Knurrend rutsche ich an den Bettrand. Ich muss hier raus. Keine Sekunde bleibe ich länger in diesem Separee, in dem Raum, der mir etwas vorgegaukelt hat, das überhaupt nicht vorhanden ist. Beim Aufstehen fällt mein Blick auf ein Stück Papier auf dem Nachttisch. Ein winziger Hoffnungsstrahl stiehlt sich durch die dunklen Wolken meiner gedrückten Stimmung. Mit bebenden Fingern greife ich danach.
‚Hey Baby,
Du sahst so süß aus, wie du geschlafen hast, ich hab’s einfach
nicht über mich gebracht, dich zu wecken. Der Hunger hat mich
aus deinen Armen getrieben. Ich warte auf dich auf der Terrasse.
Dein Damian‘
Die Zeilen verschwimmen vor meinen Augen, ich lese sie wieder und wieder. Es ist keine überschwängliche Liebeserklärung, aber ein Anfang. Mit neuem Elan springe ich auf, husche in meine Suite, wo ich rasch dusche, in rasender Eile in frische Kleidung schlüpfe und dann einen Moment vor dem Spiegel verharre.
Die Maske sitzt erneut fest auf ihrem Platz, ihr Anblick ein immer größer werdender Störfaktor. Sie gibt mir das Gefühl, mich einzuschränken, zu hemmen, obwohl doch gerade die Anonymität die Illusion von Freiheit vermitteln soll.
Energisch schüttel ich die depressiven Gedanken weg. Ich bin zum ersten Mal wirklich verliebt und werde alles, was dazugehört bis zum letzten Tropfen auskosten - und später zuhause meine Wunden lecken. Der Urlaub ist noch nicht vorbei.
***
Nach einem ähnlich üppigen Frühstück wie gestern, spazieren wir durch einen winzigen Teil des Labyrinths, geben jedoch rasch auf, da wir beide null Orientierungssinn besitzen. „Okay. Bloß raus hier“, lacht Damian. „Ich weiß ja nicht, wie es dir geht, aber ich möchte in dieser Todesfalle auf keinen Fall verloren gehen.“
„Todesfalle?“, kichere ich. „Das ist ein Irrgarten. Doch du hast wahrscheinlich recht. Ich verlaufe mich ja schon in dem Kaff, wo ich herkomme, wenn ich es wage, mal querfeldein zu laufen. Ich sag dir, Abkürzungen sind für mich nicht empfehlenswert.“ „Tja, was wir beide brauchen, ist ein Navi für Fußgänger“, flachst mein Begleiter.
„Oder ein Kompass, damit wir einander immer wiederfinden. Falls ich mir hier drin verirre, dann wenigstens nicht allein.“ „Klingt nach einem Plan“, stimmt mir Damian zu.
Als wir gefühlte Stunden später endlich den Ausgang durchschreiten, schüttet es plötzlich, wie aus Eimern und ich fröstel. Mein Partner greift nach meiner Hand. „Ab ins Trockene, Baby. Ich weiß jetzt genau das Richtige um uns aufzuwärmen.“ „Ach, wirklich?“, will ich grinsend wissen, als wir über den Rasen fetzen. „Aber natürlich. Die heißen Bäder unten im Spa sollen legendär sein.“
Damian möchte mit mir in die Sauna? Oh ha. Na ja, es ist kein direktes Dampfbad, sondern tatsächlich ein Bad nach japanischem Vorbild. In der Infobroschüre habe ich einiges dazu gelesen und das klang echt interessant. Nur die Vorstellung, nackt mit völlig Fremden in den Pool zu steigen, ist mir etwas peinlich. Bin nicht so der Typ für FKK. Andererseits jagt mir der Gedanke an einen splitternackten Damian den Puls in die Höhe.
„Okay. Das ist ein Plan.“ Atemlos erreichen wir unsere Zimmer, betreten wie selbstverständlich zusammen das Separee. „Laut Hausordnung ist es gestattet, im Bademantel dort hinunterzugehen. Oder möchtest du dich lieber im Spa umziehen?“ „Bademantel“, entscheide ich, denn die feuchte Kleidung klebt mir mittlerweile unangenehm am Leib. „Unten können wir ja auch heiß duschen.“
„Einverstanden. In zehn Minuten wieder hier?“ Ich nicke, bekomme einen schnellen Kuss aufgedrückt und Damian huscht in seine Suite. Dabei bemerke ich, dass er die Verbindungstür nicht abgeschlossen hatte. Er befürchtet wohl nicht, dass ich nachts in sein Zimmer schleiche. Oder hofft er genau darauf?
Grinsend schlüpfe ich in mein Eigenes, zerre mir im Bad die nassen Klamotten runter, rubbel mich halbherzig ab und streife den flauschigen Frotteemantel über. Dann nehme ich die Maske ab, reibe mein Gesicht trocken. Hm, müsste ich die jetzt nicht eigentlich trocknen lassen? Das wäre ziemlich doof. Oder nein, Moment. Laut Heather ist das Material wasserfest und tatsächlich fühlt sich der Stoff überhaupt nicht feucht an. Probeweise ziehe ich sie wieder an. Ich merke keinen Unterschied zu sonst, scheint also wirklich Wasser abweisend zu sein.
Anders könnte das ja auch gar nicht funktionieren. Das komplette Spa ist ja dann nutzlos, da ohne Maske die vorgeschriebene Anonymität wegfällt. Dennoch wächst die Verlockung, Damian ohne diese Verkleidung zu sehen immer weiter in mir an. Seufzend suche ich im Schlafzimmer nach meinen Flip Flops, als es an der Verbindungstür klopft. „Mach mal hinne, mir frieren schon die Zehen ab. „Jaja, ich komme gleich. Muss nur noch ... Ah, da sind sie ja.“
In die Latschen rein, Keycard und Schlüssel in die Tasche, fertig.
***
Wir steigen im Untergeschoss aus dem Fahrstuhl und treten zu dem Bereich, wo wir durch ein Schild aufgefordert werden, die bereitgestellten Sandalen zu benutzen. Unsere eigenen Badeschlappen kommen auf ein Gitter daneben. Das ist im Moment leer, was mich sehr freut, damit bleibt mir die Peinlichkeit erspart, mit Unbekannten nackt zu baden - außer mit meinem Begleiter. Doch der fühlt sich immer weniger fremd an, eher wie der Mann, an den ich mein Herz verloren habe, wobei mir die tanzenden Schmetterlinge im Bauch eifrig zustimmen.
Neugierig schaue ich mich um, als wir den Duschbereich betreten. Damian geht zielstrebig auf die letzte gemauerte Nische am Ende des Raumes zu. „Hier sind wir wohl ziemlich gut geschützt, sollten andere Gäste kommen.“ „Stimmt. Die meisten werden eher die vorderen Kabinen nehmen.“ Wir schlüpfen aus unseren Slippern und hängen die Bademäntel an die dafür vorgesehenen Haken.
Beim Umdrehen erwische ich Damian, der mich anstarrt. Durch die Maske erkenne ich die Bewunderung in den funkelnden Iriden, die mich von Kopf bis zu den Zehen studieren. Wären die Augen Hände, würde ich nun am ganzen Körper gestreichelt werden. Nun, das Gefühl beruht auf Gegenseitigkeit. Wir sind zwar beide keine Supermänner, müssen uns jedoch keineswegs verstecken.
„Hm, wie fangen wir das jetzt an?“ Damian schaut sinnend auf die verschiedenen Brausen, die zur Verfügung stehen. „Ich weiß nicht, wie es dir geht, aber ich glaube, ich verzichte auf weiteres spritzendes Nass von oben, solange ich die Maske trage. Du auch?“
„Oh ja, eine Dusche von oben reicht mir heute als Versuch, wie wasserfest das Teil tatsächlich ist“, schmunzle ich. Ich greife eine der zwei Handbrausen, stelle die Temperatur ein und wende mich meiner Begleitung zu. „Ich möchte dich gern waschen. Darf ich?“ „Mhm, das klingt nach Verwöhnprogramm. Unter der Voraussetzung, dass ich mich revanchieren kann.“
Lächelnd nicke ich und ziehe Damian dichter zu mir. Ich brause ihn ab, seife mit gespreizten Fingern den geschmeidigen Leib ein, genieße das Gefühl der glatten nassen Haut, die Festigkeit der Muskeln. Wassertropfen perlen an diesen hinab, erwecken in mir den Wunsch dem Pfad mit der Zunge zu folgen. Doch ich beherrsche mich. Ein kurzes Stelldichein unter der Dusche ist nicht das, was mir vorschwebt. Ich beeile mich deshalb und will mich entgegen unserer Abmachung rasch selbst abduschen, da nimmt er mir die Brause bereits aus der Hand.
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