Nach seinem Tod dauerte es sehr lange, bis die überlebenden und weit zerstreuten Brüder und Schwestern wieder zusammenfanden und neue Klöster überall im Königreich errichteten, darunter dieses hier, in dem ihr euch befindet. Der Orden bekam großen Zulauf. Viele Menschen suchten nach all den Schrecken des Bürgerkriegs einen neuen Lebenssinn. Aber dem damaligen Hohen Abt genügte es nicht, einfach so weiterzumachen wie bisher. Er berief eine Klausur ein. Alte und neue Ordensmitglieder berieten viele Wochen und fassten weitreichende Beschlüsse, die die Grundziele des Ordens neu definierten. Die Versammlung zeigte sich einig: Eine so schreckliche und gewaltsame Unterdrückung wie unter Semanius dürfe nie wieder geschehen. Es reiche nicht aus, zu beobachten und zu warnen, sondern man müsse auch eingreifen, um das Schlimmste zu verhindern. Man fand Ordensbrüder und -schwestern mit entsprechenden Fähigkeiten – darunter Magier, Magierinnen und ehemalige Soldaten – und bildete sie zu Kämpfern aus. Sie sollten eingesetzt werden, wann immer die Mächtigen bestimmte Grenzen verletzten, Grenzen, deren Überschreitung in Krieg oder Völkermord münden konnte. Sie waren nicht mit Schwertern und Streitbeilen, sondern mit magischen Waffen ausgerüstet, Waffen, die nicht töteten, sondern die Gegner nur kampfunfähig machten und entwaffneten.
Die Schwarzen Kämpfer haben so manchen Kampf gefochten, manchen Krieg verhindert, manchen Tyrannen gestürzt. Sie besaßen großen Rückhalt in der Bevölkerung, bis Pridemus Erthon der Fünfte seine Macht von ihnen bedroht sah. Er betrachtete die Herrschenden (und damit sich selbst) als von Wathan Auserwählte, deren Handlungen dem Willen Gottes entsprachen und betrachtete Widerstand gegen sie als Sakrileg. Er verbot den Schwarzen Orden mit der Begründung, er würde Irrlehren verbreiten und die Gewalt verherrlichen. Dabei hatten unsere Brüder und Schwestern die neuen Ordensstatuten gerade geschaffen, um Gewalt als Mittel der Macht zu bekämpfen! Natürlich konnten wir uns nicht dem geistigen Oberhaupt unserer Religion widersetzen. Wir mussten uns fügen. Der Pridemus ließ unsere Klöster auflösen. Ihre Mönche und Nonnen, die unseren Prinzipien abschworen, wurden in andere Orden aufgenommen. Die Schwarzen Kämpfer aber bannte und verjagte man.
Nun, bis in den hohen Norden reicht der Arm des Großtempels nicht mehr, seitdem das Alte Königreich zersplittert ist. Hierhin konnten sich die wenigen Anhänger unseres Ordens und die Kämpfer zurückziehen, und hier hat unsere Bruderschaft überlebt. Unser Wirkungskreis ist nach dem Bann aber verschwindend klein geworden. Doch wir beobachten die Welt und ihre Mächtigen weiter aufmerksam und registrieren die politischen Entwicklungen.
Kommen wir zur nahen Vergangenheit und zur Gegenwart:
Nunoc Baryth war über vier Dekaden unser Abt, ein großer Mann und ein ungewöhnlich begabter Magier. Unter seiner Führung nahm das Kloster viele Novizen mit magischer Begabung auf, die eine Zuflucht vor Verfolgung fanden, denn ihr wisst ja, dass Magier heutzutage nicht sehr beliebt sind.
Vor etwa zwanzig Jahren kam Athlan, ein junger Novize eines anderen Ordens aus Vulcor, zu uns. Er hatte sein magisches Talent erst vor kurzem entdeckt. Doch als er dies dem Abt seines Klosters offenbarte, zwang ihn dieser – ein erbitterter Gegner der Magie, die er für das böse Werk Wathan-Khas hielt – den Orden auf der Stelle zu verlassen. Athlans Vater, der Fürst von Shoala, hatte seinen Sohn zur Ausbildung in den Orden geschickt, und der junge Mann traute sich nicht, mit der Schmach zurückzukehren, dass man ihn hinausgeworfen hatte. Den Grund konnte er Lord Gadennyn nicht nennen, denn dieser wusste nichts von seinen Fähigkeiten und verabscheute Magie. Also begab er sich auf eine ziellose Wanderschaft. Dann hörte Athlan vom Schwarzen Orden, und er vernahm Gerüchte, dass man dort der Magie freundlich und offen gegenüberstehe. Also kam er zu uns und bat um Aufnahme. Nunoc Baryth erkannte schnell das außerordentliche Talent des jungen Mannes, das dem seinen ebenbürtig schien, daher förderte und lehrte er ihn. Doch bald bemerkte er, dass Athlan nichts daran lag, spirituelle Erkenntnis zu erlangen. Ihm ging es einzig darum, die Magie ausüben und seine magischen Fähigkeiten erweitern und vertiefen zu können. Er lernte rasch, und seine Macht wuchs unaufhaltsam. Nunoc bezweifelte nun, ob es richtig gewesen war, den Jungen auszubilden. Er wurde ihm langsam unheimlich. Selbst die Schwarzen Kämpfer hatten Angst vor ihm. Keiner schien ihm mehr gewachsen. Der Abt erinnerte sich an den ganz ähnlichen Werdegang des jungen Semanius, Jahrhunderte zuvor. Natürlich kam ihm da noch nicht in den Sinn, es könne eine Verbindung zwischen dem toten Lordmagier und dem Novizen geben, aber er fürchtete, Athlan könnte ein zweiter Semanius werden. Eines Tages bat er ihn zu einem Gespräch. Er wollte ihm die Geschichte des Lordmagiers als abschreckendes Beispiel für den Missbrauch der Magie erzählen, aber als er dessen Namen nannte, fing der Junge an zu lachen, bis ihm die Tränen die Augen traten. Über Semanius brauchst du mir wirklich nichts zu erzählen , sagte er. Ich weiß mehr über ihn, als du je erfahren wirst!
Nunoc verstand erst nicht, doch dann berichtete Athlan über Details aus dem Leben des Lordmagiers, die nicht einmal ihm bekannt waren. Der Abt glaubte ihm natürlich kein Wort, hielt den jungen Mann für einen Aufschneider. Aber nachdem Athlan ihn verlassen hatte, ging er sofort in die Ordensbibliothek, öffnete eine verborgene magisch versiegelte Tür, von der nur wenige Eingeweihte wussten, und betrat das Geheimarchiv. Dort las er in den Aufzeichnungen des Ordens über Semanius und erfuhr zu seiner Bestürzung, dass alles, was Athlan behauptet hatte, stimmte. Es gab nur zwei Möglichkeiten, wie er davon wissen konnte. Entweder hatte er das Geheimarchiv gefunden und es irgendwie geschafft, die Tür zu öffnen, oder – aber das schien undenkbar!
Nunoc übertrug die Führung des Klosters seinem damaligen Stellvertreter, sattelte sein Pferd und machte sich unter dem Vorwand, Hilfe für einen sehr kranken Klosterbruder zu suchen, auf die lange Reise zu einem anderen Orden am Fluss Thes. Er kannte die Äbtissin. Sie war im Geheimen eine Geistmagierin, eine, die spüren konnte, ob jemand die Wahrheit sprach oder log. Er bat sie um Hilfe, und sie ritt mit ihm. Nach vielen Wochen trafen sie wieder hier ein. Die Äbtissin gab sich als Heilerin aus, die gekommen war, um den kranken Mönch zu pflegen. Tatsächlich verstand sie einiges von der Heilkunst, doch der wahre Grund ihrer Anwesenheit bestand natürlich darin herauszufinden, was der junge Athlan im Schilde führte. Sie suchte sein Vertrauen, und der Junge fühlte sich trotz des Altersunterschieds von fünfzehn Jahren zu der hübschen Frau hingezogen. Sie unterhielten sich oft, und Athlan erzählte ihr einiges von dem, was er schon Nunoc Baryth berichtet hatte, aber darüber hinaus viel mehr, denn sie konnte die Menschen mit ihrer Gabe zum Reden bringen.
Athlan hatte nicht gelogen, berichtete sie unserem Abt: Er war wirklich der Sohn und Erbe des koridreanischen Fürsten Lord Gadennyn, der ihn zur Ausbildung in den hohen Norden geschickt hatte. Es stimmte auch, dass der Junge zuerst in einem anderen Kloster gelebt hatte und man ihn von dort fortjagte, nachdem er sein magisches Talent offenbart hatte. Und sie bestätigte Nunoc Baryths furchtbaren Verdacht, dass sich der junge Mann für den wiedergeborenen Semanius hielt. Athlan hatte es ganz offen zugegeben. Aber es gab einen Punkt, an dem er verschlossen wie eine Auster blieb, nämlich, als ihn die Frau fragte, wann er es entdeckt habe und wie ihm seine zweite Persönlichkeit bewusst geworden sei. Selbst mit ihren außergewöhnlichen Fähigkeiten konnte sie es ihm nicht entlocken. Athlan hatte sich sofort misstrauisch gezeigt, als sie darüber sprach, als ob sie ihm mit diesem Wissen die Identität und die Macht Semanius’ hätte rauben können. Der junge Mann verbarg etwas vor ihr.
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