Bedrückt erhob Traigar sich und wankte zum Fenster. Von hier aus konnte er in den Hof des Klosters hinabschauen. Ein Schreck durchfuhr ihn, als er einige seiner Gefährten dort unten erblickte. Sie saßen gefesselt auf dem gepflasterten Boden, und zwei in Schwarz gekleidete und mit Kampfstäben bewaffnete Männer bewachten sie. Er entdeckte Spin, Boc, Cora und Dremion. Von Winger und Gother keine Spur. Sind sie vielleicht entkommen? Hoffentlich, dachte er.
Traigar trat zur Tür. Er musste zu seinen Gefährten, ihnen das Unfassbare erklären, seinen furchtbaren Fehler gestehen. Ohne Hoffnung drückte er die Klinke nieder und fand den Ausgang zu seinem Erstaunen unverschlossen. Draußen erstreckte sich ein kurzer Flur mit einigen weiteren Türen, der in ein Treppenhaus mündete. Er folgte den Stufen hinab in eine Halle, öffnete die Pforte zum Hof und trat hinaus. Die Sonne stand im Südosten - Vormittag. Er musste einen ganzen Tag und eine Nacht geschlafen haben! Hatten ihm die Mönche etwas eingeflößt? Langsam schlurfte er zu den Gefangenen in der Mitte des Hofs. Cora entdeckte ihn als Erste und stieß einen Ruf der Überraschung aus, durch den die Wächter alarmiert wurden. Doch sie stürzten sich nicht wie erwartet auf Traigar, um ihn wieder festzunehmen. Stattdessen entfernte sich einer der Mönche und verschwand im Klosterturm.
Traigar erreichte die Freunde, die ihn bestürzt anblickten. Sie schienen nicht zu wissen, ob sie sich freuen sollten, ihn unverletzt und frei zu sehen, oder sich um ihn sorgen sollten, weil er so unendlich traurig wirkte.
„Ich …“, setzte er an, doch Spin unterbrach ihn.
„Ich weiß, Traigar. Ich habe alles gesehen. Du hast Semanius getötet.“
„Du weißt gar nichts. Nicht Semanius!“ Die Stimme des jungen Magiers brach fast. „Nunoc Baryth war ein großer und verdienstvoller Mann. Die Welt ist viel ärmer ohne ihn. Ich habe einen Unschuldigen getötet. Doch das ist noch nicht das Schlimmste: Der wahre Semanius ist …“
„Lord Gadennyn!“, unterbrach ihn eine Stimme in seinem Rücken in fast akzentfreiem Koridreanisch. Gormen Helath, der neue Führer des Ordens, trat neben ihn.
Er musterte die Gefangenen, die nicht zu begreifen schienen, was der große, schlanke Mann ihnen da erzählte. Doch der ließ ihnen keine Zeit, das Unvorstellbare zu verstehen.
„Euer Herr, der Lord von Shoala, hat euch an der Nase herumgeführt. Immerhin sei euch eines zu Gute gehalten: Ihr wusstet nicht, was ihr tatet. Mit einer Ausnahme: Gother hat gestanden, dass er Gadennyns Absichten und dessen wahre Identität als Einziger kannte.
Wir haben lange darüber nachgedacht, wie wir mit euch verfahren sollen. Viele von uns wollten euch hart bestrafen, denn das Unheil, das ihr angerichtet habt, ist groß. Vielleicht gelingt es Semanius Dank eurer Hilfe jetzt, die Welt ins Verderben zu stürzen. Doch ich messe mir einige Menschenkenntnis zu und bin mir sicher, Traigar bereut seine Tat und will sie wiedergutmachen. Ich gebe auch euch die Gelegenheit dazu, wenn ihr dem Orden bedingungslose Treue schwört. Ich lasse euch nun allein, damit ihr darüber nachdenken könnt. In zwei Stunden kehre ich zurück und erwarte eure Antwort.“
Diese beiden Stunden zählten für die Gefährten zu den schlimmsten ihres Lebens. Als ihnen ins Bewusstsein drang, was sie angerichtet hatten und in welchem Ausmaß Gadennyn ihre Loyalität missbraucht hatte, versanken sie zunächst in tiefe Trübsal, stierten auf den Boden und wälzten dunkle Gedanken. Irgendwann rief Cora sie dazu auf, miteinander zu reden. Aber sie sprachen nicht über das, was vor ihnen lag, sondern über die Vergangenheit, über verpasste Chancen, suchten Gründe für ihr Verhalten, Ausreden und Entschuldigungen. Sie verfluchten Gadennyn und Gother. Vor allem Dremion fühlte sich von seinem Vorgesetzten tief enttäuscht.
Traigar beteiligte sich nicht an dem Gespräch. Er grübelte und machte sich heftige Vorwürfe. Wenn jemand aus ihrer Gemeinschaft neben dem verräterischen Hauptmann Schuld trug, dann er selbst. Seine Freunde hatten ihn auf dieser Mission um seinetwillen begleitet, ihm vertraut. Traigar hätte Gother besser kennen müssen als sie, ja selbst besser als Dremion, dessen Untergebener. Der junge Magier hatte sich von dem Hauptmann und vor allem von Gadennyn hintergehen lassen. Seine Menschenkenntnis hatte aufs Schlimmste versagt. Erst ganz am Schluss der Reise war sein Gewissen erwacht, und dennoch hatte er nicht auf sein Herz gehört und den Schwarzen Abt getötet. Die Erinnerung an seine furchtbare Traumreise durch die Unterwelt und die insektenhafte Gestalt, die ihn zur Rede gestellt hatte, kam wieder auf. Das Wesen – konnte es wirklich Wathan gewesen sein? – hatte Traigar eine neue Aufgabe gegeben. Er sollte den wahren Semanius zur Strecke bringen, um seine Schuld zu begleichen. Nur dadurch würde er seinen Seelenfrieden wiedergewinnen. Entschlossen unterbrach er die fruchtlose Debatte seiner Gefährten.
„Ja, wir sind verraten worden und haben einen schlimmen Fehler gemacht. Wir waren uns einig im Ziel unserer Mission und haben uns furchtbar geirrt. Aber ich habe die Tat begangen! Dafür seid ihr nicht verantwortlich. Ich werde wohl nie überwinden, was ich getan habe. Ein schlechtes Gewissen ist die mindeste aller Strafen, die ich für ein solches Verbrechen verdiene. Doch es hilft nichts, wenn wir jammern und uns selbst bemitleiden. Wir müssen Semanius’ Pläne, das Land zu unterjochen, durchkreuzen.“
Seine Gefährten stritten ab, dass er die alleinige Schuld trug. Sie pochten auf ihre Mitverantwortung. Aber sie gaben ihrem jungen Anführer Recht: Wenn ihnen der stellvertretende Abt die Wahrheit erzählt hatte, so mussten sie helfen, Gadennyn aufzuhalten. Doch Cora hatte Zweifel:
„Dürfen wir diesen Schwarzen Mönchen denn trauen? Was, wenn sie gelogen haben, um die Schmach ihrer Niederlage zu verringern? Was, wenn Nunoc Baryth doch der wiedergeborene Lordmagier war?“
„Nur einer kann uns darüber die Wahrheit sagen“, meinte Boc, „nämlich Gother.“
Bevor sie über Gormens Angebot, dem Orden Treue zu schwören, nachgedacht hatten, kehrte dieser zurück.
Spin erklärte dem stellvertretenden Abt ihren Standpunkt:
„ Vielleicht haben wir einen großen Fehler begangen, aber vielleicht führst du uns ja an der Nase herum. Bevor wir dir helfen, wollen wir erst mehr wissen. Erzähle uns alles über Nunoc Baryth, euren Orden und wie ihr erfahren haben wollt, Gadennyn sei Semanius. Außerdem wollen wir dies von Gother bestätigt haben.“
Gormen schien das Ansinnen nicht als Anmaßung zu verstehen. Er hatte wohl damit gerechnet.
„Gut, so soll es sein. Ich werde euch die Fesseln abnehmen lassen, doch noch seid ihr Gefangene. Die Freiheit erhaltet ihr, nachdem ihr den Schwur geleistet habt. An eine Flucht braucht ihr gar nicht erst zu denken. Die Klosterpforten sind geschlossen und schwer bewacht. Sonst gibt es keinen Ausgang.“
Nachdem die Wachen die Gefährten losgebunden hatten, fuhr er fort:
„Kommt mit, ich führe euch jetzt zu Gother.“
Winger beobachtete von der Felsenplattform am Hang des Klostertals, wie man die Gefangenen in ein Gebäude führte. Aus dieser Entfernung konnte er sie ohne Fernrohr nicht erkennen, aber er zählte insgesamt acht Menschen und nahm an, die in der Mitte Gehenden seien seine Freunde. Der Baumeister rätselte: War Semanius tot? Drohte seinen Gefährten unmittelbar Unheil? Würde man sie sofort töten oder ihnen später den Prozess machen?
Doch jetzt, am helllichten Tag, konnte er nichts unternehmen. Er wollte bis zur Dunkelheit warten und dann in das Kloster eindringen.
Traigar blickte voller Verachtung in das grinsende Gesicht des Hauptmanns, der gefesselt auf seiner Pritsche in einer Zelle im Kellergewölbe des Klosters hockte. Gother hatte gerade Gormens Behauptung bestätigt.
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