„Ja, es stimmt. Ihr alle habt Semanius gedient – trotz eurer mangelnden Loyalität besser, als ich erwartet habe. Und ich bin ein bisschen stolz auf euch. Ihr habt große Gefahren gemeistert, um den gefährlichsten Feind des Lords zu töten. Ich wünschte, wir könnten zurückkehren, um gemeinsam die Anerkennung und Dankbarkeit Lord Gadennyns zu erfahren. Vielleicht würdet ihr es ja dann begreifen: All dies war notwendig.“
„Erkläre es uns jetzt !“, forderte Spin mit kalter Stimme.
Gother seufzte. „Ich glaube kaum, dass ihr das versteht. Aber ich will es versuchen:
Gadennyn ist zweifellos ein großer Mann, überaus fähig und von Wathan dazu auserkoren, das Reich zu einen und wieder zu alter Größe zu führen. Aber er verfügt nicht über Armeen, um diesen Anspruch zu verwirklichen. Die Mächtigen im zersplitterten Königreich, seien es die koridreanischen Fürsten, unser eigener unfähiger König, der idiotische Herrscher von Orinokavo, die Kaufleute und die Bandenführer von Pheldae, ja, nicht einmal der Pridemus, würden ihm folgen und ihre eigene Macht aufgeben für einen Traum von einem Großreich, das bis an die Grenzen der Welt reicht. Doch es ist Wathans Wille: Jemand soll diesen Traum verwirklichen. Deshalb sandte er seinem auserwählten Volk einen Führer und schenkte ihm eine gefallene Seele, die des letzten Lordmagiers, eines Mannes, der über beinahe unbegrenzte magische Kraft verfügte. Vielleicht wollte Semanius ja damals zu viel, forderte mehr von der Welt, als sie ihm zu geben bereit war, ging zu unbedacht und zu stürmisch vor. Aber Lord Gadennyn, der neue Semanius, ist ein anderer. Einer, dem man die Welt anvertrauen darf, der das Beste für sie will. Oder vielmehr: das Beste für die Menschen des wiedervereinten Reiches, denn er wird dessen Feinde vom Erdboden tilgen!
Ihr kennt die Geschichte der Eroberungsfeldzüge aus dem Süden, die nur Dank der Magier des Alten Königreichs aufgehalten werden konnten. Sonst hätten die Südländer die Städte niedergebrannt und geplündert, die Frauen und Kinder versklavt und die Männer getötet. Semanius hat noch ein paar Rechnungen mit ihnen offen. Und ich werde seine Liste um ein weiteres Feindesvolk ergänzen, nämlich das der verdammenswerten Ostmenschen! Auch wenn du ihren Herrscher Amaran getötet hast, Traigar: Seine Untertanen sind und bleiben eine Gefahr für die Menschen des Westens und müssen ausgerottet werden.“
„Also will Gadennyn ebenfalls die Welt mit Krieg überziehen“, stellte der junge Magier mit tonloser Stimme fest.
„Ja, aber mit einem Krieg, der uns den Sieg und die Herrschaft über alle Länder beschert. Jetzt, wo Nunoc Baryth tot ist, kann niemand mehr den Lord aufhalten. Schade, wir werden es nicht mehr erleben, denn diese schwarzen Krähen bringen uns zweifellos um.“
„Da irrt Ihr Euch, Hauptmann“, erwiderte Gormen Helath. „ Wir töten niemanden.“
Gother lachte: „Umso besser! Wenn ihr mir nicht das Leben nehmt, entkomme ich euch irgendwann, oder Gadennyn wird mich befreien. Und auf seiner Liste stehen nicht nur die Feinde von außen, sondern auch die von innen. Er wird mit euch nicht so gnädig verfahren.“
Dremion sprach mit zitternder Stimme. „Ich habe Euch vertraut, Hauptmann, dachte, Ihr seid ein guter Mensch. Aber Ihr seid grundböse!“
Wieder lachte der Gefangene auf. „Du bist naiv, kleiner Soldat. Moral kann man drehen und wenden. Die Bösen stehen immer auf der jeweils anderen Seite. Deshalb ist es so einfach, Kriege zu begründen.
Boc spuckte aus. „Bei ihm ist guter Wille verloren. Wir haben gehört, was wir erfahren mussten. Gehen wir.“
Der stellvertretende Abt führte sie in eine kleine Halle. Wandteppiche, die religiöse Szenen darstellten, schmückten sie. Der Raum besaß an der einen Seite hohe Fenster und wirkte hell und freundlich, wies aber keinerlei Mobiliar auf. Lediglich einige Sitzkissen lagen auf dem Boden.
„Dies ist unser Meditationsraum“, erklärte Gormen. „Hier finden wir in den Stunden zwischen dem Abendmahl und dem Nachtgebet Ruhe, Einkehr und Besinnung. Bitte setzt euch. Ich erzähle euch nun alles, was ich weiß.“
Er schickte die Wachen aus dem Raum. Die Gefährten und er ließen sich auf den Kissen im Kreis nieder. Er blickte sie einen nach dem anderen an, bevor er begann:
„Ihr wolltet mehr über Nunoc Baryth und den Schwarzen Orden erfahren. Ich weiß: Viele Menschen verbinden die Farbe Schwarz mit dem Bösen, ein Vorurteil, dass Gadennyn natürlich gut passt. Der Tod kommt in schwarzem Gewand, will man Legenden und Kamingeschichten glauben, und deshalb erweckt schwarze Kleidung, wie wir sie tragen, bei einigen Angst und Schrecken. Auch in der religiösen Tradition unseres Ordens steht schwarz für den Tod. Aber nicht für den Tod als schreckliches Ende, sondern für den Neubeginn, für die Ablösung der Seele vom schwachen Fleisch und für das spirituelle Leben nach der Vereinigung mit Wathan. Schwarz ist für uns die Farbe Gottes, des ewigen Lebens und der Freude.
Nunoc Baryth hat den Schwarzen Orden nicht gegründet, er ist schon Hunderte von Jahren alt. Bereits zu Semanius’ Zeiten – des ersten Semanius’ meine ich – existierte er schon lange. Damals eine gewöhnliche Klosterbruderschaft, unterschied er sich durch seine Riten und Zeremonien nur wenig von anderen Orden. Bald aber ragte er heraus durch die Gelehrsamkeit seiner Glaubensbrüder. Unsere Gemeinschaft war die erste, die Frauen in ihre Reihen aufnahm. Nicht selten in der Ordensgeschichte stand eine Hohe Äbtissin an seiner Spitze.
Der Schwarze Orden hat nie das weltliche Wissen gebrandmarkt; ganz im Gegenteil: Er war berühmt für seine großen Naturforscher und Denker. Die bedeutende Philosophin Meire Tessalin, die den ‚Kodex für die Herrschenden’ verfasst hat, und der Astronom Pashamar gehörten ihm an. Wir sind dem Großtempel Wathans schon immer ein Dorn im Auge gewesen, weil wir undogmatisch sind und nicht jedes Ereignis göttlichem Handeln zuordnen. Wathan hat die Welt erschaffen, das stimmt, aber er hat ihr auch die Naturgesetze geschenkt, die es ihr erlauben, ohne sein ständiges Wirken zu funktionieren. Wathan schickt keine Stürme, Fluten, Dürren oder Hungersnöte. Das sind Naturereignisse, voraussehbare Wirkungen, die auf weltlichen Ursachen beruhen. Wathan bestraft in diesem Leben weder die bösen Menschen noch führt er die guten in Versuchung. Er hat Mensch und Tier einen Platz in der Welt zugewiesen, und wir müssen selbst sehen, wie wir damit zurechtkommen. Alle Ungerechtigkeiten, die uns widerfahren, werden jedoch vergessen sein, wenn wir einst mit ihm vereint sind ... Oh, verzeiht, ich schweife ab.
Ich sagte, dass sich der Schwarze Orden als Hort der Forschung und Lehre hervortat. Ein Zweig des Wissens hat es uns besonders angetan, die Geschichte unseres und anderer Völker dieser Welt. Wir beobachten das Wirken der Menschheit schon lange, denn auch wenn wir keine Mittel gegen Naturkatastrophen, gegen Krankheit und Tod haben: Die größte Gefahr für uns Menschen geht immer noch von uns selbst aus. Unsere schlimmsten Geißeln sind Krieg, Unterdrückung, Unfreiheit, Hass und Verachtung für die, die wir als gering von Wert einschätzen. Menschen tun den Menschen Schlimmes an. Und die größte Bedrohung geht von den Mächtigen aus. Nicht alle Fürsten und Könige, ja nicht einmal die hohen Würdenträger des Tempels sind gute Menschen. Manche missbrauchen ihre Macht zu ihren eigenen Zwecken.
Aus der Vergangenheit kann man vieles lernen. Man kann sie mit Entwicklungen der Gegenwart vergleichen und erkennen, ob diese zum Guten oder Schlechten führen. Also haben wir schon immer beobachtet, aufgeschrieben, verglichen und analysiert.
Wir haben uns bemüht, unsere Erkenntnisse einzusetzen, um gute Entwicklungen zu fördern und schlechte zu verhindern. Über Jahrhunderte hinweg sandten wir Berater an den Hof der gerade regierenden Könige und Königinnen, an Fürstensitze im ganzen Reich, an Stadträte, die Verbände der Kaufleute, der Bauern und an alle Einflussreichen, die die Geschicke der Menschen mitbestimmten. Viele von ihnen hießen unseren Rat willkommen, doch nicht wenige hörten nicht auf uns, und manche verfolgten uns gar mit bitterem Hass. Einer von diesen war Semanius, der Lordmagier. Der Schwarze Orden beobachtete ihn und sein Wirken und warnte Königin Kierande. Doch er konnte das heraufziehende Unheil nicht verhindern. Semanius ließ unsere Klöster überall niederbrennen. Weit mehr als die Hälfte unserer Mönche und Nonnen starben. Wahrscheinlich hätte er unseren Orden ganz ausgelöscht, wenn er nicht seltsamerweise freiwillig aus dem Leben geschieden wäre.
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