Mit gemischten Gefühlen beichtete ich meine Sucht alles mehrfach zu überprüfen. Wobei der Ursprung bei der Suche nach Pestbeulen lag, welche sich heute auf Kaffeemaschinen und Herdplatten verlagerte. Ein wenig Stolz war ich schon, dieses Symptom selbst erkannt zu haben, ohne Hilfe Lakshmi`s.
Die meinte mit leichtem Kopfnicken, mit dem Wissen über den Auslöser sei das Übel schon beseitigt. Aha! Jetzt nickte ich mit dem Kopf. „Warten wir es ab“ flüsterte ich nur für mich hörbar.
Für das Thema `Rauchen` gab es leider keine Erklärung. Das war mir, ehrlich gesagt, auch nicht so wichtig.
Einen nicht unzufriedenen Gesichtsausdruck entdeckte ich bei Hildegard.
„Was hattest du an?“ fragte ich sie natürlich als Erstes.
„Nichts – alles verbrannt!“ war die Antwort.
„Ach – und warum?“
„Ich wusste zu viel – Heilkunde, Kräuter, Verhütung, Liebstöckelanbau – du weißt schon“.
„Hexe? Scheiterhaufen?“ Ich tastete mich verbal und vorsichtig vor, wollte nicht pietätlos sein. Immerhin wurde Hildegard erst vor ein paar Minuten verbrannt. Bei lebendigen Leib.
Doch Hildegard lächelte selig.
„Aber ich war nicht eine der namenlosen heilkundigen Frauen – ich war Hildegard von Bingen, wenn dir das was sagt!“.
Ihr Versuch bescheiden zu schauen schlug fehl, der Stolz in ihrer Mimik war nicht zu übersehen.
Jetzt oblag es an mir zu lächeln: „Aber die Hildegard von Bingen war doch keine Hexe und endete auch nicht auf dem Scheiterhaufen, wenn ich richtig informiert bin!“.
Hildegard sah mich eindringlich an: „Hier müssen Teile der Geschichte neu geschrieben werden!“.
Irgendwie erinnerte mich dieser Satz an die gefälschten Hitler-Tagebücher.
„Du hast lange gebrannt“ lenkte ich ab, „dein Klagen nahm kein Ende“.
Hildegard nickte: „Ja, dieses lodernde Feuer ging nicht zur Neige, aber als Märtyrerin musste ich da durch“.
Jetzt wollte ich meinem Bildungsniveau freien Lauf lassen und klärte sie auf: „Verbrennen ist ein grausamer Tod, gewiss, aber die Opfer auf dem Scheiterhaufen wurden recht schnell ohnmächtig, weil das Feuer den ganzen Sauerstoff verbrauchte – die litten schlimm aber nicht sehr lange“.
„Ich habe alles voll erduldet, die ganze Distanz!“ fauchte Hildegard mich an und ich bemerkte ein feindseliges Glitzern in ihren Augen
Nun gut, ich wollte keinen Streit, nach verbalen Auseinandersetzungen war mir jetzt nicht zumute.
So schlug ich vor, den Geschichten der anderen Rückgeführten zu lauschen.
Da hatten wir unter anderem:
Mehrere Feldherren (siegreich).
Zwei Gladiatoren (zum Kampf gezwungen).
Ein Major des Afrikakorps im 2.Weltkrieg (geheimer Ratgeber Rommels, daher geschichtlich unbekannt).
Ein Nordstaaten-General (Edmund)
Ein Indianerhäuptling (Sioux).
Drei Tempelritter (verschiedene Kreuzzüge).
Zwei Billy the Kid`s (historisches Rätsel)
Erstaunlicherweise war Napoleon nicht anwesend, auch Cäsar und Alexander der Große ließen sich nicht blicken. Die waren wohl anderweitig beschäftigt.
Die weiblichen Gruppenteilnehmerinnen waren bedeutend einfacher aufzulisten. Neben einer Freundin von Kleopatra und einer Schamanin der Amazonen sahen sich fast alle im Bereich des mittelalterlichen Gesundheitswesens, waren gütig und weise und wurden stets als Hexe verkannt. Was mit Ertränken oder Verbrennen geahndet wurde, manchmal auch mit dem Gift des Schierlingsbechers. Wobei eine demokratische Auswahl der Todesart selbstredend nicht gewährt wurde.
Interessant war für mich auch, dass niemand aus dem Teilnehmerkreis in seinem früheren Leben das Geschlecht gewechselt hatte. Frau blieb Frau, Mann blieb Mann.
Seltsamerweise war insgesamt kein einziger Bauer dabei, keine Magd und auch kein Schmied oder Küfer – wo doch in früheren Zeiten 90% der Bevölkerung Landwirte oder Handwerker waren.
Wie auch immer – ich wäre gern ein mittelalterlicher Ackersmann gewesen, auch in ärmlichen Verhältnissen – die wurden wenigstens nicht verbrannt und mussten auch keine Schuhe mit Glöckchen tragen.
„Pass doch auf!“ Ich schnauzte Kurt an, der mit seinem großen Geländewagen einen Fahrstil demonstrierte, den man durchaus als aggressiv, zu schnell und rüpelhaft bezeichnen konnte.
Es war Montag und wir waren nach Stuttgart unterwegs, beide in Kurts Auto, da ihm dies in Anbetracht der Benzinpreise wirtschaftlicher erschien. Auf meinen Einwand, dass mein Wagen bedeutend weniger Sprit verbrauche als Kurts Angeberkutsche,
erwiderte dieser nur, er wolle nicht in meiner Hämorrhoidenschaukel fahren. Basta.
Während einer kurzen und seltenen Phase, in der mein Kollege relativ normal fuhr, erwähnte ich so lässig wie möglich: „Ich war am Samstag in einem Reinkarnations-Seminar“.
Stille.
Nur Bob Marley tönte aus dem Autoradio. Von Kassette. Mein` Partner hatte erstaunlicher weise noch einen antiquarischen Kassettenspieler in seinem Wagen.
Nach ein paar Sekunden Sprachlosigkeit kam von Kurt ein fragendes „und?“.
„Nun ja“, ich wusste nicht so recht was ich antworten sollte, die Pestgeschichte wollte ich vorerst für mich behalten.
„Nun ja“ räusperte ich mich wiederholt, „Ich habe seit gestern kein einziges mal irgendwas kontrolliert, nicht die Kaffeemaschine, weder den Herd und auch nicht die Haustüre. Null Bedürfnis, keinerlei Zwang“.
Kurt lächelte verständnisvoll: „Hab ich dir doch gesagt, oder nicht?“.
Ich gab ihm mit mehrfachem Kopfnicken Recht. Seit dem Seminar am Samstag war meine Kontrollsucht wie weg geblasen, wobei ich diese `Wunderheilung´ selbst noch nicht richtig realisiert hatte. Vor allem wollte ich abwarten wie lange das Ganze anhielt – auch geistige Placebos verlieren irgendwann ihre Wirksamkeit. Glaubte ich wenigstens.
Wir näherten uns Stuttgart, trotz Kurt`s rabiaten Fahrstils ohne Unfall.
Auch der Kassettenrekorder funktionierte noch, erfreute uns mit einem Reggae-Sampler. Das war wohl Kurts Lieblingskassette, denn er sang stellenweise mit, was den Musikgenuss leider etwas schmälerte.
„Weißt du eigentlich...“ unterbrach ich Peter Tosh`s aus dem Lautsprecher intoniertes `Get Up, Stand Up`.
„Weißt du eigentlich, dass meine erste Erinnerung als kleines Kind eine Fahrt nach Stuttgart mit meinen Eltern war, weil es mich damals maßlos erstaunte, dass die Häuser alle völlig zerstört waren. Da standen nur noch Betonskelette. Leer gebrannt und ausgelöscht. Große Gebäude. Viele Gebäude. Gespenstisch war das.
Natürlich wollte ich von meinen Eltern wissen warum das alles so kaputt war.
„Vom Krieg“ murmelte mein Vater knapp und damit war das Thema beendet. Vater wollte nicht über den Krieg reden, den er nur schwer verletzt überlebte. Ein Tiefflieger hatte ihn von seinem Motorrad geschossen, auf dem er als Melder an irgendeiner Front unterwegs war. Dreizehn Monate Lazarettaufenthalt und ein lebenslanges Humpeln waren das Resultat. Selbiges erfuhr ich aber alles sehr viel später. Ebenso, dass Stuttgart 53 Luftangriffe mit 4.500 Toten durchleiden musste.
Bei meinem ersten Ausflug mit meinen Eltern in die Schwabenmetropole war mir das Wort `Krieg` noch völlig unbekannt. Aber die zerstörten Häuser blieben mir bis heute im Gedächtnis.
Kurt wollte etwas sagen, musste aber erst ein riskantes Überholmanöver beenden. Mit lautlos aufgesperrten Mund absolvierte er das recht gekonnt. Trotzdem geriet ich ein wenig ins Schwitzen.
„Ja ja“ begann der neben mir sitzende Verkehrsrowdy einen seiner mir wohlbekannten Monologe.
„Jeder von uns weiß bei einem Weltereignis wo er gerade was gemacht hat, als er es erfuhr. Da haben wir alle ein Super-Langzeitgedächtnis: 11.September, Kennedy Mord, Mondlandung, Mauerfall, Space Shuttle explodierte – und so weiter. Und bei dir ist es auch die Erinnerung an die zerbröselte Stadt, das war ja ebenfalls ein Weltereignis – wenn man es so sehen will“
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