Heather tritt auf mich zu, umfasst meinen Ellbogen und führt mich aus dem Salon. „Das glaube ich nicht, John. In jedem von uns steckt irgendwo ein Held. Es sind manchmal nur Kleinigkeiten, die uns oder die Welt zum Besseren verändern können. Ich wünsche Ihnen jedenfalls einen traumhaften Aufenthalt und dass Ihre Sehnsüchte sich erfüllen.“
Draußen erwartet mich George an der Limousine und öffnet bereits die Autotür, als wir die Treppe hinuntersteigen. „George fährt Sie zum Haupthaus, wo Sie normal einchecken und die Keycard zu Ihrer Suite bekommen. Ihre Begleitung für die Woche ist ebenfalls schon eingetroffen. Damian würde sie gerne gegen 22.00 Uhr in der Bar treffen - für ein erstes Kennenlernen und einen Mitternachtssnack. Es steht Ihnen natürlich frei, die Einladung abzulehnen.“
Meine Lethargie wird von Aufregung abgelöst. Wie er wohl sein mag? Ob das Ausfüllen des Fragebogens wirklich so etwas wie den perfekten Partner hervorzaubern kann? Na ja, ich werde es ja bald herausfinden. „Nun dann, John, wir sehen uns in einer Woche wieder. Viel Vergnügen!“
„Vielen Dank, Heather. Auf Wiedersehen.“ Ich steige mit klopfendem Herzen in die wartende Limousine und meine Gedanken eilen mir bereits weit voraus.
***
Ich verharre einige Sekunden am Eingang der schummrigen Bar, sortiere das Chaos in meinem Kopf. Mein Magen flattert, mein Herz ebenso und ich wische bestimmt schon zum hundertsten Mal meine schweißfeuchten Hände an meiner hellen Leinenhose ab.
Bin ich passend angezogen? Ob ich ihm gefallen werde? Ich bin zwar kein hässlicher Vogel, aber ein Modeltyp auch nicht. Ich halte mich eher für einen Normalo, niemanden, für den man sich auf der Straße umdreht. Energisch drücke ich den Ausknopf für die Abertausend Fragen meines Gehirns, die mich nur verwirren.
Dank der Maske, mit der ich mich wie eine völlig andere Person fühle und die wohl meine Durchschnittlichkeit kaschieren wird, spüre ich frisches Selbstvertrauen durch meine Adern pumpen. Auf in den Kampf!
Mann bin ich dramatisch! Es ist ein erstes Date, Jan, nicht die Schlacht von Waterloo. Kopfschüttelnd betrete ich nun die Bar, die mit einer ansprechenden, gediegenen Atmosphäre punktet. Erleichtert stelle ich fest, dass neben einigen Herren im feinen Anzug durchaus auch saloppe Kleidung zu sehen ist, vereinzelt sogar Jeans. Gut, dann herrscht hier wenigstens kein Dresscode, denn edler Zwirn und besonders Krawatten sind mir ein Gräuel.
Ich trete an das Empfangspult. „Guten Abend, Sir. Haben Sie einen Tisch reserviert oder werden Sie erwartet?“ Ein äußerst attraktiver Mann in meinem Alter lächelt mich an. „Ich werde erwartet.“ Ich muss mich räuspern. „Von Damian.“
Der Concierge schaut ins Gästebuch. „Ah ja. Für 22.00 Uhr, korrekt?“ „Ja.“ „Frances? Führen Sie bitte den Gentleman zu Tisch 17.“ Eine elegante Rothaarige nickt mir freundlich zu und ich folge ihr durch die gut besuchte Bar. Vielfältiges Sprachengewirr dringt an meine Ohren, es scheint wirklich sehr international hier zu sein. Die Gäste sind leicht vom Personal zu unterscheiden, da sie alle die gleichen Masken tragen. Eine unwirkliche Atmosphäre, die jedoch auch einen gewissen Reiz ausübt, dem ich mich nicht entziehen kann.
Diesem Ambiente ist es zu verdanken, dass ich wesentlich entspannter bin und zuversichtlich der Begegnung mit Damian entgegenblicke. Ein ganz in Schwarz gekleideter Mann erhebt sich, als wir auf ihn zustreben. Mein Atem stockt, mein Mund wird staubtrocken. Er ist ... Oh Gott, mir fehlen die Worte.
Ungefähr so groß wie ich, gleiche Statur, von dem, was ich unter dem gut sitzenden Hemd erkenne. Rabenschwarzes Haar, das in weichen Wellen auf den Kragen desselben fällt. Seine Haut ist im Kontrast dazu blass, ja beinahe durchscheinend, aber das mag an der Beleuchtung liegen. Hinter der Maske, die kantigen Züge perfekt akzentuiert, blitzen helle Iriden, vielleicht blau oder grün - ein weiterer Gegensatz zu dem dunklen Haarschopf.
„Sir, Ihre Begleitung. Ich schicke sofort jemanden mit der Karte.“ „Vielen Dank, Frances.“ Eine raue Stimme, sie kratzt angenehm über meine Haut. Dann schaut er mich direkt an. Fasziniert starre ich auf volle rote Lippen, die sich nun erneut öffnen.
„Hi, ich bin Damian, der mit dir kompatible Idiot.“ Ein freches Grinsen spielt um die Mundwinkel und mein Lampenfieber verpufft schlagartig. Ein befreites Lachen bricht aus mir heraus und ich strecke ihm meine Hand entgegen, die er mit festem Druck ergreift. „Ich bin John.“
„Freut mich, John. Sag mal, ohne dir jetzt gleich zu sehr auf die Pelle zu rücken, du bist auch Deutscher, oder nicht?“ „Äh ja“, verwirrt falle ich sofort in meine Muttersprache zurück. „Oh gut. Die Aussicht eine ganze Woche auf Englisch zu radebrechen hat mich ehrlich gesagt mit ordentlich Grauen erfüllt.“ Verschmitzt grinst er mich an, rückt dann formvollendet den Stuhl für mich zurecht, ehe er mir gegenüber Platz nimmt.
„Tja, da kann ich nur zustimmen. Mein Schulenglisch ist ziemlich eingerostet und im Job brauche ich es nur selten“, stimme ich ihm entspannt zu. „Na ja, ist bei mir zwar nicht so, aber beruflich ist was anderes, als wenn man sich privat kennenlernen will.“
Er sieht mich einen Moment aufmerksam an, seine Hand legt sich wie zufällig auf meine, mit der ich unbewusst am Besteck rumspiele. Sie ist warm, übt einen angenehmen Druck aus und meine Haut fängt an zu prickeln. Mein gerade erst zur Ruhe gekommener Puls rast schon wieder in schwindelerregende Höhen. Und als Damian sich vorbeugt, schließe ich instinktiv und erwartungsvoll die Lider. Atem fächert über mein Gesicht, meinen Mund speziell und ich bebe.
Mein Gott, das ist mir noch nie passiert. Was ist das, was da in meinem Magen rumort? Ein dezentes Räuspern dringt durch das Rauschen in meinen Ohren, ich reiße die Augen auf. Damian lässt mich los, schaut etwas unwillig zu dem Kellner, der uns höflich die Karte reicht.
Ich schaue blind auf das Angebot, das Blut braust mir in den Ohren, mir ist heiß und kalt zugleich. Was ich bestelle und später esse, kriege ich kaum mit. Mein Magen probt anscheinend erneut den Aufstand, ich schlucke krampfhaft an den letzten Bissen. Damians Fragen beantworte ich ziemlich einsilbig, was ihn nicht zu stören scheint.
Nach dem dritten Glas Wein fühle ich mich leicht wie eine Feder und so beschwingt wie schon ewig nicht. Berauscht vom Alkohol analysiere ich zum ersten Mal ohne Furcht meine durcheinanderwirbelnden Gefühle und kann auch endlich das Rumoren in meinen Eingeweiden richtig einordnen. Mir ist keineswegs übel, zumindest nicht im herkömmlichen Sinne. Nein, dort hat eindeutig ein Schmetterlingsschwarm das Regiment übernommen.
Ich ertappe mich dabei, an Damians Lippen zu hängen, jedem Wort zu lauschen und seine Präsenz zu bewundern, alle Details in mich aufzusaugen. Wir unterhalten uns nur über Nichtigkeiten, berühren keine ernsthaften Themen und mehr als einmal erregen wir die Aufmerksamkeit anderer Gäste, weil wir uns fast kugeln vor Lachen. Unser Humor ist sich sehr ähnlich: sarkastisch und beißend, aber dennoch nie verletzend.
Der Abend schreitet viel zu rasch voran und irgendwann kann ich das diskrete Gähnen nicht mehr verstecken. Der lange Tag holt mich mit Wucht ein, ich habe das Gefühl noch gleich hier am Tisch einzuschlafen. Mit einem untrüglichen Gespür erkennt Damian mein Dilemma. „Okay, ich denke, ich bring dich jetzt mal in die Heia, ehe du mir aus den Latschen kippst. Hattest du zu viel Wein?“, fragt er amüsiert.
„Nee“, nuschle ich. „War nur ein langer Tag. Ich bin nicht so der Urlauber und der Flug, obwohl relativ kurz, hat mich doch sehr geschlaucht.“ „Ach, da bist du nicht allein, ich brauche manchmal mehrere Tage, bis ich richtig angekommen bin.“
Wir stehen auf, wobei ich gefährlich schwanke und mich an der Tischkante abstützen muss. „Ups, es dreht sich alles“, kichere ich. „Hey, vorsichtig.“ Damian reicht mir eine stützende Hand, zieht mich aufrecht und legt den Arm mich. „Eindeutig zu viel Wein“, raunt er mir ins Ohr. Mich schaudert’s und automatisch dränge ich mich dichter an ihn. Ihn so nah zu spüren kommt einer Offenbarung gleich. Ein erdiger männlicher Duft steigt mir in die Nase und ich vergrabe sie in seinem Hals, inhaliere das Aroma ein. Herrlich! Meine Libido schlägt Kapriolen, ich möchte am liebsten sofort über ihn herfallen. Doch mir sind noch genügend Gehirnzellen geblieben, um mich zu erinnern, dass Fummeln in der Öffentlichkeit nicht zu meinen Vorlieben gehört - oder zu Damians.
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