1 ...8 9 10 12 13 14 ...21 Die andere Frau nickte. „Gut, ich helfe dir.“
Duna winkte die Zuschauer ungeduldig aus dem Zimmer und schloss die Tür. Die anderen standen draußen unschlüssig herum. Endlich fiel einem von ihnen ein, Gormen Helath, der im Klosterturm wohnte, Bescheid zu geben. Kurze Zeit darauf tauchte der stellvertretende Abt mit einigen hochrangigen Mitgliedern des Schwarzen Ordens auf.
„Was ist geschehen?“, wollte er wissen. Spin berichtete ihm, was sie wussten. Es war nicht gerade viel. Gormen runzelte die Stirn. „Ihr kennt den Mann? Er ist euer Reisebegleiter? Wann wolltet ihr mir das eigentlich mitteilen?“
Spin entschuldigte sich und seine Freunde:
„Wir dachten, er habe das Weite gesucht. Er hat uns verlassen, bevor Traigar und Gother in das Kloster eindrangen. Ehrlich gesagt, ich habe ihn fast vergessen.“
„Aber was wollte er hier? Wo ist er hergekommen?“
Spin schlug sich mit der Hand vor die Stirn.
„Die Blutspur kommt aus dem Keller! Hat denn schon jemand von euch dort nachgesehen?“
Es stellte sich heraus, dass noch niemand auf die Idee gekommen war. Gormen wies zwei der Schwarzen Kämpfer an, ihm zu folgen und eilte davon.
Eine geraume Weile danach versammelten sich einige der Schwarzen Brüder und Schwestern zusammen mit den Koridreanern in Gormens Turmzimmer. Der neue Ordensführer berichtete:
„Gother ist entkommen! Er hat Jela, der ihn bewachte, ermordet und euren Begleiter Winger, der den Gefangenen offenbar befreit hat, niedergestochen. Er muss ein paar Stunden Vorsprung haben, denn bei Jela ist schon die Leichenstarre eingetreten.“
Einige der Schwarzgekleideten schauten die Männer und die Frau aus Koridrea böse an. Boc verteidigte den Baumeister:
„Winger hat doch nicht gewusst, dass sich die Situation grundlegend geändert hat. Er ging wohl davon aus, dass wir alle gefangen genommen worden sind, und wähnte uns in der Hand von Semanius. Der arme Winger. Er will stets helfen und das Richtige tun und begeht einen Irrtum nach dem anderen.“
„Leider erweist sich sein letzter als fatal“, meinte Gormen. „Ich hatte gehofft, Gadennyn in die Irre führen zu können, ihn in dem Glauben zu lassen, Nunoc Baryth lebe noch und ihr wäret gescheitert. Aber wenn Gother entkommt, wird sein Herr erfahren, dass sein Plan aufgegangen ist. Wir müssen ihn fassen. Er hat seine Flucht mit Bedacht geplant. Im Vorratsraum fehlen Lebensmittel und im Stall zwei unserer besten Pferde.“
„Zwei?“, wunderte sich Spin. „Das heißt, er will die Pferde unterwegs wechseln, wenn sein Reittier ermüdet. So kann er viel schneller vorankommen. Aber der Weg ist weit. Über zweitausend Meilen sind es von hier nach Shoal. Er muss vorsichtig sein, sobald er Pheldae erreicht. Wegen der umherstreifenden Banden wird er dort nur nachts reiten können. Wir holen ihn ein. Es ist nur eine Frage der Zeit.“
Dremion meldete sich zu Wort:
„Ich fürchte, die wird eher knapp. Er reitet nämlich nicht nach Süden, sondern nach Westen.“
Alle blickten ihn fragend an, und so fuhr er fort:
„Nachdem wir uns auf unserer Reise durch die Ostlande nach Zaphirs Tod zerstritten hatten, misstraute Gother euch, und er sprach nur offen zu mir. Er hatte Pläne für die Flucht nach dem Attentat auf Nunoc Baryth geschmiedet und erzählte, im Hafen von Khor warte ein Schiff Gadennyns auf uns. Sollten wir es rechtzeitig vor Beginn der Herbstürme erreichen, könnten wir, so sagte er, in höchstens sechs Wochen wieder in Shoal sein.“
„Bis Khor ist es nur ein Zehntel der Strecke von hier bis Koridrea“, meinte einer der Schwarzen Kämpfer, sein Name war Grom. „Wir müssen sofort losreiten, wollen wir ihn noch einholen!“
Gormen stimmte zu: „Nimm dir zwei gute Männer, Grom, und verfolge ihn. Doch ich will ihn lebend.“
Grom und zwei andere verließen den Raum, um den Befehl ihres Oberhauptes auszuführen. Dieser wandte sich an Cora:
„Wie geht es eurem Freund Winger?“
„Er lebt, doch ob er es schaffen wird, weiß Wathan allein. Er hat sehr viel Blut verloren, und seine Lunge ist verletzt. Myria kümmert sich jetzt um ihn. Wir werden uns Tag und Nacht bei der Pflege abwechseln.“
„Ich werde den Schamanen der Pferdeleute kommen lassen. Er kann wahre Wunder wirken und hat uns schon einige Male geholfen.“
„Pferdeleute?“, erkundigte sich Spin.
„So nennen sich die Menschen der Nomadenstämme. Die Yauqui, die Nomaden des Nordens, lagern zurzeit nicht weit von hier.“
Gormen erteilte nun verschiedene Anweisungen an einige der anwesenden Mönche und Nonnen. Sie sollten die Leiche von Jela neben der von Nunoc Baryth aufbahren, nach dem Schamanen schicken und dafür sorgen, dass alle Brüder und Schwestern wieder ihren normalen Pflichten nachgingen. Er bat sie außerdem, die Totenfeier für die beiden Ermordeten vorzubereiten. Nachdem die Angesprochenen den Raum verlassen hatten, um seine Aufträge auszuführen, wandte sich der Ordensführer an die noch Anwesenden. Das waren die Koridreaner, Duna, Teuben, ein untersetzter, älterer Mann, den Gormen zu seinem Stellvertreter ernannt hatte, sowie Methor, Seyn und Legis, drei Schwarze Kämpfer des Ordens. Die Letztgenannten waren große Männer mit eindrucksvollem Körperbau und kahlen, tätowierten Schädeln. Gormen wandte sich an die Gefährten aus Koridrea:
„Wir müssen nun beraten, was wir gegen Athlan Gadennyn unternehmen wollen, doch zuvor sollt ihr alles erfahren, was wir über ihn wissen. Folgt mir in die geheime Bibliothek.“
Gormen ging mit einer Öllampe in der Hand voran. Sie stiegen eine steile, gewundene Treppe hinab, die in einem kleinen Vorraum im Kellergeschoß des Wohnturms endete. Der stellvertretende Abt öffnete eine schwere Tür. Innen zündete er einige Wandlampen an. Die anderen folgten ihm in das Gewölbe, ein riesiger Raum, vollgestopft mit Bücherregalen: An den Wänden befestigt und mitten im Raum fast bis zur Decke reichend, bildeten sie ein Labyrinth von Gängen. Gormen Helath führte sie hindurch, bog mehrfach ab und blieb schließlich vor einem Wandregal stehen. Er zeichnete eine Geste in die Luft, und sie hörten ein Klicken hinter den Büchern. Das Regal bewegte sich wie von Geisterhand geschoben nach hinten und gab eine Öffnung frei.
Eine magische Geheimtür, dachte Traigar. Von außen kam man nicht an den Öffnungsmechanismus heran. Der Ordensführer hatte wohl seine magische Fernkraft eingesetzt, um den Mechanismus auszulösen.
Sie betraten einen mittelgroßen Raum. Auch hier zündete ihr Führer einige Lampen an. In dem einzigen Wandregal gab es nur drei volle Reihen mit Büchern, einige Schriftrollen und eine kleine Truhe. In der Mitte des Zimmers standen ein runder Tisch und darum ein Dutzend Stühle. Gormen wies sie an, Platz zu nehmen.
Er holte die Truhe aus einem Regal, öffnete sie und nahm ein Buch und eine Schriftrolle heraus.
„Nunoc Baryth hat nach Athlan Gadennyns Verbannung aus unserem Orden Nachforschungen über ihn angestellt. Er hat sich in das Kloster begeben, in dem der junge Mann als Novize diente, bevor er zu uns kam, und die Mönche dort über ihn befragt. Alles was er herausgefunden hat, steht in dieser Schriftrolle. Der Abt des anderen Ordens gab, so erzählte er Gormen, Athlan den Auftrag, die alten Bücher und Schriften der dortigen Bibliothek zu katalogisieren, und der junge Novize erledigte die Aufgabe gewissenhaft. Er legte eine Liste von allen im Archiv verschollenen und wiederentdeckten Schätzen an. Nunoc studierte diese Liste, und es überraschte ihn, als er auf einen Eintrag mit dem Titel ‚Semanius’ stieß. Er ließ sich den Band geben. Diesen hier.“
Gormen zeigte auf das unscheinbare Büchlein, das auf dem Tisch lag.
„Es ist ein Tagebuch, vor mehr als 450 Jahren vom Lordmagier selbst geschrieben. Athlan hat es bei seiner Arbeit in der Bibliothek gefunden, und es muss ihn entscheidend beeinflusst haben. Natürlich steht vieles darin, das ohne Belang für uns ist. Aber Nunoc Baryth hat die wichtigen Passagen angestrichen. Ich möchte sie euch vorlesen.
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