1 ...6 7 8 10 11 12 ...21 „Magier brauchen keine lange Ausbildungszeit. Ihre Aufgabe ist nicht der physische Kampf. Zwar hat Nunoc Baryth mich vieles gelehrt, auch, meine Magie besser einzusetzen, aber meine Aufnahme in den Schwarzen Orden erfolgte schon nach vier Monaten.“
„Aber warum trägst du keine schwarze Kutte?“, wollte Dremion wissen.
„Die schwarze Robe müssen wir nur zu besonderen Anlässen anlegen, etwa beim Gebet oder der Meditation. Ansonsten kleiden wir uns in Grau wie die Novizen und die Brüder und Schwestern, die zwar dem Kloster angehören, sich aber nicht berufen fühlen, in den Schwarzen Orden einzutreten, und Wathan lieber auf andere Weise dienen wollen. Einigen meiner Ordensbrüder ist es zu lästig, sich mehrmals am Tag umzuziehen, deshalb tragen sie ständig schwarz. Ich halte es mit Nunoc Baryth, der als Zeichen seiner Demut die meiste Zeit die graue Kutte trug. Nun muss ich aber auch Schwarz anlegen, denn euer Eid steht bevor. Folgt mir.“
Duna führte sie in eine Kleiderkammer in einem der Klostergebäude. Hier hingen schwarze und graue Kutten an den Wänden. Sie öffnete eine Kiste und nahm einige nicht getragene graue Kleidungsstücke heraus.
„Ihr müsst euch nackt ausziehen und dürft nur diese Sachen tragen. Sucht euch aus, was euch passt. Du –“, sie zeigte auf Cora, „wie heißt du?“ Die Angesprochene nannte ihren Namen. „Gut, Cora. Folge mir in den Umkleideraum der Schwestern. Euch hole ich hier wieder ab.“
Etwas später standen sie alle wieder beisammen, gekleidet in graue und mit einem Lederriemen gegürtete Kutten aus rauem, grobem Stoff, der unangenehm auf der Haut kratzte. Nur Duna trug Schwarz. Sie wies sie an, ihre Häupter mit den Kapuzen zu verhüllen, bevor sie das Allerheiligste beträten. Damit meinte sie den Tempel des Klosters, in dem die heiligen Zeremonien abgehalten wurden. Die Koridreaner folgten ihr in den schlichten, schmucklosen Raum, in dessen Mitte ein Altar stand. Auf diesem Altar hatte man eine senkrechte Eisenstange angebracht, auf der zwei durchbohrte, etwa kopfgroße Kugeln aufgereiht waren, die obere schwarz und die untere Rot. Das Zeichen Wathans.
Cora verstand. Die schwarze Kugel stand für Wathan-Bejhi, die rote für Wathan-Kha. Deshalb die schwarzen Roben und die roten Tätowierungen der Mitglieder des Ordens. Sie dienten beiden Aspekten Gottes, nicht nur dem Schenker, Schöpfer und Lebensspender, wie es die meisten anderen Orden taten, sondern auch dem Fordernden, dem Richter und Strafenden.
Duna wies sie an, vor dem Altar niederzuknien. Nach und nach füllte sich der Tempel mit Männern und Frauen, die in einem Kreis um die Knienden Aufstellung nahmen.
„Ihr wartet hier schweigend, bis alle Ordensbrüder versammelt sind. Dann tritt Gormen Helath vor euch und spricht euch den Eid vor. Jeder von euch wird ihn Wort für Wort wiedergeben, wenn er euch dazu auffordert. Ich sage euch jetzt die Worte des Eides, damit ihr darüber nachdenken könnt. Wenn ihr ihn schwört, muss jedes Wort von Herzen kommen und absolut ehrlich gemeint sein. Falls ihr zu der Überzeugung kommt, den Schwur nicht leisten zu können, dann steht auf und geht hinaus.
Der Eid lautet:
Ich schwöre dem Schwarzen Orden und meinem Herrn, Wathan, unverbrüchliche Treue bis in den Tod. Von nun an bin ich ein Grauer“, sie wandte sich an Cora: „oder eine Graue. Ich entsage jeglichem Besitz. Alles was ich habe, gehört allen meines Ordens. Ich gelobe dem Ordensoberhaupt und den Schwarzen Brüdern und Schwestern Gehorsam und befolge ihre Anweisungen, sofern sie nicht dem Willen Wathans widersprechen. Ich gelobe, alles in meiner Macht Stehende zu tun, um Böses von der Welt abzuwenden, Kranke zu heilen, die Not der Armen zu lindern, die Wehrlosen zu verteidigen und zu beschützen.“
Boc schaute sie mit entsetztem Gesichtsausdruck an. „Das kann ich nicht schwören!“
Duna lächelte unerwartet. „Und warum nicht?“
„Ich kann kein Mönch werden. Ich liebe Cora und will sie heiraten!“
„Keine Angst. Keiner von euch wird durch den Eid ein Mönch oder eine Nonne. Der Orden hat geistige und weltliche Angehörige. Die wenigsten der Schwarzen Kämpfer etwa sind Mönche. Ihr müsst die geistlichen Pflichten, wie etwa die Durchführung der heiligen Rituale, nicht erfüllen. Allerdings würde es gerne gesehen, wenn ihr am Gebet teilnehmt, solange ihr euch im Kloster aufhaltet. Selbstverständlich dürft ihr außerhalb des Klosters eine Familie gründen. Wathan braucht Menschen, die ihm auf ihre Weise dienen, nicht Betbrüder und Scheinheilige.“
Der Tempel war gut gefüllt, doch noch immer ließ sich der Ordensführer nicht blicken. Die Zeit schien wie zäher Sirup zu verrinnen. Traigars Knie schmerzten. Ja, er hatte Dunas Rat befolgt und gut über den Eid nachgedacht. Die Verpflichtungen, die er damit einging, schienen ihm angemessen, sogar gering, wenn er sie gegen seine Schuld aufwog, gegen den immensen Verlust, den der Orden und die ganze Menschheit durch den Tod Nunoc Baryths erlitten hatten. Die anderen schienen ähnlich zu denken, denn keiner von ihnen war aufgestanden und gegangen. Er erkannte allerdings, dass Dremion immer noch schwer mit sich zu kämpfen hatte. Auch Spin, Cora und Boc schien die Entscheidung nicht leicht gefallen zu sein. Er hatte ihre zweifelnden Gesichter beobachtet, doch jetzt schienen sie ruhig und entschlossen.
Eine Glocke ertönte. Die Ordensbrüder und -schwestern murmelten ein Gebet. Dann erschienen die Schwarzgekleideten, in ihrer Mitte Gormen Helath. Traigar kniete ganz rechts außen und Gormen trat vor die am linken Ende der Reihe kauernde Cora. Er legte ihr die Hand auf das Haupt und rezitierte den Eid. Die junge Frau sprach ihn ohne zu zögern nach. Dann kam Boc an die Reihe. Nach und nach leisteten alle den Schwur, bis der Ordensführer endlich vor Traigar trat, der die Worte inzwischen auswendig kannte. Gormen begann:
„Ich, Traigar, schwöre dem Schwarzen Orden und meinem Herrn, Wathan, unverbrüchliche Treue bis in den Tod. Von nun an bin ich ein Schwarzer.“ Traigar wiederholte die Worte, beinahe ohne nachzudenken. Erst am Ende des Satzes zögerte er. „Von nun an bin ich ein, äh, Grauer.“
„Du hast die Eidesformel nicht korrekt nachgesprochen, Traigar“, erklärte Gormen mit milde tadelndem Ton und korrigierte ihn: „Von nun an bist du ein Schwarzer, ein Mitglied des Schwarzen Ordens.“
Traigar fühlte sich verwirrt. „Aber die anderen …“
„Wir müssen deinen besonderen Fähigkeiten Rechnung tragen. Du bist ein Magier, und …“, er griff hinter sich und nahm von einem seiner Brüder den Kampfstab entgegen, den Traigar in der Waffenkammer von Lord Gadennyns Burg gefunden hatte, „ein Schwarzer Kämpfer. Du hast diesen Stab mit Recht getragen.“ Er erwiderte den entsetzten Blick des Jungen mit Augen, die Gelassenheit und Vertrauen zeigten. „Keine Angst, ich weiß sehr wohl, wem diese Waffe gehörte. Aber nicht du warst es, der ihn getötet hat. Nimm ihn nun. Können wir mit dem Schwur fortfahren?“
Traigar nahm die Waffe aus der Hand des Abts an und nickte wie betäubt.
Als sie draußen auf den Bänken saßen, aßen und tranken, feierten und lachten, als gäbe es überhaupt keinen Trauerfall im Orden, konnte er es noch immer nicht fassen: Er gehörte nun zu den Schwarzen Kämpfern!
Die Reisegefährten aus Koridrea saßen zusammen mit Gormen Helath, Duna und einem Dutzend schwarz gekleideter Ordensbrüder und -schwestern an einem langen Tisch. Ringsumher, an den anderen Tischen, herrschte eine ausgelassene und gar nicht klösterliche Stimmung. Eine Frau lachte kreischend, ein Mann sang ein lustiges Lied von einem Fährmann, der eine Herde Schafe übersetzen sollte, deren Hammel sich mit ihm um den Preis stritt, so jedenfalls fasste Traigar den Inhalt des in vulcoranischer Sprache vorgetragenen Liedes für seine Freunde zusammen.
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