Hyas nickte unglücklich. „Meister, was ist mit Bunias passiert?“
„Sein Geist ist zersprengt“, erklärte Sorbus. „Er benötigt dringend magische Heilkunst, sonst wird er wohl bis an sein Lebensende ohne Verstand und Bewusstsein allen eine Last sein. Diese Hilfe findet er am ehesten in der Hauptstadt bei den Weisen Frauen. – Sei jetzt still, Ero. Dich trifft keine Schuld. Du brauchst dir keine Vorwürfe zu machen.“
Er sah auf Dai-Dai, die bei seinen Worten ängstlich zu ihm hochblickte.
„Du kommst jetzt mit mir. Du hast mir einiges zu erklären.“
Zaghaft folgte Dai-Dai dem alten Magier ins Studierzimmer.
Sorbus hockte sich auf den Tisch und hieß ihr, sich auf den Boden zu setzen.
Lange Zeit schwieg er, und Dai-Dai wartete unruhig auf seine Worte. Sie war sich sicher, dass er sie schwer bestrafen würde.
Schließlich räusperte der Magier sich.
„Hast du eine Vorstellung von dem, was gerade passiert ist?“
Dai-Dai kaute auf ihrer Unterlippe herum. Sie hatte immer noch Angst vor diesem Magier, aber das Entsetzen über Bunias Unglück war ebenso groß. Sie hatte diesen Meisterschüler doch gerne gehabt.
„Ich ... ich weiß nicht genau ...“ piepste sie schließlich. „Es ist ... weil Ero mich angefasst hat.“
„Weil er dich angefasst hat?“ Sorbus runzelte die Stirn. „Wie hat Tmarus das erklärt?“
„Er sagt, ich sei ein ... ein Medium.“
Meister Sorbus starrte das rotgelockte Geschöpf an, das da vor ihm auf dem Boden kauerte.
Ein Medium?! Mit einem Mal wurde ihm alles klar.
„Erzähl mir genau, wie du gelebt hast, wie Tmarus dich gefunden und was er mit dir getan hat“, forderte er sie auf.
Dai-Dai zuckte bei dem barschen Klang seiner Stimme zusammen und sackte noch mehr in sich zusammen. Erst wurde Sorbus ärgerlich, aber dann sah er, was da vor ihm saß: Ein siebenjähriges, verängstigtes Mädchen, das zum Spielball von Mächten geworden war, die es nicht verstand – und zu Recht fürchtete.
Er seufzte und bemühte sich, seiner Stimme einen beruhigenden Klang zu geben.
„Kind, ich weiß, dass dies alles hier verwirrend und beängstigend für dich ist, und ich glaube, Tmarus hat ein ganzes Stück dazu beigetragen, dass Magier dir Angst machen. Aber wenn du wirklich ein Medium bist, und dafür spricht momentan alles, dann ist das für dich und alle anderen nicht ungefährlich. Ich werde mich bemühen, dass diese Gefahr so klein wie möglich gehalten wird, aber dazu brauche ich deine Hilfe, - und dein Vertrauen.“
„Ich wollte es doch nicht“, flüsterte Dai-Dai. „Er ist so nett gewesen, und dann ging alles so schnell.“
„Ich glaube dir“, nickte Meister Sorbus. „Das mit Bunias ist schlimm, aber mit etwas Glück kann ihm geholfen werden. Meine Sorge ist nur, dass Tmarus diese Situation ausnutzen wird, und das muss verhindert werden. Deshalb musst du mir alles erzählen. Ich muss Tmarus Beweggründe kennen lernen, - obwohl ich bereits ahne, wo diese liegen.“
Dai-Dai begriff, dass sie Meister Sorbus vertrauen musste. Immerhin schienen die beiden Magier keine Freunde zu sein, und dieser Sorbus war auf jeden Fall freundlicher als Tmarus. Leise erzählte sie ihre Geschichte. Aber als sie die Gräuel beschreiben wollte, die Tmarus heraufbeschworen hatte, versagte ihr die Stimme. Sorbus stand auf und ergriff ihre kleine Hand.
„Habe keine Furcht, kleine Dai-Dai. Ich werde mir mit deiner Erlaubnis ansehen, was du nicht erzählen kannst.“
Und als Dai-Dai zaghaft nickte, tauchte er in ihren Geist, mühelos wie noch nie in seinem Leben. Alptraumhafte Bilder wirbelten ihm entgegen, Kreaturen, die selbst er noch nie zu Gesicht bekommen hatte. Schaudernd ließ er Dai-Dais Hand los und trat zurück.
Was er gesehen hatte, gefiel ihm ganz und gar nicht.
„Tmarus ist wirklich verrückt“, murmelte er. „Und Verrückte mit seinen Fähigkeiten sind gefährlich.“
Er versank wieder ins Grübeln. Dai-Dai wagte nicht, ihn in seiner Konzentration zu stören.
Als Sorbus schließlich wieder sprach, schreckte sie unwillkürlich zusammen.
„Du bist wirklich ein nicht unerhebliches Problem.“
Zu Dai-Dais Erleichterung klang er nicht böse.
„Einerseits bedarf Bunias dringend der Hilfe Weiser Frauen und die Reise ist lang und nicht ungefährlich. Andererseits stehst du im Zentrum von Tmarus‘ Interesse, und ich glaube, er wird alles daran setzen dich wieder in seine Gewalt zu bekommen. Und das darf ich nicht zulassen. Bleibst du hier, so wird Tmarus dich bekommen. Hyas allein kann ihm nichts entgegensetzen. Bleibe ich hier, so wird Bunias mit Sicherheit sterben. Nehme ich dich aber mit nach Thlandian, so werden wir alle die Zielscheibe von Tmarus sein, und er wird es einfacher haben, deine Kräfte für sich zu nutzen und gegen uns zu richten. Ich kann deinen Geist nicht die ganze Reise über abschirmen. – Du siehst, es ist nicht einfach, die richtige Entscheidung zu treffen.“
Er grübelte weiter vor sich hin.
Nach einiger Zeit meinte er: „Es hilft nichts. Die Reise nach Thlandian muss sein. Und da ich glaube, dass der Rat über dich entscheiden muss, ist es unumgänglich, dass du auch mitziehen musst. Doch vielleicht können wir die Gefahr, die von Tmarus ausgeht, etwas mindern. Dabei wirst du mir helfen müssen.“
Er lächelte Dai-Dai an. „Ich muss zugeben, dass der Gedanke mit einem Medium zu arbeiten, wirklich sehr reizvoll ist. In gewissem Sinne kann ich Tmarus verstehen.“
Als er die aufsteigende Angst in Dai-Dais Augen sah, winkte er sie zu sich heran und hob sie zu sich auf den Tisch. Dai-Dai hockte vor dem alten Magier, die kleinen Hände in den seinen, und wusste nicht was stärker in ihr war: Furcht oder Neugier.
„Ein Medium zu sein ist grundsätzlich keine schlechte Sache“, begann Meister Sorbus und versuchte eine Sprache zu finden, die das Mädchen verstehen konnte. „In dir steckt eine Kraft, die Magie anziehen, bündeln und verstärken kann. Wenn du willst, kannst du dich mit einem Brennglas vergleichen. Du weißt doch, was das ist?“
Dai-Dai nickte heftig. Der alte Dorfschamane hatte ein kleines Brennglas besessen und für alles Mögliche genutzt.
„Gut, so wie ein Brennglas die Sonnenstrahlen verstärkt, so verstärkst du die Magie. Ich hatte leider noch nicht das Vergnügen mit einem Medium zu arbeiten. Solche Menschen sind auf Ruan rar gesät. Es soll aber eine saubere und einfache Sache sein – wenn das Medium mitspielt. Normalerweise sollte es nämlich so sein, dass ein Medium freiwillig mit einem Magier zusammenarbeitet.“
„Aber ich wollte das doch nie“, stieß Dai-Dai hervor. Meister Sorbus nickte und setzte ein beruhigendes Lächeln auf.
„Ich weiß Dai-Dai, und das gereicht Tmarus wahrlich nicht zur Ehre. Aber er hatte auch einfaches Spiel. Bis jetzt hat dir niemand beigebracht, wie du deinen Geist vor ungewolltem Zugriff schützen kannst. Sicher bleibt immer das Risiko der Berührung, dem kann sich ein Medium nie ganz entziehen, aber ... hm ... die Kräfte, die dadurch genutzt werden können, sollten eigentlich gering sein.“
Er betrachtete nachdenklich die kleinen Kinderhände. „Das was gerade passiert ist, hätte demnach nie geschehen dürfen, da Ero keinen Zugriff auf deinen Geist hatte. Vielleicht spielte da ein Faktor mit, den ich noch nicht kenne.“ Oder in dir sitzt eine so große Kraft, dass mir Angst wird, fügte er in Gedanken hinzu. Laut sagte er: „Ich werde jetzt einen kleinen Test machen, um deine Kraft kennen zu lernen. Es wird nicht wehtun.“
Dai-Dai nickte verzagt, doch ihre Angst war mittlerweile nicht mehr so groß wie noch vor kurzem. Meister Sorbus Erklärungen hatten ihr nicht nur geholfen zu verstehen, sie hatten ihr auch gezeigt, dass dieser Magier ehrlich zu ihr war.
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