Meister Sorbus rieb sich nachdenklich den grauen Bart. Das schlechte Gewissen stand der Kleinen buchstäblich im Gesicht geschrieben, und er fragte sich, was sie ihm verheimlichte. Ob es mit den roten Haaren zusammenhing? Er wusste von den Gerüchten um diese Haarfarbe, aber er hatte sich nie intensiv damit beschäftigt. Was zum Dämon wollte Tmarus von ihr? Sorbus kannte den Magier gut genug um zu wissen, dass dieser sich nicht mit Nichtigkeiten aufhielt. Dazu war er zu ehrgeizig und machtbesessen. Ein Faktum, das Sorbus schon immer Sorgen gemacht hatte. Aber dieses Mädchen wirkte harmlos, allenfalls verängstigt, und das konnte man sicherlich auf die Schläge zurückführen, die es erhalten hatte.
Bevor Sorbus eine Entscheidung fällen konnte, stürzte Phaxas ins Zimmer.
„Meister“, keuchte er. „Tmarus steht vor der Tür und verlangt Euch zu sprechen.“
„Tmarus persönlich?“ Meister Sorbus war sichtlich überrascht. „Das ist ja allerhand!“
Nachdenklich blickte er auf Dai-Dai, die alle Farbe aus ihrem Gesicht verloren hatte und sich panisch nach einem Versteck umsah.
Meister Sorbus winkte seine Meisterschüler heran.
„Ihr bleibt mit dem Mädchen hier und schirmt ihren Geist ab. Ich werde mit Tmarus reden.“
Langsam stieg Sorbus hinter Phaxas die Treppe hinunter. Er war neugierig, was Tmarus von sich geben würde – und wie groß sein Interesse an dem Mädchen war.
In dem kleinen Empfangsraum wartete er darauf, dass Phaxas den Magier Tmarus herein führte.
Tmarus trat energischen Schrittes in den Raum und blieb in gebührender Entfernung vor seinem Kollegen stehen. Sorbus wirkte neben ihm wie ein schwacher alter Mann, aber der Eindruck täuschte. Beide wussten voneinander, dass sie sich ebenbürtig waren, und sie waren auf der Hut.
„Was führt dich zu mir, Tmarus“, fragte Sorbus ohne Umschweife. „Es muss etwas Wichtiges sein, dass du freiwillig mein Haus betrittst.“
Tmarus lächelte schief. „Nun werter Kollege, tatsächlich handelt es sich nur um eine Lappalie. Ein Mädchen aus meiner Dienerschaft ist mir entlaufen und deine Schüler haben sie mit sich genommen. Ich weiß nicht, was das dumme Ding für Schauermärchen erzählt hat, aber sie hatte schon immer eine lebhafte Phantasie. Da sie mir gehört, hast du sicher nichts dagegen, wenn ich sie wieder mit mir nehme.“
„Warum ist sie denn fortgelaufen“, fragte Sorbus harmlos. Tmarus winkte ab.
„Sie hat etwas angestellt und dafür Prügel bezogen. Sie ist noch jung und hat noch keinen Sinn für gerechte Strafen.“
„Hm, mir hat sie erzählt, dass du sie gegen den Willen ihrer Mutter mit dir genommen hast. – Ich kann mir nicht helfen, aber das hört sich eher nach Kindesentführung als nach rechtmäßigem Eigentum an.“
Tmarus hielt seinen Zorn nur mühsam unter Kontrolle.
„Sie gehört mir“, beharrte er. „Wenn sie etwas anderes behauptet, dann lügt sie.“
„Nun, selbst wenn das stimmen würde, warum sollte ich sie dir ausliefern? Du bist bekannt dafür, dass du deine Dienerschaft nicht gerade anständig behandelst und das hat noch nie mein Wohlgefallen gefunden. Doch vielleicht sollte ich die Kleine einer Geistesbefragung unterziehen, um die Wahrheit herauszubekommen.“
Das Zucken in Tmarus‘ Gesicht entging ihm nicht. Zu seinem Erstaunen wirkte es eher erschreckt als wütend. Doch wovor fürchtete sich Tmarus? Doch nicht vor ihm?
In Sorbus verdichtete sich immer mehr das Gefühl, dass es besser war Dai-Dai nicht auszuliefern, und das nicht nur aus Mitleid. Er rieb sich den Bart und ließ Tmarus nicht aus den Augen, als er sagte: „Vielleicht ist es sogar angebracht, den großen Magierrat einzuschalten, der ohnehin bald tagt, und ...“
„Ich glaube kaum, dass der große Rat sich für dieses kleine Miststück interessiert“, unterbrach ihn Tmarus. Nun war ihm der Zorn deutlich anzusehen.
„Für das Mädchen vielleicht nicht“, meinte Sorbus nachdenklich, „aber vielleicht für die Behandlung, die du ihr zukommen lässt. Zumindest die Weisen Frauen werden sich sehr dafür interessieren.“
Tmarus wurde um eine Schattierung bleicher. Er begriff, dass es ein Fehler gewesen war, hier persönlich aufzutauchen. Er hätte niemals zeigen dürfen, wie wichtig ihm Dai-Dai war. Wenn er wenigstens ihren Geist hätte aufspüren können, aber obwohl er intensiv danach spürte, konnte er sie nicht fassen. Nur männliche Präsenzen nahm er wahr, und diese waren zum Teil sehr stark und nicht so leicht zu beeinflussen. Sorbus‘ Schüler genossen einen guten Ruf und waren mit Sicherheit in der Lage, Dai-Dai’s Geist abzuschirmen. Somit konnte er nicht auf ihre medialen Kräfte zurückgreifen, und ein Kräftemessen mit Sorbus war ihm ohne diese Hilfe zu riskant.
Wütend über seine Niederlage drehte er sich um und stapfte wortlos aus dem Haus. Er würde Dai-Dai wiederbekommen, das schwor er sich. Jedes Mittel würde ihm dazu recht sein.
Als die Tür hinter ihm ins Schloss gefallen war, atmete Sorbus erleichtert auf.
Die erste Gefahr war abgewendet. Die magischen Bannkreise um diese Magierschule würden jegliche Art magischer Angriffe seitens Tmarus abwehren, da war er sich sicher. Jetzt stellte sich nur die Frage, was an Dai-Dai so wichtig war, dass Tmarus sich persönlich um sie bemühte.
Dai-Dai hockte zwischen den beiden Meisterschülern auf dem Boden und sah Meister Sorbus ängstlich entgegen.
„Ihr könnt ihren Geist freigeben“, forderte dieser die jungen Männer auf. Dann setzte er sich auf seinen Tisch und betrachtete das Mädchen nachdenklich.
„Tmarus ist wirklich außergewöhnlich stark an dir interessiert, Kind. Ich fürchte, dass er es nicht bei diesem Besuch bewenden lassen wird. Wenn ich dir helfen soll, dann musst du ehrlich sein. Also sage mir, warum er hinter dir her ist!“
Dai-Dai schlug die Augen nieder und schwieg.
Sorbus seufzte.
„Nun, ich möchte dich nur ungern zu etwas zwingen, aber in Anbetracht der Tatsache, dass Tmarus ein gefährlicher Gegner ist, sage ich dir gleich, dass ich dich notfalls einer Geistesbefragung unterziehen muss. Aber wir wollen nichts überstürzen. Bunias, führe sie in die Küche und sorge dafür, dass sie zu Essen bekommt. Sie besteht ja nur aus Haut und Knochen. Heute Abend bringe sie wieder zu mir. Dann wird sie mir Rede und Antwort stehen.“
Eine Küche war eine ganz neue Erfahrung für Dai-Dai. Bei Tmarus hatte die dickleibige Köchin ihr jeden Zutritt zur Küche untersagt. Nicht dass das Mädchen darüber traurig gewesen wäre. Die Kochstube war klein, dreckig und ständig entströmte ihr ein unangenehmer Geruch.
Auch Opilio, der Koch von Meister Sorbus, war fettleibig, aber er war nicht so mürrisch und auch nicht so schmierig wie seine Kollegin. Sein Arbeitsbereich war angenehm groß und aufgeräumt, und einem riesigen Kessel auf der Feuerstelle entstieg ein appetitanregender Geruch.
Dai-Dai stopfte folgsam alles Essbare in sich hinein, das Opilio ihr vorsetzte. Zwar war ihre Angst noch nicht abgeklungen, aber der Hunger war stärker.
Bunias und Hyas sahen vergnügt zu. Sie waren froh, dass Meister Sorbus ihr Verhalten nicht weiter getadelt hatte. Inzwischen waren auch die anderen Bewohner des Hauses auf den ungewöhnlichen Besuch aufmerksam geworden. Nach und nach füllte sich der Raum mit neugierigen Jungen. Schließlich wurde es Opilio zu viel und er jagte alle nach draußen. Sie verzogen sich in den großen Schlafsaal und hockten sich in die Mitte des Raumes.
Dai-Dai wurde von allen bestaunt. Neben Bunias und Hyas waren es sechs Lehrlinge im Alter zwischen zehn und achtzehn Jahren. Alle trugen einfache Kutten. Nur ein blauer Stein auf ihrer Schulter zeigte an, dass sie Lehrlinge eines Meistermagiers waren. Atemlos lauschten sie Hyas Erzählung. Zum Schluss waren alle begeistert, dass die beiden Meisterlehrlinge diesem Palio und seinen Söldnern getrotzt hatten.
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