„...dann ist ja der Herr Ackermann ein richtiger Held?“
Mutter nickte bedächtig: „Ja, das ist er und deswegen ist es nicht sehr anständig von euch, wenn ihr diesen tapferen Mann immer so ärgert“.
Jetzt war ich ganz durcheinander. Kupferdächle ein Held! Wer hätte das gedacht!.
Helden sahen für mich anders aus. Jagdflieger oder U-Boot Kapitäne – das waren Helden, so meinte ich. Aber ein Glatzkopf mit Bluthochdruck?
Ich erzählte diese Geschichte auch den anderen Jungs, die ebenfalls nicht schlecht staunten. Langsam aber sicher wuchs der Respekt vor Herrn Ackermann. Wir hatten gelernt, dass die wirklichen Helden nicht unbedingt aussahen wie John Wayne oder Errol Flynn im Kino. Schon gar nicht wie Tarzan.
Irgendwann rief keiner mehr das Wort `Kupferdächle´.
Im Gegenteil.
Wir liefen an Herrn Ackermann vorbei und nickten ihm ein höfliches „Grüß Gott!“ zu. Und unser ehemaliger Feind antwortete freundlich: „Hallo Jungs – schöner Tag heute“. Das sagte er auch wenn es regnete. Etwas seltsam war der Herr Ackermann schon, aber als Lebensretter durfte er das auch sein.
Und wir waren stolz, dass wir einen echten Kriegshelden persönlich kannten.
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KAPITEL 2
„Was soll das heißen, du kennst diesen Mann?“ Kurt runzelte die Stirn, nahm seine Mütze ab und kratzte sich mit dem Kugelschreiber am Kopf.
„Und die Bedeutung von dem komischen Namen `Kupferdächle` bleibt mir auch verschlossen“. Kurt hatte manchmal eine seltsame Ausdrucksweise.
„Der Name kommt von dem roten Kopf“, ich versuchte eine plausible Erklärung abzugeben, aber Kurt unterbrach mich – wie immer wenn ich etwas mehr wusste wie er.
„Roter Kopf? Welcher rote Kopf? Wie wir eben gesehen haben war der Kopf des alten Mannes totenbleich – im wahrsten Sinne des Wortes!“.
Kurt verdrehte die Augen nach oben.
„Erkläre mir das bitte einmal“.
„Ich gab ein lang gezogenes „Jaaa“ von mir.
„Aber lass uns dazu nen Kaffee trinken, ok?“
Kurt nickte zustimmend, „hier haben wir im Moment ohnehin nichts mehr zu tun“.
Nach kurzer Überlegung schlug ich ein Café am Marktplatz vor, mit dem Auto nur etwa zehn Minuten entfernt.
„Das hat doch erst vor ein paar Tagen aufgemacht – ich war da noch nicht“ meinte Kurt, drehte das Schild seiner roten Kappe völlig unpassend nach hinten.
„Ich auch noch nicht“ war meine Antwort, mehr gebrummt als gesprochen.
„Also bis gleich“.
Wir beide gingen zu unseren Autos, wobei ich mich zum wiederholten mal fragte, wozu Kurt einen Geländewagen brauchte, mit dem er immer angeberisch durch die Stadt fuhr.
Das neue Café in der Fußgängerzone war hübsch eingerichtet, auch die Plätze im Freien sahen einladend aus, jedoch der andauernde Nieselregen ließ uns im Inneren Platz nehmen.
Wir bestellten zwei Kaffee, ich schwarz, Kurt mit Milch.
Ein kurzer Blick in meine Geldbörse beruhigte mich, ich hatte genug Geld bei mir.
Kurt sah mich stirnrunzelnd an :“Zum dritten mal!“
Ich verstand nicht: „Was zum dritten mal?“
„Einmal vor Ackermanns Haus, einmal als wir zum Auto gingen und einmal jetzt – du hast in der letzten halben Stunde drei mal in dein Portemonnaie geschaut ob du genug Geld mit hast“.
Kurts Äußerung machte mich verlegen, denn bislang konnte ich meine Kontrollsucht geheim halten - dachte ich wenigstens. Und in die Geldbörse mehrmals schauen war mir neu, das hatte ich noch nie getan. Ob das eine beginnende Verschlimmerung meiner Manie anzeigte?
Ich war verunsichert. Sollte ich Kurt jetzt sagen, dass ihn das einen Dreck angeht – oder sollte ich ihm meine Kontrollsucht beichten?
Die Entscheidung fiel auf Letzteres.
Also erzählte ich meinem Journalistenkollegen von meiner Zwangsstörung und wie sehr meine Psyche darunter manchmal litt.
Kurt hörte mir sehr aufmerksam zu und bestellte sich noch einen Kaffee indem er unhöflich mit den Fingern schnippte und auf die leere Tasse zeigte.
Dann beugte er sich weit zu mir vor, unsere Nasen berührten sich fast und flüsterte geheimnisvoll: „Reinkarnation!“
Trotz dezentem Knoblauchgeruch mit einem Hauch von Kaffee wich ich nicht zurück, sondern atmete Kurt ebenso ins Gesicht: „Haben wir jetzt Rätselstunde, Herr Schlau Schlau?“
Mein Gesprächspartner lehnte sich wieder zurück.
„Viele unserer Marotten, Eigenheiten oder eben auch psychischen Störungen resultieren auf Erlebnissen und Erfahrungen in einem früheren Leben!“
Kurt sah mich abwartend an, Wahrscheinlich wartete er darauf, dass ich jetzt Beifall klatschen würde ob dieser Erkenntnis.
Ich aber nickte nur, sah ihn provozierend an: „Wenn man daran glaubt!“
Mein Kollege setzte ein viel wissendes Lächeln auf.
„Nö, nö, ein früheres Leben ist nachweisbar, mit nur daran ´glauben` ist es alleine nicht getan“.
„Dann weise mir doch mal nach, was oder wer ich in meinem früheren Leben war!“
Meine Antwort fiel ein wenig arrogant aus, aber Kurts leichte Überheblichkeit nervte mich. Ebenso seine Unart den Kaffee zu schlürfen.
„Ich gebe dir nen guten Rat“, Kurt versuchte jetzt die väterliche Tour, „schau mal im Internet nach Seminaren für Reinkarnationstherapie und mach so was mit. Das wird dich eventuell überzeugen und wenn du dann die Ursache deiner Manie erkennst,die vermutlich in einem früheren Leben liegt, wirst du vielleicht deine Kontrollsucht los – das wäre ja nur ein Versuch! – wenn es nicht klappt hast du auch nichts verloren“.
Ich merkte, dass Kurt jetzt dieses Thema beenden wollte und das war mir auch recht.
Wie bestellt klingelte im richtigen Moment mein Handy. Der Chefredakteur von meinem Kriminalmagazin war dran.
„Schon von dem Rentnermord beim Studentenwäldchen gehört?“ fragte er mich mit seiner heiseren Stimme, ohne Begrüßung und ohne einen Hauch von Freundlichkeit.
Betont gefällig trat ich seiner Unhöflichkeit entgegen: „Guten Tag Herr Redakteur, wie geht’s denn so? Gattin und Kinder gesund und wohlauf?“
„Sparen sie sich ihren Zynismus, der ist jetzt fehl am Platze!“ kam es leicht wütend aus dem Handy.
Ich wurde wieder sachlich: „Natürlich bin ich schon an dem Fall dran, aber ich brauche noch ein paar Informationen von der Polizei bevor ich einen Bericht schreiben kann und – ich kannte den Toten, da sind wir der Konkurrenz um einiges voraus“.
„Gut so, weitermachen!“
Ehe ich noch etwas sagen konnte, legte der Herr Chefredakteur auf und sowenig er mich begrüßt hatte, so wenig verabschiedete er sich. Aber das war mir eigentlich egal. So war er eben.
Kurt blickte zur Bedienung und schnippte wieder mit den Fingern.
„Zum dritten Mal“ sagte ich, „du bestellst jetzt zum dritten mal einen Kaffee hast du das aus deinem vorherigen Leben?“.–
Mein eigener Witz brachte mich zum Kichern, obwohl er ja gar nicht so umwerfend war.
Mein Kollege zog die Augenbrauen hoch, aber seine ausgeprägten Stirnfalten konnte man nur wenig erkennen, da er immer noch diese dämliche rote Kappe aufhatte. Verkehrt herum.
„Jetzt leg mal los“ Kurt wurde merklich ungeduldig, „was hat es mit diesem `Kupferdächle`auf sich?“
„Nun ja“, ich begann zögernd zu erzählen, „das ist oder besser gesagt war so eine Sache aus meiner Kindheit.
Mein Blick prüfte Kurts Aufmerksamkeit und ich unterdrückte den Wunsch ihn mit `Rotkäppchen` anzureden. Und so erzählte ich von Herrn Ackermann, seiner Glatze, dem Bluthochdruck,
der Schläge mit der künstlichen Hand, von der Mutprobe und von der Heldenliste, auf der Lukas ganz oben stand, weil er mächtig Hiebe bekommen hatte.
Kurt hörte gespannt zu, ohne mich einmal zu unterbrechen, was ein mir bislang unbekannter Wesenszug an ihm war.
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