Gleich darauf verpasst mir mein schlechtes Gewissen einen eiskalten Guss. Es ist unfair, so über meinen Freund und unsere Beziehung zu denken. Vielleicht lag es ja tatsächlich an mir und er ist an meiner Seite erfroren. So ein Unsinn! Energisch scheuche ich die negativen Gedanken beiseite. Ich bin hierher gekommen, um einen Neuanfang zu wagen, die alten Ängste und Unsicherheiten abzustreifen. Ich werde den Dingen einfach ihren Lauf lassen, schauen was passiert - und dabei diesen Traumtypen vor mir genießen und nehmen, was ich kriegen kann.
„Okay. Wollen wir dann los?“, frage ich betont locker und stehe auf, als Damian mir mit einem „Ja, gern“ zustimmt.
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Der Schlossgarten übertrifft all meine Erwartungen. Wir haben uns für die rückwärtige Anlage entschieden, die im Gegensatz zum strengen englischen Garten vorne, sehr naturbelassen wirkt. Das Wetter meint es gut, hinter den grauen Wolken lugen vereinzelte Sonnenstrahlen hervor.
Der Spaziergang entspannt mich, ich genieße die lockere Atmosphäre, die intime Nähe, die Damian immer wieder inszeniert. Mal streift er meine Hand, legt mir einen Arm um die Schultern oder flüstert mir was ins Ohr. Ohne Scheu erzählen wir aus unserem Leben, von unserer Kindheit und unseren Jobs. Dabei stört es überhaupt nicht, dass wir die profanen Dinge wie Namen oder Herkunft weglassen, das Wesentliche vertrauen wir uns an.
Wir sind nur ungefähr eine Stunde im Garten unterwegs, doch zwischen uns ist eine Vertrautheit entstanden, die mich entfernt an Andreas erinnert. Die erwartete Bitterkeit bleibt jedoch aus, denn ich verstehe endlich, was fehlte. Es sprühten einfach keine Funken in unserer Beziehung, es gab keine Leidenschaft. Bei Damian ist das vollkommen anders, die Nähe zu ihm nur eine Zutat in dem Gefühlscocktail, der mich berauscht zurücklässt.
Jede zufällige Berührung sendet ein erregendes Prickeln in meine Nervenenden, ich stehe nonstop unter Strom. Der Hunger, diesen tollen Mann hinter eine Hecke zu zerren und ihn leidenschaftlich abzuknutschen, konkurriert mit dem Wunsch, es langsam anzugehen, zu genießen und nichts zu überstürzen.
Und deshalb unterbreite ich Damian auch den Vorschlag, es mit dem Tennisspielen zu versuchen. Mehr wie blamieren geht nicht, und wenn ich meinen Begleiter richtig einschätze, wird er mich nicht auslachen - zumindest nicht allzu sehr. Er ist jedenfalls begeistert von meiner Idee und raunt mir ins Ohr: „Dann zieh dich mal warm an, ich bin ein strenger Lehrmeister.“
Er grinst diabolisch und ich schaudere. Worauf habe ich mich da bloß eingelassen?
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Der gesamte Tag war eine Offenbarung. Ich kann mich gar nicht mehr erinnern, wann ich das letzte Mal so viel Spaß hatte. Tennis war allerdings eine Katastrophe. Damians Nähe brachte mich so komplett aus der Fassung, dass ich die einfachsten Instruktionen nur nach mehrmaliger Ansage kapierte. Ich verdanke es nur seiner Geduld, dass ich mich beim anschließenden Spiel nicht total blamierte. Wiederholen tun wir es morgen dennoch. Allein der Anblick dieses Mannes in Shorts ist die Schinderei und den Spott der Zuschauer wert.
Und so großartig der Tag auch war, nun stehe ich wieder vor demselben Problem wie heute Morgen. Nervöse Unruhe hat mich erneut fest im Griff. Dabei ist nur ein gemeinsames Abendessen geplant - sowie am vergangenen Abend. Der Unterschied ist der intime Rahmen, in dem Separee, da wo eventuell alles andere passieren wird, aber ... Das Klopfen des Zimmerservice reißt mich aus den dummen Gedanken.
„Wollen wir vor dem Kamin essen?“
Damian rollt den Servierwagen heran und deutet auf das ausladende Fell vor dem gemütlichen flackernden Feuer. „Ja, das wäre nett.“ Innerlich schlage ich mir vor die Stirn. Nett? Echt jetzt, Jan? Nett ist die kleine Schwester von gewöhnlich und das hier ist extraordinär, traumhaft, gewaltig, beeindruckend ... und ich verliere gerade wirklich meine Nerven. Um mich abzulenken, greife ich nach einem Tischtuch, das auf der unteren Platte des Wagens liegt.
Ich schiebe das Lammfell etwas zurück und breite die Tischdecke über die Terrakottafliesen. Wir verteilen die immense Menge an Delikatessen darauf, holen zusätzlich alle verfügbaren Kissen aus dem Separee zusammen und bauen daraus ein kuscheliges Nest. „Na, dann vernichten wir mal diese Köstlichkeiten.“ Damian greift nach meiner Hand, lässt sich in die Kissenburg fallen und reißt mich mit hinunter. Lachend purzeln wir übereinander auf unser ausgebreitetes Picknick.
Die Flasche Wein können wir gerade noch retten, doch ein Körbchen mit Ciabattahäppchen segelt über den Boden. „Oh nein. Das ist meine Lieblingssorte.“ Damian zieht eine herzallerliebste Schnute und hechtet dem wegrollenden Fingerfood hinterher. Wir verfrachten es einigermaßen heil zurück in den Korb und eine Idee formt sich in meinem Kopf. Schluss mit Nervosität und Schüchternheit.
Ich hebe meinen Arm, halte dem lachenden Mann vor mir das Brotstück an den verlockenden Mund. „Dann probier mal.“ Damians Augen unter der Maske funkeln, er gehorcht. Die weichen Lippen teilen sich und ich schiebe das Häppchen dazwischen. Eine Zungenspitze flattert über meine Finger, sendet elektrische Blitze in alle Synapsen. Meine Mitte kribbelt angenehm.
Damian kaut und stöhnt genüsslich. „Mhm. Absolut köstlich.“ Ich beobachte die Bewegungen der vollen roten Lippen, sehe die winzigen Muskeln, die in den Wangen arbeiten, dann in seinem Hals, als er schluckt. Fasziniert starre ich auf den zuckenden Adamsapfel, bin wie hypnotisiert. Das Prickeln in meinem Unterleib wird stärker und ich bin froh, dass ich nur meinen Bademantel trage. Er gibt mir gleichzeitig die nötige Bewegungsfreiheit und kaschiert fürs Erste meine offensichtliche Erregung.
Oh Himmel, das ist irrwitzig. Ich werde hart, weil ich einen anderen Mann füttere. Wahnsinn! Ich greife blind zu einer weiteren Vorspeise, halte sie an seinen Mund und mit einem Lächeln akzeptiert mein Gegenüber auch diese. Dann greift er nach meiner Hand, hält sie fest. „Ich bin dran.“ Die Iriden glitzern hinter der Maske.
Damian wählt allerdings keinen Appetizer aus, sondern taucht einen Finger in ein Schälchen mit Honig. Er streicht ihn sachte über meine Lippen und da sind sie wieder, die tanzenden Schmetterlinge. Das Kribbeln verstärkt sich zu einem Beben, das meinen gesamten Körper ergreift. Im Kopf bildet sich eine seltsame Leichtigkeit, als sei er mit watteweichen Wölkchen gefüllt. Die Verwirrung kommt daher gänzlich unerwartet - und mit ihr das schlechte Gewissen.
Mit Andreas fühlte ich mich nie so losgelöst, es gab keine Schmetterlinge, keine prickelnden Gefühle. Ich weiche zurück, lecke den Honig ab, vermeide es Damian anzusehen. „Äh, wie wäre es mit einem Glas Wein?“, lenke ich ab und greife nach der Rotweinflasche, um sie öffnen.
„Gern.“ Mein Gegenüber klingt heiser, doch an seinem Ton kann ich nicht erkennen, was er gerade denkt. Ich schenke uns ein und danach widmen wir uns zunächst schweigend dem Essen. Die Stimmung sackt immer mehr in den Keller, ich könnte mich ohrfeigen. Es ist schließlich Damian, der die unangenehme Stille bricht, indem er mich fragt, was wir in den nächsten Tagen unternehmen sollen. Er möchte unbedingt zum Hafen, was mir ebenfalls gefällt. Beim Vorschlag auszureiten wird mir etwas mulmig, ich traue mich jedoch nicht ihm zu gestehen, dass ich noch nie auf einem Pferd gesessen hab. Aber egal. Ich bin hier um neue Erfahrungen zu sammeln. Trotzdem ...
„Das klingt nach Spaß“, bringe ich leicht gequält hervor. Ja, sehr intelligent, Jan. Das glaubt er dir sofort. Ich verdrehe die Augen, was die Maske zu meinem Glück verbirgt. Damian fängt haltlos an zu kichern. „So wie du Spaß betonst, bekomme ich eher den Eindruck, als stünde dir der Gang zum Schafott bevor. Sag mal, kann es sein, dass du noch nie geritten bist?“
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