sein Reich auf einen Nachfolger zu übertragen.
Er schlug seinen Sohn Karlot als Nachfolger vor, und
die Barone erklärten sich einverstanden. Der Verräter
Amauri stellte das Fernbleiben der Brüder Hüon und
Gerard als Unbotmäßigkeit dar und erbot sich, sie zur
Aburteilung an den Hof zu bringen, dabei machte er
mit Karlot aus, daß sich dieser in einen Hinterhalt
legen sollte. So geschah es, und im Kampfe wurde
Karlot von Hüon erschlagen. Amauri beschuldigte
nun Hüon des wissentlichen Mordes am Königssohn;
zwar entschied ein Zweikampf zugunsten Hüons,
doch Karl wollte diesem sein Erbe nicht eher zurückgeben,
bis er nach Babylon gehe, den ersten, der ihm
am Hofe begegnete, erschlage, die Tochter des Emirs
dreimal küsse und Bart und Zähne des Emirs selber
mitbringe. Hüon trat selbzwölft die Reise an, und der
büßende Ritter Jérôme schloß sich ihnen unterwegs
an und zeigte ihnen den Weg.
So gelangten sie in Oberons Zauberwald. Ermüdet
streckte sich Hüon unter einer Eiche zur Ruhe: »Bei
Gott,« sagte er, »ich kann nicht mehr. Ich kann vor
Hunger nicht mehr weiter reiten.« »Schlecht versteht
Ihr zu fasten,« spottete Jérôme, »eßt doch von diesen
Wurzeln. Ich habe seit dreißig Jahren keine andere
Nahrung gehabt.« »Das bin ich nicht gewohnt«,
meinte Hüon. Während sie so redeten, kam ein kleiner
Mann durch den grünen Wald gegangen; der war so
schön wie die Sonne am Sommertag; ein Mantel aus
Seide, mit goldenen Bändern verziert, umhüllte ihn.
Einen Bogen trug er in der Hand, der ihm stets Wildbret
verschaffte; ein Horn aus reinem Elfenbein hing
ihm um den Hals, welches Feen auf einer Insel im
Meer gefertigt hatten. Die eine hatte ihm diese Gabe
verliehen: wer das Horn ertönen hörte, der würde auf
der Stelle gesund, und wäre er auch dem Tode nahe.
Die zweite Fee hatte hinzugefügt: wer das Horn hörte,
dessen Hunger und Durst würde alsogleich gestillt.
Ein jeder, hatte die dritte bestimmt, müsse zu singen
anfangen, wenn er den Ton des Hornes hörte, und
drücke ihn die Sorge noch so schwer. Die vierte endlich
gab ihm diese Kraft: wenn das Horn ertönte, in
welchem Lande es auch sei, Oberon müsse den Ton
vernehmen in Monmur, seiner Stadt. Der kleine Mann
blies auf dem Horn, und die Ritter begannen sogleich
zu singen. »Mein Gott,« rief Hüon, »wer will uns besuchen?
Ich spüre keinen Hunger mehr noch
Schmerz.« »Um Gottes willen, Herr,« sagte Jérôme,
»es ist der bucklige Zwerg. Redet ihn nicht an, wenn
Euch Euer Leben lieb ist.« Der kleine Bucklige rief
ihnen mit lauter Stimme zu: »Ihr Männer, die ihr meinen
Wald durchquert, seid mir gegrüßt beim Herrn
der Welt! Ich beschwöre euch bei Gottes Majestät,
bei Öl und Chrysam, bei der Taufe heiligem Salze,
bei allem, was Gott geschaffen hat, beschwöre ich
euch, daß ihr meinen Gruß erwidert.« Die Ritter aber
wandten sich zur Flucht zum großen Mißvergnügen
des Zwerges, der mit einem Finger sein Horn berührte,
worauf ein gewaltiges Unwetter entstand. Ein reißender
Strom hemmte Hüons und seiner Gefährten
Flucht. »Es ist der böse Zwerg, der das verursacht«,
beruhigte sie Jérôme, aber nur schwer erholten sie
sich von ihrem Schrecken und setzten in Unruhe ihren
Weg fort. Schon glaubten sie dem Zwerg entgangen
zu sein, da stand er plötzlich auf einer schmalen
Brücke vor ihnen. »Da ist der Teufel schon wieder«,
schrie Hüon. »Knabe,« entgegnete Oberon, der es
wohl gehört hatte, »nie war ich Teufel oder böser
Geist. Ich bin ein Mensch aus Fleisch und Blut wie
du, und ich komme nochmals, im Namen Gottes und
durch die Macht, die er mir gab, euch zu beschwören,
daß ihr mir Rede steht.« »Ums Himmels willen,
flieht!« rief Jérôme, dann spornte er sein Roß, und
seine Gefährten folgten ihm im Galopp. Ein drittes
Mal stellte sich der Zwerg ihnen entgegen und versprach
ihnen seine Hilfe bei der gefahrvollen Fahrt,
wenn sie sich entschließen wollten, ihn anzureden.
»Seid uns willkommen, Herr!« sagte Hüon. »Gott
lohne es dir!« entgegnete Oberon. »Hüon, teurer Bruder,
nie wurde ein Gruß besser gelohnt, als es der deinige
werden soll.« »Herr,« sagte Hüon, »warum verfolgt
Ihr mich?« »Ich liebe dich«, erwiderte Oberon,
»mehr als irgendeinen anderen Menschen, um deiner
Lauterkeit willen liebe ich dich. Du weißt noch nicht,
wem du begegnet bist, so höre: Julius Zäsar erzeugte
mich, und die Fee Morgana gebar mich als ihren einzigen
Sohn. Große Freude herrschte bei meiner Geburt,
und mein Vater entbot alle seine Barone, und
alle Feen kamen, meine Mutter aufzusuchen. Eine von
ihnen, welche unzufrieden war, verwünschte mich zu
einem buckligen Zwerg, der ich jetzt zu meinem
Schmerze bin; seit meinem dritten Lebensjahre bin
ich nicht mehr gewachsen. Sie wollte ihr Wort nicht
zurücknehmen, aber um dessen Wirkung abzuschwächen,
gab sie mir die größte Schönheit nächst Gott.
Eine zweite Fee gab mir ein noch kostbareres Geschenk:
sie erlaubte mir, die Herzen der Menschen
und ihre geheimsten Gedanken zu erkennen. Einer
dritten Fee verdanke ich die beste Gabe: es gibt kein
Land, in das ich mich nicht durch meinen Wunsch allein
sogleich verfügen kann. Begehre ich ein Schloß,
so steht es vor mir, ich habe Speise, wann es mir beliebt,
und zu trinken, wann ich es fordere. In Monmur
bin ich geboren, wohl vierhundert Meilen weit von
hier, und dennoch bin ich schneller dort, als ein Roß
ein Tagwerk Landes durchmißt. Aber du hast noch
nicht alles erfahren, was ich den Feen verdanke.
Wisse also, daß es keinen Vogel gibt, keinen Eber,
keine wilde Bestie, und sei sie auch noch so blutgierig,
die sich nicht willig zu meinen Füßen legte auf
ein Zeichen meiner Hand. Endlich weiß ich alle Geheimnisse
des Paradieses und höre dort oben die
Chöre der Engel. Nie in meinem Leben werde ich altern,
und wenn ich zu sterben wünsche, so ist mir an
Gottes Seite mein Platz bereitet.« Und um seine
Macht zu zeigen, zauberte Oberon im Nu eine speisenbedeckte
Tafel hervor. Nach dem Mahl wollten die
Reisenden aufbrechen, aber Oberon sagte: »Hüon,
bleib' noch ein wenig, zuerst will ich dir einige von
meinen Kleinodien geben.« Dann ergriff er mit beiden
Händen einen Becher. »Hüon,« hub er an, »betrachte
diesen Becher, damit kannst du die große Macht, die
Gott mir gab, erproben. Du siehst, dieser goldene Becher
ist leer. Nun, ich will ihn nach meinem Willen
füllen.« Bei diesen Worten strich er dreimal mit der
Hand um das Gefäß, machte das Zeichen des Kreuzes
darüber, und sogleich füllte sich der Becher mit lauterem
Wein. »Für alle Lebenden und für alle Toten,
wenn sie zur Welt zurückkommen würden, liefert dieser
Becher genügend Wein,« sagte Oberon, »und das
ist seine Zauberkraft, doch enthüllt sich diese nur in
den Händen eines reinen Menschen, denn niemand
kann aus ihm trinken, dessen Herz nicht sündenlos
ist. Sobald ein Bösewicht den Becher berührt, verschwindet
seine Kraft. Vermagst du daraus zu trinken,
so ist er dein.« Hüon brachte den Becher an seine
Lippen, und dieser blieb voll, und er trank daraus in
langen Zügen. Oberon zog ihn voll Freude an seine
Brust und gab ihm das kostbare Gefäß. »Aber trage
wohl Sorge,« sagte er, »deine Lauterkeit zu wahren,
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