Aus heutiger Sicht frage ich mich: „Wäre ein Vorgehen ähnlicher Art in Deutschland wie in Indien denkbar?“ Wohl kaum! Erstens wäre ich über die Zollbehörde, höchstens über das zuständige Ministerium, nicht hinausgekommen. Und unsere Schreiben hätten den Bundeskanzler nicht erreicht. Und wenn doch, hätte er keine Ausnahme von den Regeln machen können. Die schwerfällige pakistanische und indische Bürokratie wurde offensichtlich durch ein Maß an Menschlichkeit ergänzt, das die vielfältigen Hemmnisse moderierte. Unsere lange Odyssee führte zum vorläufigen Höhepunkt: Nach monatelangem Warten in Iran und in Pakistan waren wir gemeinsam in Indien angekommen.
Ich hatte viel gelernt über fremde Länder und alte Kulturen. Auch über die verschlungenen Pfade der Bürokratie. Aber von Father Abraham lernte ich noch viel mehr: ein sehr viel besseres Englisch und Wissen über die Strukturen der organisierten Religionen, über Eigenheiten von Regierungen, über Bürokratie und wie man mit ihr zurechtkommen kann. Über Indien und seine Sitten und Gebräuche. Über die Art, wie man in der Gesellschaft agieren konnte. Über die Kunst der Rede und die Macht der Worte.
Dies alles war wie ein „Praktikum des Lebens‘“, weil ich vieles lernte, was mir in meinem Elternhaus, im Kloster oder im Gymnasium gar nicht vermittelt werden konnte. Und der Lehrer saß fast die ganze Zeit neben mir und beantwortete geduldig meine Fragen. Er tat dies wohl nicht ungern, denn so verstrich die Zeit während der langen Autofahrten auch für ihn viel schneller.
Dennoch meldeten sich die Fragen wieder, die ich bei meiner Abreise aus Österreich meinem Schutzgeist gestellt hatte. Und ich setzte meinen Dialog mit ihm fort: „Genius, habe ich nicht im vergangenen Jahr viele beeindruckende Erlebnisse gehabt? Etliche Abenteuer gut überstanden? Viel über Land und Leute gelernt? Hätte meine Maturafahrt großartiger sein können?“
Seine Antwort: „Ja, sicher trifft dies alles zu. Noch mehr jedoch haben die Herausforderungen der Reise dir eine Gelegenheit geliefert, deine eigenen Kräfte zu testen und deine Ängste zu überwinden. Das alles ist schön und gut. Aber es beantwortet nicht die Fragen, auf die du bei dieser Reise eine Antwort suchen und finden wolltest! Muss ich dich an diese erinnern?“
„ Nein, nein! Du hast ja recht! Aber ich habe bereits wichtige Erkenntnisse gewonnen: Zum Beispiel, dass es neben dem Christentum, dessen Spuren ich in vielen Formen in Griechenland, aber auch in der Türkei, sogar in Syrien und Ägypten, sehen konnte, auch andere bedeutende Religionen gibt. So hat mich der Islam sehr beeindruckt, weil er gerade für einen denkenden Menschen viele positive Antworten liefert. Oder auch die Lehre Zarathustras über die Verantwortung jedes einzelnen Menschen im Kampf gegen das Böse in der Welt. In beiden Religionen habe ich verblüffende Parallelen zur christlichen Botschaft feststellen können!“
„ Weißt du nun eine Antwort auf deine zentrale Frage: Welche Religion schafft den besten Menschen?“
„ Nein, Genius, dafür habe ich noch keine abschließende Antwort gefunden! Allerdings habe ich in den islamisch geprägten Ländern Menschen getroffen, deren Verhalten jedem Christen zur Ehre gereichen würde. Und unter den Hindus, die ich auf der Reise traf, solche, für die dies genauso zutreffen würde.“
„ Ist deine Suche damit beendet?“
„ Aber nein! Ich habe die bedeutendsten Religionen Indiens noch gar nicht näher kennengelernt! Gib mir mehr Zeit!“
„ Gut! Ich melde mich wieder! Verlass dich darauf!“
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