, wie er sich noch auf diesem Platz hier
halten soll, aber er tut es. Das höre ich in seinen Gedanken. Er denkt, dass er auch sterben will. Doch ich sage leise zu ihm: „Warte! Ich habe da
schon einen besonderen Plan im Kopf. Ich will aber meine Audienz bei
Gott abwarten. Ich will wissen was Gott mit uns vorhat. Verzweifle nicht! Es hat alles irgendwie einen Sinn. Du wirst es sehen.“ hauche ich ihm
leise ins Ohr. Er weint nun still in sich hinein.
Ich weiß, dass er total durchdrehen würde, wenn ich nicht hier wäre.
„Ach, mein Gott Vater im Himmel, ich brauche Deinen Rat. Ich bin so froh, wenn ich endlich die Audienz bei Dir habe.“ denke ich, wobei mir wieder meine restlichen Organe einfallen.
Jetzt will ich wissen, was sie mit meiner Leiche und mit den Leichen der weiteren Erschossenen gemacht haben.
„Wir haben heute wieder jede Menge frischer Organe gewonnen.“ sagt
der Arzt da vorne.
„Dabei helfen uns die Sozialschmarotzer.“ ruft er laut, während er mein
Gesicht in die Höhe hält.
„Und morgen werden wir weiter so verfahren.“ fügt er hinzu.
„Sie alle hier brauchen sich keine Sorgen dahingehend mehr machen, dass Sie bald sterben würden. Wir können Ihnen jede neue Organver-
pflanzung garantieren. Sie können das jetzt alles auch schon im Katalog bestellen. Wenn Ihnen Ihre Nase nicht mehr gefällt, dann bestellen Sie
sich eben einen neue, schönere Nase. Und wenn Sie einen neuen Penis brauchen, weil der alte zu klein oder auch schon zu impotent ist, dann
bestellen Sie sich eben einen neuen Penis. So wie wenn Sie ein Auto wären, können wir Ihnen jedes Ersatzteil anbieten. Wir tauschen sämtli-
che Organe aus. Herzen, Lungen, Nieren, Lebern, Mägen, Bauchspei- cheldrüsen, Hirne, Prostata und Geschlechtsorgane, wie Penis und
Vagina, alle Sinnesorgane, wie Augen, Ohren, Zungen und Haut. Glied- maßen verpflanzen wir selbstverständlich auch. Wenn es um Schönheit
geht, dann suchen Sie sich natürlich das schönere Teil aus. Nur bei den
Hirnen ist es ein bisschen schwierig, weil man da schon bedenken soll, wer es vorher gehabt hat. Deshalb führen wir genaue Karteien über die
Menschen, denen wir die Organe und Körperteile entnehmen.“
Er legt nun mein Gesicht auf den Tisch. Er öffnet seine Ledertasche wieder und zieht eine Pistole heraus. Mir wird jetzt klar, dass er mein
Gesicht zusammen mit einer Pistole in seiner Tasche hatte.
„Bei den Hirnen haben wir immer das Problem, dass wir so viel Kugeln erst heraus popeln müssen, wenn den Leuten in das Hirn geschossen
wurde.“ sagt er, während er mit der Pistole in das Publikum zielt und die
Minister erschreckt. Dann legt er die Pistole auf den Tisch neben mein
Gesicht.
„Meine Damen und Herren.“ sagt er nun sehr bestimmt und überzeugt in das Publikum hinein.
„Ich kann Ihnen allen eins wirklich garantieren. Nämlich, dass wir das
Leben fest im Griff haben.“
Er fährt mit seiner Rede fort: „Die neuen Arbeitsgesetze kommen uns sehr entgegen. Diejenigen, die nicht arbeiten wollen, können wir jetzt
endlich massakrieren, wenn sie nicht vorher in der Armut von selber
eingehen. Und wenn einer meint, er braucht die ganze Zeit nichts anderes tun als mit
dem Motorrad herum zu rennen, dann steigt die Wahrscheinlichkeit auch sehr, dass er sich bald zu Tode rennt. Gerade diese jungen, knacki-
gen, frischen Motorradfahrer haben die besten Organe. Aber insgesamt brauchen wir uns um die Organgewinnung heute keine Sorgen mehr
machen.
Die Älteren und die kranken Leute, die am Leben hängen, die dafür ständig in bester Ordnung gelebt haben, sie danken uns diese neuen
Möglichkeiten so sehr.“
Er fügt hinzu: „Billig sind diese Organverpflanzungen natürlich nicht. Ein gutes Herz muss eben auch was wert sein. Und wir leisten wirklich
gute Arbeit, wenn es um die Verpflanzung von Körperteilen geht. So haben wir zum Beispiel auch schon so manchem alten Opa, der im Bett
mit seiner Frau nicht mehr konnte, mit einem neuen jungen Penis zu einem mit Sex erfüllten Leben im Alter verholfen. Ich könnte Ihnen
unendlich viele Beispiele aufzählen, wie sehr wir der Menschheit welt- weit mit den Leichenorganen helfen. Wichtig ist, dass der Hirntod der
Leichen noch nicht eingetreten ist, wenn ihnen die Organe entnommen werden. Denn dann können wir immer davon ausgehen, dass die Organe
der, ich sag mal ´Fast-Toten`, noch gut funktionieren. Das ist wie bei den
Autos. Wenn so ein altes Auto vor Rost schon auseinander fällt, dann kann man die Ersatzteile natürlich auch nicht mehr brauchen.“
Mit seiner Rede anscheinend nie enden wollend fährt er fort: „Meine
Damen und Herren, den Katalog der Leichenteile habe ich Ihnen selbst- verständlich mitgebracht. Er wird im Anschluss an Sie verteilt. Wenn Sie
was brauchen, dann bestellen Sie doch einfach! Das geht auch per
Internet. Wir haben alles immer für Sie bereit. Machen Sie sich keine
Sorgen! Die Organe gehen uns sicher nicht mehr aus. Dafür sorgen wir.“ Er redet und redet und redet und redet und redet und redet....
Während dem Reden hat er den Katalog der Leichenteile aus seiner
Tasche gezogen und ihn, demonstrativ darin blätternd, zum Publikum hin gehalten. Mir wird klar, mit was allem zusammen mein Gesicht in
seiner Tasche war, und wohl auch wieder da hinein kommt bevor er geht.
Er hat doch noch nie daran gedacht, wie es für ihn wäre, wenn ein anderer sein Gesicht in eine Tasche steckt, muss ich mich jetzt fragen.
Und mich überkommt eine ungeheure Wut.
Langsam kommt er zum Schluss: „Aufgrund dieser heutigen Veranstal- tung hier, anlässlich dieses Vergnügens, das ich mit Ihnen heute haben
durfte, können wir Ihnen selbstverständlich auch Rabatt anbieten. Wir
warten nur noch auf Ihre Bestellungen. Gönnen Sie sich doch eine neue
Nase!
Der eine oder andere will vielleicht auch gerne einen neuen Penis. Manche Frau vielleicht auch eine neue Vagina, wenn die alte zu sehr
verkrampft. Meine Damen und Herren, schämen Sie sich nicht! Bestellen
Sie! Wir stellen Sie unter Garantie zufrieden.“
Nicht enden wollend redet er weiter: „Verstehen Sie, meine Damen und
Herren? Wir sind auch immer sehr froh, wenn wir die Leichenteile wieder los geworden sind. Allzu lange können wir sie nicht frisch halten.
Irgendwann läuft auch bei den Organen das Haltbarkeitsdatum ab. Dann
haben wir uns die viele Arbeit, sie den Leichen zu entnehmen, umsonst gemacht. Doch auch wir wollen von etwas leben. Mit der vielen Haut,
die immer übrigbleibt, da können wir wenigstens noch etwas anfangen. Da machen wir jetzt Lampenschirme daraus. Einer unserer Mitarbeiter
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